(17) ein Tag als Rennradfahrer

Letzte Nacht schlief ich ziemlich schlecht, was mir nach grösseren Anstrengungen schon mal passiert. Ausserdem träumte ich ganz abstruse Geschichten. Als ich dann gegen halb acht Uhr aufstehen wollte, waren meine Beine ziemlich hart und gefühllos. So fiel es mir leicht, eine Strassenroute ins Auge zu fassen.

Bis zum Mittag wollte ich nach Arezzo und am Nachmittag dann schauen, wie weit in Richtung Lago di Trasimeno ich noch kommen würde. Das Frühstück war gut und reichlich, die Sonne schien bereits kräftig und es kündigte sich ein heisser Tag an. Bis nach Arezzo sind es nur knapp 40 Kilometer und die Strasse führt meist leicht bergab, so dass ich lange Zeit auf dem grossen Kettenblatt fahren konnte.

Gegen halb zwölf Uhr war ich dann in Arezzo und machte Bike-Sightseeing. Hier wurde der Film "La Vita e bella" gedreht und auch Karin hat mir erzählt, dass die historische Innenstadt ganz reizend sei. Und wahrhaftig, sie hat nicht zu viel versprochen. Eine Mischung aus Lucca und Siena. Vor allem die Piazza Grande ähnelt sehr dem Hauptplatz von Siena. Zwar etwas kleiner, doch genauso schief abfallend und umgeben mit schönen, mittelalterlichen Bauten. Ich versuchte mich vor dem Ratshaus per Selbstauslöser abzulichten, bevor ich mich in eines der schmucken Caffees setzte und eine Kleinigkeit zu mir nahm.

Natürlich hatte es wieder ziemlich viele Touristen und natürlich war ich dann doch nicht so angetan von der Vorstellung, ein Stadthotel zu belegen. Beim Kaffee studierte ich deshalb die Karte und merkte, dass es bis zum Lago die Trasimeno auf direktem Weg nur noch etwa 50 Kilometer sind, was durchaus zu schaffen sein sollte. Deshalb entschloss ich mich schon bald wieder aufzusitzen und loszufahren.

Am besten wäre ich nach Himmelsrichtung gefahren, doch da der direkte Weg entlang einer Hauptstrasse führt dachte ich, dass ich vorerst einmal den Schildern "tutto le direzione" folge und so die richtige Strasse erwische. Dem war aber nicht so. Tutto le direzione führte mich einfach einmal rund um den Ortskern und als ich das bemerkte bog ich voll falsch ab. Natürlich merkte ich das nicht sofort und dann dachte ich, dass das schon noch zu korrigieren sei. Urplötzlich befand ich mich aber auf einem Autobahnzubringer in dichtem Verkehr. Mist. Wenden. Wo bin ich denn nun? Natürlich wusste meine 1:600'000er Karte nichts von den angeschriebenen Vororten und so dauerte es eine ganze Weile, bis ich den Faden wieder gefunden hatte. Ich bin eine Stunde, oder 20 Kilometer, durch Vororte von Arezzo gefahren, bis ich entlich einen Wegweiser mit der gesuchten Aufschrift "Cortona" fand. Das wäre nicht nötig gewesen. Schon gar nicht in der grössten Mittagshitze. Na ja, sich ärgern bringt nichts. Mir wurde einfach wieder einmal bewusst, weshalb ich am liebsten nach vorgefertigten GPS-Tracks fahre...

Es folgten fast endlose, gerade Strecken mit leichten Wellen. Ziemlich starker Autoverkehr verlangte eine konzentrierte Fahrweise und so starrte ich fast nur vor mich hin auf die Fahrbahn. Dennoch registrierte ich, dass sich eine Gewitterfront zusammenbraute und der Wind stärker wurde und dauernd die Richtung änderte. Kurz vor Castiglion Fiorentina hielt ich noch kurz an um mit einem Coca Cola meinen Zuckerspiegel anzuheben, wobei ich noch das nebenstehende Foto des eindrucksvollen Castellos machte.

Der Zuckerstoss hat nicht wirklich lange angehalten und so begann ich auf den letzten Kilometern bis an den Lago di Trasimeno noch ziemlich zu leiden. Insgesamt hatte ich wohl zu wenig gegessen und getrunken, das Hirn wurde träge und so bin ich an der Abzweigung in Richtung Passignano sul Trasimeno prompt vorbei gefahren. Das merkte ich erst, als der See zu meiner linken lag, was eigentlich falsch ist, denn auf dem Weg nach Passignano sollte er auf der rechten Seite sein. Der See war schon richtig, doch ich war falsch... Also umdrehen. Auf dem nächsten Schild stand dann "Passignano s.T. 11 km." Hart. Das stehe ich ohne Verpflegung nicht durch.

Beim nächsten Tankstellenshop machte ich deshalb halt und kaufte gleich zwei Brötchen, eine Tafel Schokolade, eine Cola und eine 1,5l Flasche Wasser. Beim Bezahlen erschrak ich dann ganz gewaltig. Wo ist meine Identitätskarte?... Die liegt noch im Hotel in Poppi! Nein, das darf doch nicht wahr sein! Ich bin jetzt über 100 Kilometer weiter südlich und nun das! So eine Sch....e !

Was tun? Ich telefonierte mit Karin und bat sie, im Hotel in Poppi anzurufen und zumindest einmal zu klären, ob die ID noch da ist. In der Zwischenzeit versuche ich in Passignano ein Hotel zu finden, wo ich mich ohne ID einchecken kann, was jedoch in Italien nicht ganz einfach ist. Bisher musste ich die Karte immer kurz abgeben und die Hotelbetreiber notierten sich viele Angaben davon, weil der Staat das so verlangt. Um nicht lange nach einem Hotel suchen zu müssen, fuhr ich direkt vor das Tourismusbüro von Passignano und liess mir von da ein Zimmer ganz in der Nähe buchen, wo ich dann hin fuhr.

Der Hotelier konnte zum Glück etwas englisch und so versuchte ich ihm meine missliche Lage zu erklären. Der Herr war sehr hilfsbereit und telefonierte mit dem Hotel in Poppi, damit diese ihm eine Kopie der Karte zufaxen würden, denn ohne diese Angaben könne und dürfe er mir kein Zimmer geben. O.K.

