letzter Arbeitstag

Schon nach dem Aufstehen beeindruckten mich die bevorstehenden Ereignisse... Für ein letztes Mal (für sehr lange Zeit) klingelte der Wecker um mich für einen Arbeitstag als Angestellter aufzuwecken. Duschen, rasieren, wie immer. Beim aus dem Hause Gehen musste ich aber zweimal nachdenken, ob ich alles dabei hatte. Es ist kein normaler Arbeitstag, sondern der Letzte.

Gearbeitet habe ich eigentlich nichts mehr. Ich kontrollierte nocheinmal, ob ich alle EDV-Systeme entsprechend nachgeführt habe, löschte letzte, persönliche Daten und machte mich zumindest elektronisch schon einmal unsichtbar. Dann spazierte ich durch das Firmengebäude und verabschiedete mich von den Mitarbeitern die ich kannte. Manch nettes Wort wurde mir mit auf den Weg gegeben und wenn man es auch nicht wirklich wollte, so hatten doch die meisten Gespräche eine etwas traurige Note. Nach der Mittagspause holte ich die bestellten Partybrote und das Bier für den Apéro und stellte alles in den Geheimkühlschrank im Labor. Nachmittags nahm ich ein letztes mal an unserem Teammeeting teil und dann war es also soweit. Die Zeit des Abschiedsapéros und des Abschiednehmens war gekommen.

Natürlich musste mein Vorgesetzter nach dem Anstossen ein paar Dankesworte sprechen und dann lag es an mir, mich zu verabschieden. Im Vorfeld hatte ich mich entschieden keine Rede vorzubereiten, sondern spontan zwei, drei Worte zu sagen. Ich wollte keine Ansprache halten und berufliche Highlights der letzten zehn Jahre ausgraben, denn das ist mir jetzt, so ganz am Schluss, nicht mehr wichtig. Wichtig sind die menschlichen Beziehungen die sich in dieser gemeinsamen Zeit etablierten und die sich nun zwangsläufig verändern werden. Wenn man eine Firma verlässt, verlässt man auch eine kleine Welt mit ihrem eigenen Beziehungskosmos und während man ein paar wenige Leute auch später noch sieht und trifft, so wird man doch die meisten der "bekannten Gesichter" aus den Augen verlieren. So ist das nunmal.

Ich habe den Anwesenden gesagt, dass ich die letzten Jahre nicht mehr wegen der Arbeit, sondern wegen Ihnen, wegen den zwischenmenschlichen Beziehungen und natürlich auch wegen dem netten Geld hier gearbeitet habe. Oh, halt, den feinen Gratis-Kaffee habe ich in der Aufzählung noch vergessen. Anyway; die Arbeit an sich und die komplexe Prozesslandschaft einer Weltfirma, das war es, was mich mürbe gemacht hat und was mir so gesehen auch gehofen hat, diese Workforce Optimierung positiv anzunehmen. Die Zeit für eine Veränderung ist nun gekommen und das eröffnet für beide Seiten neue Möglichkeiten. Während des Sprechens spürte ich mein Herz stark klopfen und langsam bildete sich ein Klos im Hals. Abschied nehmen fällt immer irgendwie schwer...

Der Apéro war aus meiner Sicht ein voller Erfolg. Die Partybrote waren sehr fein und auch das Bier hat gut geschmeckt und für alle gereicht. Langsam konnte ich mich entspannen und so stellte sich auch bei mir ein rundes Gefühl ein. Ja, so ist es gut, so kann ich gehen. Ganz zum Schluss gab ich -als quasi letzten Akt- meine Zutrittkarte ab. Nun bin ich draussen... das war mein letzter Arbeitstag.

man sah es kommen...

Heute um 09:00 Uhr wurde ich von meinem Chef zu einem "persönlichen Gespräch" in ein Sitzungszimmer bestellt. Wir trafen da einen Arbeitskollegen von der Personalabteilung, welcher einen kleinen Stapel Papiere mit sich trug. Allen war klar, worum es ging. Mein 60%-Arbeitsvertrag wurde aus Restrukturierungsgründen gekündigt.

Wie ich im September letzten Jahres bereits erwähnte, verlagert mein Arbeitgeber zunehmend Arbeiten in günstigere Produktionsländer. Dadurch wurde meine Position hier in der teuren Schweiz hinfällig und die Firma will nun zukünftig auf meine Dienste verzichten. Wirklich arbeiten muss ich nur noch bis Ende April, ab Mai werde ich bis zum Vertragsende freigestellt (Garden leave). Ganz konkret bedeutet das, dass ich noch ganze sechs Arbeitstage vor mir habe, dann ist Schluss. Nach zehn Dienstjahren geht das jetzt ganz schnell.

Nun gibt es noch ein paar Dinge zu regeln und abzuschliessen. Formulare für Versicherungen, Pensionskasse, Stellenvermittlung und zur Materialrückgabe. Alles wurde bereits vorbereitet. Obwohl ich es ja kommen sah, überrascht es mich nun, wie schnell das geht. Da wurde ich ganz professionell abserviert.

Es stehen also Veränderungen bevor!

Abends war ich mit Jürg auf eine letzte Bikerunde verabredet, bevor er mit seiner Frau für zehn Wochen nach Amerika reist. Er wird, unter anderem, einen Abstecher nach Moab und Durango machen und da eine Woche mit Guide biken. Das sind Kultstätten für Mountainbiker, Slickrock-Trails, das Beste vom Besten! Das wird bestimmt Spitze werden. Am Samstag startet ihre Reise und da wollten wir den heutigen Sportabend noch gemeinsam verbringen. Wir trafen Ueli, unseren Squashpartner, in einem nahen Restaurant und gönnten uns ein feines Abendessen. Heute gab es auch wirklich einiges zu erzählen...