ein Jahr später...

Gestern Abend bin ich über zwei Blogbeiträge gestolpert, welche links unter der Rubrik "Vor 1 Jahr" angezeigt wurden. Es waren dies die Beiträge "man sah es kommen" und "genauer betrachtet". Boah... Schon ein Jahr ist es nun her... es lohnt sich, etwas darüber nachzudenken.

Bis Ende August war ich geistig mit dem Thema "Sommerreise 2011" völlig ausgelastet. Zuerst die Planung, dann die Durchführung meiner Veloreise durch Italien beanspruchten mich voll und gaben mir wie gewünscht den nötigen Abstand zu meiner beruflichen Vergangenheit. Es gab sehr viele neue Eindrücke und es tat mir gut, etwas alleine zu sein. In der Fremde, ohne Pflichten, nur mit Möglichkeiten.

Obwohl ich eigentlich plante insgesamt drei Monate unterwegs zu sein, war ich dann schon nach zwei Monaten wieder zu Hause. Die geplante Strecke habe ich dabei wie geplant abgefahren, doch eigentliche Pausen machte ich keine. Ich bin einfach zwei Monate lang Velo gefahren. Als ich wieder zu Hause war, war ich mir deshalb nicht im Klaren, wie ich das werten sollte. War es nun eine Niederlage? Ein nicht aushalten der Einsamkeit? Ein Versagen, auf Fremdes einzugehen und wirklich einmal eine längere Pause zu machen um mir und dem Fremden eine Chance zu geben um aufeinander zuzugehen? Oder wie war das nun? Trotz all der schönen Erlebnisse zog es mich einfach förmlich nach Hause. Hier ist mein Platz. Hier gehöre ich hin... Ich liess in mir die Antwort auf Erfolg oder Misserfolg einfach offen. Es ist egal und es ist gut so, wie es ist. Die Reise war toll, ein wirklich einmaliges Erlebnis, welches so in meinem Leben wohl nie mehr vorkommen wird.

Die wertvollste Erfahrung der ganzen Reise war das sich aufbauende Gefühl, dass es das Schicksal gut mit mir meint. Ich hatte fast immer perfektes Velowetter, nie eine ernsthafte Panne oder einen Unfall, ich erlebte keine gefährlichen Momente und fühlte mich nie unsicher. Immer wieder begegnete ich freundlichen Menschen und immer, wenn ich mal an meine Grenzen kam, öffnete sich irgendwo eine Tür und meine dringendsten Bedürfnisse wurden befriedigt. Das Ganze ist schwierig zu beschreiben, doch es gab mir ein gewisses Ur-Vertrauen. Ich brauche mir nicht zu viele Sorgen machen, sondern kann positiv darauf vertrauen, dass es das Schicksal gut mir mir meint. Es lauern mir keine Diebe auf und niemand will mir etwas Böses. Ich selbst sende Freude, Frieden und Freundlichkeit aus und genau das begegnet mir auch in der Aussenwelt. - Eine wirklich wertvolle Erfahrung...

Dann geschah etwas Komisches. Kaum zuhause wollte ich mir eigentlich ein gebrauchtes Auto kaufen. Ich hatte eine ziemlich klare Vorstellung davon und klapperte dafür verschiedene Autohändler ab, doch mein Herz wurde einfach nicht warm. Plötzlich ein Geistesblitz: "Vergiss bei all den verstopften Strassen ein Auto! Kauf ein Motorrad!" Ein Sekundenentscheid und drei Tage später kaufte ich mir wirklich ein Motorrad. Ich wusste, dass der Winter vor der Türe stand und dass dann ein Motorrad in der Nordschweiz nicht unbedingt eine gute Wahl ist und trotzdem: "Vergiss den Verstand, höre auf dein Herz und schenke ihm Vertrauen!"