Ich warte. In der Zwischenzeit hatte Karin eine gute Idee, wie ich in nützlicher Frist wieder zu meiner ID komme. Mit dem Zug zurückreisen ist wohl die schnellste Möglichkeit. Das besprach ich mit dem Hotelier, der in der Zwischenzeit das gewünschte Fax erhalten hatte (in fast unbrauchbarer Qualität). Er fand das auch eine gute Idee obgleich er bezweifelte, dass ich nach Poppi mit dem Zug komme. Er hatte aber online-Zugriff auf die Fahrpläne der italienischen Bahnen und klärte alle Möglichkeiten ab. Ja, o.k., das geht. Ich solle zur Bahnstation und ein Ticket kaufen. Wenn ich das hätte, rufe er nochmals im Hotel in Poppi an und bestelle dann jemand mit der ID an den Bahnhof. Gute Idee und sehr lieb von dem Mann.

Ich fuhr also schnell zum naheliegenden Bahnhof und wollte ein Ticket kaufen. Da konnten sie mir jedoch nur ein Ticket bis Arezzo verkaufen, da von da weg eine Privatbahn nach Poppi fahre und davon habe er keine Tickets. Nun ja, schon mal das (es lebe die Privatisierung!). Wieder im Hotel checkte der Hotelier ein letztes Mal die Zugverbindung. Acht Minuten Umsteigezeit würden mir nicht reichen, wenn ich in Arezzo zuerst wieder ein Bahnticket kaufen müsse, da suche er lieber etwas Passenderes. Er gab sich unglaublich Mühe und schrieb mir zum Schluss alle Verbindungen auf einen Zettel. Dann telefonierte er mit dem Hotelier in Poppi. Dieser war scheinbar nicht begeistert, dass er die ID an den Bahnhof bringen sollte, doch nachdem der nette Mann kurz richtig laut wurde, war alles klar.

Ich müsse morgen um 14:08 in Passignano losfahren und sei dann kurz nach 20 Uhr wieder zurück. Uff! So schien das Problem entschärft. DANKE! Bis ich dann geduscht war und wieder vor das Hotel trat, wurde es bereits dunkel. Ich speiste lecker Pasta in einem kleinen Restaurant und genehmigte mir sogar ein Glas Wein dazu. Die Leistungsdaten des GPS interessierten mich nur noch am Rande doch als ich im Hotel den PC anwarf, fand das Netbook sogar ein Wireless-LAN. Das ist ja ausgezeichnet! Ein super hilfsbereiter Hotelier, ein ruhiges Zimmer mit Klimaanlage und erst noch Internetzugang. Und das für 45 Euro die Nacht. Somit kann ich das Hotel Trasimeno in Passignano sul Trasimeno also wärmstens empfehlen! Nun war alles wieder halbwegs in der Reihe und so fand dieser Tag auch noch ein gutes Ende. Das GPS sagt: 130 km., 6:14 Std., 720 Hm.

(16) quer durch den Nationalpark

Eigentlich wollte ich heute etwas länger schlafen, doch schon um sieben Uhr begannen draussen auf die Strasse die Einheimischen zu diskutieren. Und Italiener sprechen ja nicht leise miteinander, sondern sie sind so laut, dass an weiteren Schlaf nicht zu denken war. Was soll's, stehe ich halt auf und mache mich auf den Weg zum Frühstücksraum, welcher in einem sehr schönen Kellergewölbe war. Nicht nur das, es gab da auch wirklich alles, was das Herz eines hungrigen Radfahrers begehrt. Von Eiern über Müesli, Jogurt, Früchte, verschiedene Kuchen und natürlich Brot, Butter, Konfitüre, Honig und Cappuccino, soviel man wollte. Super! Da habe ich mich natürlich reichlich bedient.

Danach packte ich meine Sachen zusammen, belud mein Bike und schickte mich an, die Hotelrechnung zu begleichen. Ich staunte ich dann nicht schlecht. Für das Abendessen wurden satte 30 Euro berechnet und die zwei Bier, die ich gestern Abend getrunken hatte, kosteten unglaubliche 14 Euro. Zusammen mit dem Coperto (Gedeck) und dem Zimmer machte das dann happige 97 Euro. Soviel hatte ich noch nie bezahlt. Ich versuchte noch etwas zu handeln, doch die Frau des Hauses blieb hart. Nein, das sei die Rechnung und die sei nun schon einmal fertig gemacht... Ich will nicht klagen, denn ich hätte ja vorher fragen können, doch teuer fand ich es trotzdem.

Ich wollte mir dadurch nicht die Laune verderben lassen, schliesslich war ich satt, das Wetter war sehr gut und die bevorstehende Fahrt durch den "Parco Nationale Foreste Casentinesi, Monte Falterone Campigna" motivierte mich. Zuerst musste ich wieder die 10 Kilometer bis nach San Benedeto in Alpe hochfahren, wo ich dann gleich einen Halt im kleinen Lebensmittelgeschäft machte um mich mit Proviant für den Tag einzudecken. So kann ich wieder ein paar Euro sparen. Danach stieg die Strasse bis auf etwas über 900 m.ü.m. an wo ich mir im Bergrestaurant dann doch noch einen Cappuccino gönnte. Die Aussicht war herrlich und man konnte gut die Strasse sehen, auf welcher ich dann knapp dreihundert Höhenmeter runter fuhr um bei der nächsten Abzweigung wieder in einen Anstieg zu wechseln um ein zweites Mal die 900er Grenze zu erklimmen.

Der Nationalpark ist wirklich sehr schön, unterscheidet sich landschaftlich vom gestrigen Tag nur wenig. Es ist einfach noch eine Spur einsamer. Während der ersten zwei Stunden Fahrzeit bin ich vielleicht 10 Autos und 10 Motorrädern begegnet. Die zweite Abfahrt führte dann wieder auf gut 500 m.ü.m. runter und an der folgenden Abzweigung stand ein Wegweiser mit der Aufschrift "Portico d.R. 12 km". Da bin ich gestartet, doch ich hatte nun schon 42 Kilometer und knapp 900 Höhenmeter auf dem Tacho... das meine ich mit "kreuz und quer".

Natürlich ging es wieder bergauf. Schon bald kam ich an einem Rifugio mit zugehörigem Angelweiher vorbei und von da weg sah ich dann über eine Stunde keinen Menschen mehr. Es hätte mich auch nicht gewundert, wenn meine Strecke in eine Schotterstrasse übergegangen wäre, doch es blieb zum Glück auch über den dritten Hügel asphaltiert. Dies war wieder ein Schmetterlingstal, denn zu Hunderten flogen bunte Schmetterlinge von Blume zu Blume oder begleiteten mich ein kurzes Stück auf meinem Weg. Das war alles sehr friedlich und sehr schön. Im nächsten Tal, in der Ortschaft Corniolo musste ich mich dann entscheiden, wie ich weiterfahren will. Der aufgezeichnete Track führte über den Passo die Mandrioli, doch bis ich wieder auf weitere Dörfer stossen würde, müsste ich wohl noch etwa 30 Kilometer zurücklegen und ob es dann dort ein Hotel finden würde, war auch nicht klar.

