100 Stunden mit dem neuen Santa Cruz Tallboy

Die Fakten: Jungfernfahrt am 24. Juni 2010. Seither habe ich den Tallboy 32x benutzt, gibt in Summe 102 Stunden Fahrzeit, 1'431 Kilometer Wegstrecke und 34'500 Höhenmeter. Die durchschnittliche Tour dauerte etwa 3 Stunden, war knapp 45 Kilometer lang und bot etwas mehr als 1'000 Höhenmeter.

Defekte gab es keine! Halt, doch: insgesamt 3 platte Hinterreifen.

Zu Beginn bin ich hinten wie vorne schlauchlos gefahren (mit Stans Dichtmilch). Vorne ist das noch immer so, hinten habe ich nach zwei Plattfüssen dann doch wieder einen Schlauch eingelegt. Die Seitenwände des Racing Ralph Reifens sind einfach zu dünn für die Dichtmilchgeschichte. Mit Schlauch fährt es sich so problemlos wie immer. Dennoch möchte ich mit einem nächsten Reifen wieder schlauchlos ausprobieren. Von der Idee her überzeugt es mich schon.

Bisher verbrauchte ich hinten zwei paar Bremsbeläge. Sonst noch nichts. Beim aktuellen Kilometerstand sollte ich demnächst wohl die Kettenlängung kontrollieren, denn normalerweise halten bei mir 9fach-Ketten nur so um die 1'500 Kilometer.

Soweit die messbaren Fakten. Nun zum schwierigeren Teil, dem Fahreindruck. Dabei vergleiche ich den Tallboy klarerweise mit dem Intense Spider29, mit dem ich die letzten drei Jahre unterwegs war.

Berghoch: Auf Strassen tip-top. Gabel und Dämpfer lassen sich einfach und während der Fahrt bedienen. Vorne blockiere ich oft, hinten eher selten. Ich fahre dafür die Antiwipp-Einstellung am Dämpfer immer auf der höchsten Stufe. So eingestellt empfinde ich die hintere Federung noch als komfortabel und dennoch wippt im Wiegetritt nur sehr wenig. Wenn es aber richtig steil berghoch geht, komme ich mit dem Tallboy spürbar früher an meine Grenzen, als mit dem Intense Spider. Das hat viele Gründe. Ein flacherer Lenkwinkel und gleichzeitig kürzere Kettenstreben sind wohl die Wichtigsten. Die 20mm längere Gabel hebt zudem die Front noch etwas an.

Flach, wellig, Singletrail: Extrem Spass macht der Tallboy, wenn man mit der Kette auf dem grossen Kettenblatt fahren kann. Da walzt man alles nieder. Man kann der Santa Cruz Werbung durchaus glauben, wenn Sie den Tallboy mit einem Langstrecken-Lastwagen vergleicht. Natürlich ist der Tallboy in der Lenkung etwas träger als das Spider29, weil der Lenkwinkel flacher ist. Durch die kürzeren Sitzstreben und die leicht nach hinten versetzte Sitzposition wird das aber ziemlich gut ausgeglichen. Das ergibt Trailsurfen mit Schmackes! Man kann den Tallboy richtig in die Kurven schmeissen, während man mit dem Spider29 alles sehr präzise fahren musste.

Bergrunter ist der Tallboy eine Macht! Hier hilft der flachere Lenkwinkel und auch die 120mm Federweg an der Gabel wirken sich nun positiv aus. Das Bike ist immer gut kontrollierbar und es verleitet einem dauernd zum driften, springen und spielen. Ja, da macht der Tallboy Megaspass. Und da glaube ich auch den Steifigkeitsunterschied zwischen den beiden Bikes zu spüren. Der Carbonrahmen ist an sich schon steifer, dazu kommt die Steckachse am Vorderrad und das konische Steuerrohr, was alles für zusätzliche Steifigkeit sorgen soll.

Wichtig ist mir auch das Aussehen eines Bikes und da glänzt der Carbonrahmen mit fliessenden Formen und Übergängen und bietet einige, schön gelöste Details. Das Orange gefällt mir sehr gut. Auch wenn die gleichen, schwarzen Rahmen fast 200 Gramm leichter sind, so gefällt mir orange doch deutlich besser. Die Bremsen (Avid Elixier CR) sind sehr bissig und bisher auch schleif- und geräuschfrei. Gut so. Die Schaltung ist nahezu identisch mit den Komponenten am Intense Spider29. Das funktioniert problemlos (wieder vorne mit einem 20er KB).

Fazit: Der Tallboy von Santa Cruz ist ein gelungenes Bike, das ein breites Einsatzgebiet abdeckt. Es ist recht leicht (12,3 kg) und trotz den "Cross Country Race" Genen lädt es eher zum Touren- und All Mountain-Biking ein. Wer damit Marathonrennen bestreiten will, dem würde ich eine Reduktion des Galbefederwegs auf 100mm empfehlen, damit die Front etwas tiefer kommt und man dadurch berghoch profitiert.

Und sonst noch? Der Umstieg vom Intense Spider29 auf das Santa Cruz Tallboy ist nur in den oben beschriebenen Nuancen spürbar. Es fährt sich also ziemlich ähnlich wie das Intense und deshalb ist der Wow-Effekt von damals irgendwie ausgeblieben. Es ist nicht mehr dieser grosse Unterschied wie von einem 26er Fully auf ein 29er Fully. Erstaunt bin ich auch, dass ich das eine Kilo leichtere Bike im Fahrbetrieb nicht spüre. Genauso wie diese Steifigkeitsgeschichte. Das Intense war zugegeben weich, doch was soll nun der Vorteil dieser erhöhten Steifigkeit sein, wenn ich sie während des Fahrens nicht spüren kann?

Wie auch immer. Das Santa Cruz Tallboy ist bestimmt eine Empfehlung wert. Es gibt noch nicht wirklich viele 29er Carbon-Fullys und wer gerne "state of the art" fahren will, der ist mit einem Tallboy bestimmt gut beraten. Ausserem bietet der Rahmen eine super Ausgangslage für ein richtig leichtes Bike (es gibt ja viele, die auf Leichtbau schwören).

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Kommentare

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Vazifar am :

Danke für den Bericht. Ich wollte dich schon persönlich anschreiben um nach deinem Eindruck zum Tallboy zu fragen, nun hat sich das ja erledigt :-) Auf nächstes Jahr gibt es für mich wahrscheinlich auch ein neues Bike, vermutlich ein 29er. Ich hoffe ich kann den Tallboy am TestRide in Lenzerheide mal probefahren.
Antwort

taunusflitzer am :

Hallo Beat, bin bei der TransWales mit dem Tallboy "angefixt" worden - allerdings bin ich mir ob der Größe (L oder XL, bin 190, fahre bei 29ern 19,5/20") nicht sicher. Kannst Du mir wohl sagen, welche Vorbaulänge du fährst und welche Sitzhöhe Du hast. Danke und Gruß Thomas!
Antwort

beat am :

Ich bin 192cm gross, 92cm Schrittlänge, 81cm Sitzhöhe (Mitte Innenlager - Oben Mitte Sattel) Derzeitiger Vorbau: 90mm lang, 10° Steigung Derzeitiger Lenker: Salsa ProMoto, 11° backsweep Mein Bike ist Grösse XL und kleiner dürfte es (für mich) nicht sein.
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