Dann fahre ich lieber hoch nach Campigna (1'100m.ü.m.), von da über den Passo della Calla und dann runter nach Staio. Es würden weitere Dörfer folgen und spätestens in Poppi oder Bibbiena sollte ich fündig werden. Der Aufstieg bis zur Passhöhe auf etwas über 1'290 Höhenmeter war dann lang und anstrengend. In der winzigen Bar am höchsten Punkt ergatterte ich noch eine Büchse Coca Cola, bevor die Türen und Fenster verschlossen wurden. Mittlerweile war es halb sechs Uhr abends.

Für die Abfahrt wechselte ich das Veloshirt und zog noch eine leichte Jacke über. So machte es dann unglaublich Spass etwa 900 Höhenmeter und geschätzte 100 Kurven runter zu fahren. In Stanio war dann nichts los, im Pratovecchio hätte es schon Hotels gehabt, doch ich wollte etwas mehr Leben, nach diesem einsamen Tag. Die Strasse führte weiterhin ohne jede Gegensteigung talwärts was ich natürlich super fand. Bald schon sah ich Poppi, mit seinem eindrücklichen Castello auf einem kleinen Hügel. Ja! Das ist es, da will ich hin.

Die kurze Auffahrt in den alten Ortskern brannte dann zwar nochmals kräftig in den Oberschenkeln, doch es war ja nur kurz und der letzte Rest. Oben im kleinen Ort gab es nur drei Hotels, doch im Zweiten, direkt vis-à-vis der eindrücklichen Burg fand ich ein Zimmer mit Frühstück für 50 Euro. Gebucht. Dann das Standardprozedere mit Duschen und Bikekleider waschen und schon bald konnte ich einen schönen Abendspaziergang durch den malerischen Ort unternehmen.

Ich war nicht unglücklich, dass das zum Hotel gehörende Restaurant mittwochs geschlossen hat, so passierte mir nicht noch einmal das Gleiche wie gestern. In einer kleinen Bruscetteria gönnte ich mir einen Insalata Caprese und eine Pizza Napoli. Dazu trank ich ein Bier und ein Liter Wasser. Alles zusammen kostete 18.50 Euro... ein kleiner Unterschied zu gestern. Es war mir auch recht, dass das Hotel kein Internetanschluss hatte, so konnte ich schon bald müde zu Bett. Das war schon wieder ein Supertag. Das GPS sagt: 94 km., 5:58 Std., 2'080 Hm.

(15) Hügel um Hügel...

Nach dem klassischen italienischen Frühstück machte ich gleich einen ersten Halt beim lokalen Lebensmittelgeschäft, denn nur mit einem Cappuccino und einem Pampe-Brioche habe ich ganz bestimmt zu wenig Treibstoff um ein paar Hügel in Angriff zu nehmen. Mit Jugurt, Brot, Prisichen und Bananen bewaffnet suchte ich mir eine schattige Bank für mein zweites Frühstück.

Von Castiglione dei Pepoli ging meine Fahrt dann zuerst mal etwas bergrunter, was als Tourstart immer ganz angenehm ist. Danach folgte der erste Hügel, oder Berg, oder wie hier jeweils geschrieben steht "Passo" und zwar auf den Passo di Futa. Am höchsten Punkt befindet sich eine riesige Kriegsgrabstätte, die vom deutschen Staat aufgebaut und unterhalten wurde. Da liegen ein paar tausend Gefallene des zweiten Weltkriegs. Das vermittelt einen etwas beklemmenden Eindruck und ist als Mahnmal zu verstehen, dass solche Kriege möglichst nicht mehr stattfinden.

Die darauffolgende Abfahrt nach Firenzuola war dann sehr schön und und im Vergleich zum ligurischen Apennin ist es hier im Bereich der Toskana und der Emiglia-Romagnia stärker bevölkert und kultiviert. Man sieht an den Hügelflanken viele Agrarflächen und grosse Bauernhöfe. Die Hügel- oder bergspitzen sind aber auch hier bewaldet.

Der nächste Passo führte mich von 300m.ü.m. wieder an die 1000er Grenze und leider hatte das Gipfelrestaurant geschlossen. Das war jedoch nicht schlimm, denn ich hatte noch genügend Proviant in den Taschen, so dass ich mich dennoch ins Gartenrestaurant setzte und die schöne Aussicht genoss.

Auf der kommenden Abfahrt lichtete sich der Wald und plötzlich kamen mehrere Parkplatzwegweiser. P1 bis etwa P12 habe ich gesehen und mich echt gefragt, wozu das sein soll. Eine Kurve weiter traf ich dann auf riesige und bunt beschriftete Lastwagen. Als ich den Lastwagen von Dani Pedrosa (aktuell Führender der MotoGP-Klasse) sah, dämmerte mir langsam, worum es hier geht. Ich kam nach Mugello und der dortigen Rennstrecke. Ich weiss nicht, ob die Teams nur zum Training hier sind, oder ob am kommenden Woche hioer ein Rennen stattfindet. Von der Rennstrecke konnte ich auch nichts sehen, da diese vollständig hinter einer mindestens 5m hohen Mauer liegt. Die wollen keine Gratis-Zuschauer. Ich versuchte natürlich auf das Gelände zu kommen, doch da gab es bei den anwesenden Sicherheitskräften kein vorbeikommen. Nur für Teammitglieder mit Ausweis. Kein öffentlicher Tag. O.K., so begnügte ich mich mit einem Foto.

Es folgte eine traumhaft schöne Fahrt durch einen Taleinschnitt hoch auf den nächsten "Passo della Colla", 913m.ü.m. Noch schöner war dann die Abfahrt auf der Nordseite nach Marrati. Wer mal in der Gegend ist, sollte diese Strecke unbedingt fahren, denn sie bietet wirklich sehr schöne Ausblicke in die umliegenden Kastanienwälder, stets gefolgt von einem kleinen Fluss. Das ist malerisch hoch Zwei. Kurz vor Marrati kam ich dann an dieser kleinen Bar vorbei. Da musste ich einfach anhalten und mir ein Eis, zusammen mit dem nächsten Cappuccino gönnen. Das hat mir wirklich sehr gefallen.

Im Marrati angekommen war es ziemlich genau vier Uhr Nachmittags und obwohl ich schon wieder über 1'700 Höhenmeter in den Beinen hatte wollte ich noch etwas weiter fahren. Irgendwie faszinierte mich der Ortsname "San Benedetto in Alpe", direkt am nördlichen Anfang eines Nationalparks. Das Strassenschild sagte 21 Kilometer und obwohl ich wusste, dass nun nochmals ein Berg folgen wird entschied ich mich, da hin zu fahren. Mit zwei Pausen unterwegs war es dann gegen 18 Uhr, als ich da ankam. Das war dann leider eine Enttäuschung. San Benedetto meint, dass es ein altes Benediktinerkloster gibt. Darum herum etwa 20 Häuser, ein einziges Albergo. Als ich nach einer Unterkunft fragte, sagte der dicke, ungepflegte Mann hinter der Theke wirsch: "Albergo e chiuso". Blöd. Da gab es zwar noch einen Campingplatz, doch mein Sinn war nicht nach zelten und die Baumaschinen am Eingang haben mich dann abgehalten, da zu fragen.

Was soll ich nun tun? Über 2'300 Höhenmeter schon gefahren und meine Route würde schon wieder etwa 500 Höhenmeter hoch führen. Das Kartenstudium zeigte auch danach nicht in sinnvoller Distanz eine grössere Ortschaft. Hmm... als wiedr weg von meiner Route und bergrunter fahren. Nach zwei winzigen Weilern und etwa 10 Kilometern kam dann endlich eine etwas grössere Ortschaft, Portico di Romagnia. In der ersten Bar machte ich kurz Halt und fragte nach einem Hotel oder Albergo. Ja, gleich die nächste Strasse rechts, etwa 100 Meter. Sehr gut. Und da bin ich nun. WLAN und Internet gibt es auch, also alles in Ordnung. Der Rest des Tages ist schnell erzählt. Duschen, Kleider waschen, essen und nun noch bloggen. Das war ein sehr schöner, sehr sonniger und erlebnisreicher Tag. Das GPS sagt: 116 km., 6:55 Std., 2'430 Hm.

(14) back on Track

Nach dem Aufstehen erlebte ich eine kurze Schrecksekunde, denn mein Bike war weg. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass es jemand klaute sondern nahm an, dass die Albergobetreiber es versteckt hatten, damit ich nicht frühmorgens ohne zu bezahlen losfahren würde. Das Restaurant war auch noch nicht offen und deshalb entschied ich mich, zuerst einmal in den Pool zu springen und den Tag ruhig angehen zu lassen. Gegen neun Uhr tauchte dann wirklich jemand auf und mir wurde gesagt, dass sie das Bike zu meiner Sicherheit in den Keller gestellt hätten. Ja, ja...wink das war wohl zu unser beider Sicherheit. Das Frühstück war dann Standard-italienisch (pampige Brioche, Zwieback und Cappuccino). Trotzdem fand ich die Unterkunft sehr gut. Sehr ruhig, mit schönem Pool und gutem Abendessen.

Bis ich alles fertig aufgepackt hatte und zur heutigen Velotour startete, war es schon fast zehn Uhr und schon richtig heiss. Mein heutiger Plan war, irgendwie wieder auf meine vorgeplante Route zurückzukehren. Dies auch deshalb, weil es nun im Flachland richtig heiss wird. 34° Grad waren angesagt und da kann es nicht schaden etwas an Höhe zu gewinnen. Ich fuhr einfach aufs Geratwohl ostwärts und kam nochmals an einem Thermalbadeort vorbei (Monsummato Terme) und bald darauf war ich in Pistoia.

Ein kurzer Blick auf die Karte zeigte mir, dass ich nun einfach nördlich halten muss und in die Berge fahren, so werde ich zwangsläufig meine Route wieder treffen. Schon bald stieg die Strasse kräftig an und der Schweiss begann zu fliessen. Es war vielleicht auch nicht sehr klug, in der grössten Mittagshitze in die Berge zu fahren, doch das machte mir heute nichts aus. Ich fuhr einfach langsam und gemütlich. 800 Höhenmeter auf etwa 10 Kilometer, vorwiegend an der Sonne, da war ich froh, dass regelmässig Quellen und Brunnen am Wegrand anzutreffen waren, wo ich mich etwas erfrischen konnte. Zwei, drei Liter Wasser gingen so rasch weg. Dabei komme ich mir vor wie ein Durchlauferhitzer. Ich schütte das Wasser oben rein und verdampfe es über die Haut wieder. Das tut gut und reinigt Körper und Geist.

Es folgte eine kurze Abfahrt an den Lago di Suviana (Tagesbild). Das ist einer von zwei Stauseen, die zur Energiegewinnung miteinander verbunden sind. Unter der Staumauer des Lago di Suviana liegt ein Wasserkraftwerk und am oberen Ende des Sees befindet sich ein Pumpkraftwerk, welches diesen See mit dem kleineren Lago di Brasimone verbindet, der etwa 300 Höhenmeter höher liegt. Zu meinem Erstaunen sah ich dann an diesem See noch ein Atomkraftwerk. Hier scheint ein grosser Teil der Energie für die Umgebung von Bologna erzeugt zu werden, denn viele Starkstromleitungen führten nordwärts zu der Stadt in der Poebene.

Langsam hatte ich genug und es war später Nachmittag. Zeit also um wieder nach einer Unterkunft zu suchen. Der nächste grössere Ort war Castiglione dei Pepoli, wo ich dann auch rasch fündig wurde. Das Albergo il Ponte ist zwar auch schon älteren Datums, doch für nur 35 Euro für Zimmer und Frühstück kann man nicht meckern. Nach Dusche und Kleider waschen besichtigte ich zu Fuss noch den alten Ortskern, bevor ich mich hungrig in das Restaurant des Hotels setzte. Es gab ein einfaches aber durchaus schmackhaftes Abendessen und so steige ich nun müde und zufrieden ins Bett. Das GPS sagt: 88 km., 5:52 Std., 1'780 Hm.

Kopfgeschichten: Vorurteile

Gestern Sonntag war auf den Strassen sehr viel los. Sonntag und schönes Wetter, das trieb Alle hinaus. Ich war nicht so angestrengt und konnte schön meinen Vorurteilen fröhnen.

Als erstes die Motorradfahrer. Da gibt es viele verschiedene Kategorien. Hier in Italien gibt es viele kleine Valentino Rossi's. Ducati Super Corsa und andere Rennraketen sieht man unglaublich viele. Das sind die Leute, die sich die Freiheit nehmen, auch mal zu schnell zu fahren. Dann die vielen Harley Fahrer (Typ John Travolta, Red Hawk Ledergilet über Jeansjacke, wie in dessen Film Easy Rider). Die sind alle entweder schon taub oder sie sind mit Gehörschutz unterwegs. Gerne in Gruppen. Die nehmen sich die Freiheit, es mal so richtig knattern zu lassen. Dann die BMW- und andere Tourenfahrern mit vielen Koffern am Motorrad. Oft mit Sozius, mit Gegensprechanlage und mit der Freiheit alles dabei zu haben, was der sicherheitsliebende Mensch von heute so braucht. Des Weiteren gibt es hier viele Enduro- und Crossfahrer die sich die Freiheit nehmen auch mal abseits öffentlicher Strassen Gas zu geben. Dann die vielen Rollerfahrer, oft mit starken Motoren unterwegs. Die Kategorie der Praktiker. Unter der Woche mit einem Motorrad zur Arbeit und am Wochenende auf Tour. Am liebsten in kurzen Hosen und T-Shirt. Und ein paar Rat-Biker habe ich auch gesehen. Das sind die Harleyfahrer, die ihr Motorrad vergammeln lassen und möglichst nie putzen. Dazu dreckige Jeans, Bart und irgend eine Schüssel als Helm. Der moderne Outlaw. Putzen und waschen ist etwas für Hausfrauen aber nichts für wahre Männer...wink

Nun zu den Autofahrern. Die schlimmsten Hindernisse sind die Wohnmobile. Sperrig und meist schlecht motorisiert. Zudem schaut die ganze Familie aus dem Fenster und macht schon während der Fahrt Ferien. Dann die Cabriolet-Fahrer, entweder mit Hut oder Stirnband, meist über 50. Tja, man kann es sich halt leisten und Motorrad fahren ist ihnen zu gefährlich. Eine üble Kategorie sind die SUV-Fahrer (die Bürgersteigspanzer à la BMW X5, Audi Q7, Mercedes ML, etc.). Mir ist schleierhaft, weshalb die meisten während dem Fahren am telefonieren sind und weshalb einem gerade diese Autos meist ganz knapp überholen. Vermutlich denken sie einfach, dass neben ihnen niemand mehr Platz hat. Positiv fallen mir die vielen Kleinwagenfahrer auf, von denen es hier viel mehr gibt als bei uns. Einfache Menschen mit Anstand.

Und ich will es nicht verschweigen, es gibt auch genauso viele Kategorien von Velofahrern. An der Spitze stehen die helmlosen Rennradfahrer mit verspiegelter Sonnenbrille und Teamtrikot. Dazu das neuste Karbonvelo und Hightech-Laufräder. Die grüssen nicht und machen immer einen sehr gestressten Eindruck. Die pissen ungeniert an den Strassenrand (mit den komischen Schuhen können sie ja nicht gehen) und wollen scheinbar zeigen, dass sie fitter und schneller sind als alle anderen. Hier in Italien fahren sie immer nebeneinander, egal wie viel Verkehr herrscht. Dann die Mountainbiker... weshalb sieht man hier so viele auf der Strasse? Immerhin grüssen die fast alle sehr freundlich. Dann die Praktiker mit dem Alltagsrad, meist mit Körbchen oder Packtasche. Und ab und zu trifft man auch andere Reiseradler wie mich, die mit Sack und Pack unterwegs sind. Die Kategorie der Öko-Spinner, Selbst-Sucher und Möchtegern-Aussteiger...

In Lucca sass ich etwa eine Stunde in einem Restaurant und beobachtete spazierende Touristen. Davon gibt es genauso viele Kategorien und auch hier könnte man endlos viele Vorurteile pflegen. Der Typ: Ich fotografiere alles! Oder: Schau mal Schatz, was es hier Originelles zu kaufen gibt! Oder: Kind komm her, mach dies nicht und das auch nicht! Oder: Glotzt nur auf meinen dicken Bauch, die weissen Beine in kurzen Hosen und das unpassende Hawai-Hemd. Ist mir egal, denn so bin ich nun mal. Oder: die Reiseführertypen, die alles genau so wie vorgeschrieben abwandern. Und, und, und...

Ich stelle fest, dass ich ganz schön viele Vorurteile mit mir herumtrage, die ich besser vergessen würde. Ich schubladisiere hier Individuen ohne sie zu kennen. Ist etwas armseelig und nimmt einem zeitweise auch die Möglichkeit auf neue, interessante Kontakte. Vielleicht hilft es, wenn ich mir dessen schon einmal bewusst werde. Das Bild des Tages zeigt meine Füsse, die so quasi den Negativabdruck meiner Radschuhe zeigen. -> Dieser Beitrag ist eh für die Füsse (oder Füchse)...angel

(13) via Lucca nach Montecatini Terme

In der Nacht bin ich aufgewacht und hatte leichte Zahnschmerzen. Das ist meistens ein Zeichen dafür, dass ich wortwörtlich auf dem Zahnfleisch laufe. Die letzten Tage zehrten an meiner Konstitution und es brauchte nun etwas weniger Anstrengung, dafür mehr Kohlenhydrate, Eiweiss, Vitamine und Mineralstoffe. Einzahlungen auf mein Gesundheitskonto und nicht nur dauernde Belastungen.

Wie wenn der Hotelier das mitgekriegt hätte, gab es heute das beste italienische Frühstück meiner bisherigen Reise. Richtiges, dunkles Brot, Butter, Hero-Konfitüre, Orangensaft, dazu Früchte (oh Wunder) und zwei Cappuccini. Das war ein idealer Start in den Tag.

Es war also von Beginn weg klar, dass ich heute nicht in die Berge zurück fahre, sondern eine Flachetappe fahren werde. Nach Lucca waren es knapp 50 Kilometer und diese führten entlang des Flusses Sarcchio fast ausschliesslich bergab. Von etwa 250m.ü.m runter bis etwa 20m.ü.m. Dabei geriet ich mitten in ein Velorennen von der Art, wie ich Anfang April in Cervia ebenfalls an einem teilnahm. Die Spitzengruppe hatte ein beachtliches Tempo drauf und nach und nach kamen immer langsamere Gruppen. Kurz vor dem Besenwagen war dann eine grössere Gruppe kaum schneller als ich und ich hängte mich mitsamt meinem Gepäck an. Das war lustig. Vor mir alles leichte Karbonrennräder mit Fahrern, die wie Profis gekleidet waren und zuhinterst ich, mit 20 Kilo Gepäck als Radtourist. Zugegeben, bergrunter merkt man fast nichts vom Gepäck, denn wenn es mal rollt, dann rollt es. Kurz vor Lucca bogen die Fahrer an einem Krisel ab, wo die Spur nach Lucca gerade aus ging, da verabschiedete ich mich. Danke für etwa 15 Kilometer Windschatten.

In Lucca machte ich auf dem alten Stadtwall zuerst eine Rundfahrt um den historischen Kern, bevor ich mich ins Touristengetümmel stürzte. Interessant fand ich, dass ich mich nach zehn Jahren noch an fast jeden Platz und an jedes Lokal erinnerte, wo ich mit Karin war. In der Innenstadt war es etwa 33° Grad und irgendwie hatte ich gar keine Lust um schon ein Hotel zu suchen. Ich entschied mich, eine Portion Pasta mit Salat zu essen und nachmittags noch etwas weiterzufahren. Dazu schaute ich kurz auf die Karte.

Ostwärts ist gut, das heisst, solange mein Schatten links von mir ist, bin ich richtig. Das klappte ausgezeichnet und irgendwann las ich ein Schild mit der Aufschrift: Montecatini Terme, 12km. Terme klang gut, wie: genügend Hotels und Bademöglichkeit. Montecatini Terme scheint eines der grössten Heilbäder in Italien zu sein. In der Ortschaft gibt es an die 200 Hotels und so konnte ich mich schlicht nicht entscheiden, wo ich denn fragen soll. Ausserdem sah ich auf dem nahegelegenen Hügel eine schöne Ortschaft (Montecatini Alto), die ich gerne noch sehen wollte. Zeit hatte ich noch genügend, also kurbelte ich gemütlich da hoch. Ein Schild Bed&Breakfast motivierte mich zusätzlich. Oben angekommen geniesst man eine herrliche Aussicht, die leider auf Fotos nicht entsprechend rüberkommt, da im Gegenlicht und leicht dunstig. Das B&B entpuppte sich dann als ein Teil eines 5*-Hotels. Preis pro Nacht: 75 Euro. Nein, zu teuer.

Nach Montecatini Terme zurückfahren wollte ich nicht mehr, also fuhr ich auf der Bergrückseite runter und hielt Ausschau nach einer Unterkunft. Und siehe da, nach etwa 10 Kilometern wurde ich fündig. In einem kleinen Vorort von Serravalle di Pistoia erspähte ich ein schön gelegenes Albergo mit Pool und zugehöriger Pizzeria, das war genau das Richtige für mich war. Der Preis inklusive Frühstück war 50 Euro, was ich o.k. fand. Ich verstaute das Gepäck im Zimmer, duschte und wusch die getragenen Bikekleider. Dann nichts wie an den Pool. Gestern hatte ich den Pool ja nur angesehen, heute wollte ich unbedingt auch mal baden und etwas sünnele.Als ich später den PC anwarf war kein WLAN zu finden, was mich nicht überraschte. Überrascht war ich dann aber, als ich das GPS auswertete und fast 100 Kilometer Strecke aufgezeichnet fand. Diese Flachetappe, sowie das warme und schöne Wetter hat mir sehr gut getan. Das feine Abendessen in der Pizzeria rundete den Tag dann entsprechend gut ab. Das GPS sagt: 97 km., 5:03 Std., 430 Hm.

(12) Theorie und Praxis...

Theorie und Praxis ist oft wie Marx und Murks. Das stellte ich in den letzten tagen wiedereinmal fest. Während ich zuhause mein Route für die Sommerreise zusammenklickte erlebe ich nun, wie die Praxis ausschaut. Während der Planung dachte ich noch, dass weg von grösseren Ortschaften das Richtige sei. Nun stelle ich jedoch fest, dass ich lieber in einem Hotelbett schlafe als irgendwo in freier Wildbahn campiere. Hotels/Albergos oder Agriturismos gibt es aber vor allem in Ortschaften mit mehr als 100 Einwohnern und die sind derzeit hier rar. Mit 20 hätte ich das vielleicht noch lustig gefunden, mit fast 48 ist das jedoch nicht mehr so mein Ding. Zumal die Hygiene so zwangsläufig leidet und ich bin nunmal nicht der Typ, der gerne stinkende Kleider trägt. Auch ein richtiges Klo hat Vorteile, wenn man den ganzen Tag im Sattel sitzt.

Zudem unterschätzte ich, dass es auch hier auf über 1'500 Metern über Meer teils noch empfindlich kühl ist. Ja ich weiss. Es wird noch so heiss werden, dass ich mich an diese Tage gerne zurückerinnern werde, doch derzeit hätte ich es gerne etwas wärmer.

In der ersten Woche war ich sechs Tage unterwegs und fuhr dabei 610 Kilometer mit knapp 4'100 Höhenmetern. Das fand ich sehr angenehm und dachte mir deshalb, dass ich diesen Rhythmus, 6 Tage fahren, 1 Ruhetag beibehalten möchte. In der zweiten Woche bin ich nun fünf Tage unterwegs, 550 Kilometer und etwas über 10'000 Höhenmeter. Wenn ich die kommende Route anschaue, geht es munter so weiter. Die grosse Lust, morgen wieder an die 2'000 Höhenmeter zu fahren, ist momentan etwas weg.

Ich unterschätzte auch, dass ich zeitweise wirklich durchs Niemandsland fahre und deshalb stets genügend zu essen und zu trinken dabei haben muss. Gerade gestern, als ich wild zelten musste, hätte ich gerne mehr als ein Energieriegel gegessen und den letzten halben Liter Wasser getrunken.

Gesundheitlich geht es mir trotz den Anstrengungen aber dennoch sehr gut. Weder die befürchteten Sitzbeschwerden, noch einschlafende Hände sind bis jetzt ein Thema. Sitzcreme und Lenkerhörnchen sei Dank! Einzig im Nacken bin ich etwas verspannt und natürlich habe ich schwere Beine, was aber alles noch im grünen Bereich liegt.

Nach dem Rumgejammer noch kurz zum heutigen Tag.

Kurz nach sechs Uhr war fertig mit schlafen und ich kroch etwas zerknittert aus dem Zelt. Es blieb noch ein Energieriegel und etwa 2dl Wasser - da habe ich doch schon besser gefrühstückt...

Das Aussenzelt war wieder nass von Kondenswasser und so wollte ich es nicht einpacken. Ich legte es auf dem Ferienhausvorplatz aus und versuchte es so gut wie möglich mit einem Lappen zu trocknen. Dann packte ich den übrigen Kram zusammen. Mittlerweile hatte ich nur noch verschwitzte Bikekleider... auch viele andere Kleidungsstücke waren leicht feucht. Ich zog das noch brauchbarste Set an und band mir ein Set oben auf die Packtaschen. Da diese plastifiziert und wasserdicht sind, trocknet in den Taschen ja gar nichts. Bis ich endlich abfahrbereit war, war es kurz vor acht Uhr. Der Himmel war wolkenverhangen und es war ziemlich frisch.

Ich entschied mich im nächsten Dorf ein Einkaufsgeschäft zu stürmen und mir erstmal die Kalorien einzuverleiben, die ich gestern verbrannte. Das hat zum Glück auch wunderbar funktioniert, denn schon noch etwa 20 Minuten erreichte ich ein kleines Dorf mit einem offenen Mercato. Mit 2 Sandwiches, 2 Pfirsiche, 2 Bananen, eine Tafel Schokolade, ein Pack Guetsli, ein Jogurt und einer 1,5l Flasche Eistee bewaffnet setzte ich mich direkt vor dem Geschäft auf eine Bank und futterte was ich konnte. Währenddessen überlegte ich mir, wie ich weiterfahren soll und studierte dazu die Karte.

Ich entschied mich möglichst direkt auf meine Route zurückzukehren und einfach weiter dieser violetten Linie auf dem GPS zu folgen. Nach ziemlich genau 20 Kilometern tauchte diese dann auch im Display auf und ich war somit wieder auf Kurs. Und auf Kurs zu sein heisst auch, dass es gleich wieder kräftig berghoch geht. Und weil die Berge nun immer etwas höher werden, ging es heute bis auf etwas über 1'600 Metern über Meer, was an die drei Stunden Bergfahrt hiess. Um dem noch einen draufzusetzen stand ein Schild am Strassenrand 12% Steigung auf 4 Kilometer. Hart. Mit 20 Kilo Gepäck noch härter.

Auf der Passhöhe wurde ich wenigstens mit einem grossen Rifugio belohnt, wo bestimmt ein dutzend Motorräder draussen standen. offen hat es, nur weshalb sitzt niemand draussen? Weil es nur etwa 12° Grad "warm" war und eine steife Brise wehte. Deshalb betrat ich ich die Gaststube und gönnte mir eine feine Portion Spaghetti alla Bolognaise.

Auf der Abfahrt schlotterte ich und als auf knapp 1'000 Metern über Meer mein GPS schon wieder bergwärts zeigte, hängte ich ab. Nein! Ich will weiter nach unten. Ich will Sonne und Wärme. Es ist übrigens wirklich eindrücklich, wie der Apennin eine Wetterscheide bildet. Auf der Nordseite war es oft stark bewölkt und kühl, während es auf der Südseite sonnig und warm war. Nun fuhr ich südwärts und ich fuhr einfach an der Abzeigung vorbei. In den Süden, in die Sonne und in die Wärme.

In Castelnuovo suchte und fand ich ein schönes kleines Hotel mit einem freien Zimmer. Draussen hat es sogar einen Pool, doch ich hatte (leider) keine Zeit, diesen zu benutzen. Ich leerte alle Packtaschen und machte mich an die grosse Wäsche. Eine Stunde später waren alle Kleiderbügel aufgebraucht und der Balkon glich einem Trocknungsraum. Bei Temperaturen um 28° Grad (herrlich!) sollte bis morgen alles trocken sein.

Ich weiss noch nicht genau, ob ich morgen wieder in die Berge, zurück auf meine Route fahre oder ob ich gemütlich bis nach Lucca fahre (ca. 50km) und da einen Ruhetag einlege. Im Lucca waren Karin und ich vor ziemlich genau 10 Jahren und das kleine schmucke Städchen hat uns sehr gut gefallen. Da würde ich gerne nochmals hin.

Entschieden wird erst morgen nach dem Frühstück. Ich lasse Theorie mal Theorie sein und mache mir dann einen prktischen Sonntag... Das GPS sagt: 80km. 5:03 Std., 1'600 Hm.

(11) Zwei Pässe pro Tag

 
Nach den gestrigen Anstrengungen hatte ich für heute folgenden Plan: Morgens ein Pass und nachmittags ein Pass, dann ein Hotel suchen und Kleider waschen, denn dafür hatte es mir gestern nicht gereicht.

Der Morgen verlief dann ganz nach Plan. Von Bedonia ging es die ersten 15 Kilometer stets leicht abwärts, was ideal war um die angemüdeten Beine etwas zu lockern und in Schwung zu bringen. Als dann die Steigung zum ersten Pass folgte, war ich guter Dinge und kurbelte relativ locker hoch. Ich war erstaunt, wie gut ich mich an das über 30 Kilo schwere Bike gewöhnt hatte. Den Kulminationspunkt erreichte ich nach etwa 500 Höhenmetern, was etwas mehr als eine Stunde Bergfahrt bedeutete.

Es folgten 20 Kilometer Talfahrt bis nach Pontremoli, wo ich ideal zur Mittagszeit eintraf. Ich wollte unbedingt eine schöne Portion Pasta essen, denn irgendwie ahnte ich schon, dass ich nachmittags jede Energie gebrauchen kann. Die nebenstehende Trattoria bot dann alles, wonach ich suchte. Zuerst etwas Eiweiss in Form von Trockenfleisch (Salami, Copa, geräucherter und gekochter Schinken) und danach Kohlenhydrate als Linguine ai funghi porchini. Dazu ein kleines Bier und ein Liter Mineralwasser. Das war richtig lecker.

Nach den Wolken am Morgen wurde es nun immer schöner und auf 250 Metern über Meer war es mit etwa 26° Grad auch angenehm warm. Perfekt! Gut motiviert machte ich mich auf zum zweiten Pass. Schon kurz nach Pontremoli steigt die schmale Strasse giftig an und die umliegenden Berge zeigten mir an, dass es jetzt ganz sicher mehr als 500 Höhenmeter geben wird. Der Schweiss begann in Strömen zu fliessen, ich tropfte nur so vor mich hin, was mich scheinbar für Schmeissfliegen sehr attraktiv machte. Zu Dutzenden umschwärmten sie mich und ich kam mir vor wie eine Kuh in den Bergen. Zeitweise zählte ich gegen zehn Fliegen auf einem Handschuh. Na ja, solange sie mir nicht ins Gesicht sitzen ist es nur lästig, denn stechen können sie ja nicht.

Bis zur Passhöhe des Passo del Cirone waren es dann ziemlich genau 1'000 Höhenmeter und oben angekommen musste ich mich in die Büsche schlagen, um trockene Kleider anzuziehen. Denn auch in den Apenninenbergen gilt: Pro 100 Meter Höhe ca. 1 Grad kühler. Bei nun geschätzten 16° Grad wollte ich mich bergrunter nicht verkühlen, denn schon gestern Abend tropfte mir leicht die Nase, was zum Glück heute schon wieder vorbei war. Na ja, so wusste ich nun, weshalb ein Radreiseführer empfahl, drei Set Velokleider mitzunehmen. 1x am Körper, 1x zur Wäsche, 1x Reserve. Ich zückte also die Reserve und machte mich gut gelaunt auf die Abfahrt. Wobei, das mit der Abfahrt war nur ein kurzes Vergnügen, denn schon auf etwa 850 Metern über Meer änderte sich die Richtung wieder.. und zwar berghoch.

Das schätzte ich nun gar nicht und ich machte eine kurze Pause um zu überlegen, was ich tun soll. 75 Kilometer und 1'650 Höhenmeter standen mittlerweile auf dem Tacho. Viel Varianten hatte ich aber nicht, denn weit und breit war keine grössere Ortschaft zu sehen. Meine 1:600'000-Karte bot auch nicht viel an Information. Was soll's.. weiterfahren... immer der violetten Linie im GPS-Display nach. Es ging also wieder berghoch. Ich war irgendwie in einem Skigebiet, denn immer wieder waren Loipenschilder zu sehen und Sessellifte waren angeschrieben. Hmm... die Berge rundherum sind auch nicht kleiner geworden... egal.

Auf etwa 1'200 Meter über Meer war dann plötzlich fertig mit Asphalt und es begann eine ziemlich holprige Schotterstrasse. Ich motiviere mich mit Sätzen wie "weit kann's ja nicht mehr sein" und "wenn ich den erwische, der diese Strecke geplant hat, dann kriegt der aber was zu hören!". Eine gefühlte Ewigkeit später lichtete sich der Wald und unvermittelt kam ich an einen schönen Bergsee. Baden verboten! Das ist ein Fischrevier und man kann die grossen, dicken Fische gleich vom Ufer sehen und ich denke, dass man da kaum eine Angel braucht um so ein Ding zu fangen. Die schmeissen hier wohl immer wieder neue Fische rein...

Gleich daneben, ein Rifugio (eine Berghütte). Davor ein paar 4x4 Autos und drei Motocrossmaschinen, ja, das sind die richtigen Fahrzeuge für die Gegend. Ich will nicht hier übernachten und die umliegenden Berge zeigen auch an, dass ich noch nicht am höchsten Punkt angelangt bin. Ich hätte zwar Hunger, doch mittlerweile ist es schon halb sechs Uhr abends und die Bewölkung hat wieder zugenommen. Ich wollte einerseits von den anwesenden Rifugio-Gästen nicht als Spinner angesehen werden und andererseits möglichst noch ohne Regen eine Unterkunft finden. Deshalb fuhr ich weiter... nochmals 100 Höhenmeter mit grobem Schotter, dann hatte ich es endlich geschafft. Obwohl, bergrunter war der Weg noch fast schlechter und es schüttelte so stark, dass ich zwischendurch anhalten und die gefühllosen Hände ausschütteln musste. Das ist ja wie in guten alten MTB-Zeiten, starr, nur mit den Armen und Beinen als Federung. Ich fuhr extra vorsichtig, denn ein Sturz oder eine Panne in dieser Wildnis wäre das Letzte gewesen, was ich nun noch gebraucht hätte.

Endlich kam wieder asphaltierte Strasse, bis zur Abzweigung Passo Laga???.. Was wieder berghoch? Ich glaubs ja nicht. Welcher Arsch plant denn sowas? Ich denke mir: Weit kann's nicht mehr sein, vielleicht 3-400 Höhenmeter, auf die kommt es nun auch nicht mehr an. Nach etwa 200 Höhenmeter kam dann der Hammer. Die Strasse über den Pass ist infolge Bauarbeiten den ganzen Sommer gesperrt. Nein! Würde ich fluchen, hätte ich ganz grausam geflucht. Ich war nudelfertig, es war mittlerweile 19:30 Uhr und ausser ein paar Ferienhäuser war nichts zu sehen. Auf über 1'000 Metern über Meer war es mittlerweile auch ziemlich kühl (um nicht kalt zu sagen).

Ich entschloss mich umzudrehen und so weit wie möglich auf asphaltierter Strasse runter zu fahren und im erstbesten Rifugio/Albergo/Hotel/Agriturismo/was-auch-immer ein Zimmer zu nehmen. Bloss, so einfach war das nicht. Die Dörfer auf meiner Strecke waren selten mehr als eine Ansammlung von ein paar Dutzend Häusern und die Hälfte davon hatte verriegelte Türen und Fenster (Thema: kalte Betten). Zu allem Ärger fielen dann auch noch ein paar Regentropfen. Nicht das auch noch! Petrus schien mich zu erhören und nach ein paar Minuten war schon wieder Schluss damit. Zum Glück. Meine Zimmersuche musste ich je länger je mehr vergessen. Da gibt es nichts! Davon aber jede Menge...

Ich entschliesse mich deshalb widerwillig wild zu campieren. Nur wo? Hier gibt es kaum eine flache Stelle... Die Lösung ist eines der leerstehenden Ferienhäuser. Möglichst etwas von der Strasse weg, damit mich nicht gleich jemand sieht. Nach etwas suchen wurde ich fündig und wollte schon das Zelt auf dem Vorplatz aufstellen, was aber auch nicht funktionierte. Das Zelt steht nur mit mindestens vier Verankerungspunkten am Boden und der gepflästerte Vorplatz ist nichts für meine Heringe. Auch das noch. Ich schaue rund ums Haus und suche mir die flachste Stelle. Mittlerweile dunkelt es schon ein. Also nicht lange fackeln! Zelt auspacken, aufstellen, Isomatte aufblasen und den Schlafsack bereit machen. Müde, stinkend und verschwitzt verkrieche ich mich ins Zelt. Zum Nachtessen gab es einen Energieriegel mit Wasser. Vor dem Lichterlöschen checkte ich noch kurz das GPS und da wusste ich, dass ich selbst im Zelt gut schlafen werde. Was für ein Tag! Das GPS sagt: 122 km. 8:23 Std., 2'970 Hm.