Im Herbst befriedigte ich dann meine schöpferischen Bedürnisse mit dem Neubau unseres Gartenhauses. Mit den eigenen Händen etwas erschaffen. Etwas planen und dann pickeln, schaufeln, Holz sägen, bohren, schrauben - wunderbar! Wie öde ist doch dagegen der stets gleiche viereckige Computerbildschirm, vor dem ich nun Jahre gesessen bin....

Dann folgte die Job-Geschichte. Auch die war ziemlich speziell. Nach der grenzenlosen Freiheit des Sommers fürchtete ich mich etwas vor all dem Undefinierten und deshalb bewarb ich mich bei den Zürcher Verkehrsbetrieben als Tramfahrer. So rein kopfmässig erfüllte dies viele meiner Anforderungen, wie z.B.: Eine positive Dienstleistung erbringen, mithelfen den Ölverbrauch zu senken, einen sinnvollen Beitrag an die Gesellschaft leisten und mich in ein klar geregeltes und strukturiertes Umfeld einzugliedern. Das war so meine Ausgangslage. So ein komisches Vorstellungsgespräch wie das bei der VBZ hatte ich zuvor noch nie erlebt. Die zwei anwesenden Personen redeten fast eine Stunde auf mich ein und versuchten mich krampfhaft davon zu überzeugen, dass dieser Job nichts ist für mich. Rein formal konnten sie eigentlich nichts gegen meine Bewerbung unternehmen, doch aus ihrer Sicht würde ich einen grossen Fehler machen, wenn ich wirklich als Tramfahrer arbeiten wolle... komisch... Na ja, sie erreichten ihr Ziel und ich zog meine Bewerbung zurück. Ich dachte: Scheinbar ist dieser Job wirklich über-reglementiert und ich würde mich da bald eingeengt und unwohl fühlen. Also lass ich es lieber...

Hmmm... was nun? Ich hatte keine Ahnung. Es war deshalb angezeigt, dass ich mich professionell beraten lasse und deshalb meldete ich mich für eine "Standort- und Laufbahnberatung" an. Dabei lernte ich einen interessanten Menschen als Berater kennen, welcher mich aber ganz geschickt auf mich selbst zurück warf. Es sei nun wirklich an der Zeit um nur mir, meiner Vergangenheit, meinen Fähigkeiten und meinen Lebenswünschen zu vertrauen. Ich sei ein Mensch mit grossen Freiheiten und deshalb empfehle er mir, mich diesen Freiheiten zu stellen, diese zu nutzen und mich nicht voreilig in Abhängigkeit zu stürzen, nur um etwas Sicherheit zu erlangen. Freiheit heisst Unsicherheit. Sicherheit begrenzt immer irgendwie die Möglichkeiten...

Tja, und da bin ich nun. Ein Jahr nach meiner Kündigung als (wie hiess das doch gleich?) "Information Technology Outsourcing Service Delivery Consultant" bin ich zum ganz einfachen Rikschafahrer geworden. Ich wurde mein eigener Chef und fange ganz klein an. Ohne Hierarchie und ohne Prozesslandschaft. Das Wetter beherrscht meinen Arbeitsrhythmus und freundliche Menschen bestimmen mein Einkommen.

Ich will ganz ehrlich sein. Ich fürchte mich noch oft vor all der Freiheit und spüre auch manchmal Angst, dass alles schief gehen könnte und ich in ein paar Jahren als gestrandete Existenz beim Sozialamt lande. Doch schon wenn ich das schreibe muss ich schmunzeln und weiss irgendwo in mir drin, dass dies nicht der Fall sein wird, dass es bestimmt besser herauskommt. Nun breitet sich vor mir dieses grosse Lernfeld aus, welches so viele Blumen bereit hält, die man nur mit dem Verstand alleine nicht pflücken kann. Es braucht Mut, Freude, Bescheidenheit, Beständigkeit, Friede im Herzen und vor allem: VERTRAUEN.

Ich bin froh, dass ich mich aus meiner Komfortzone getraut habe und viele Sicherheiten hinter mir gelassen habe. Ich will nicht eines Tages auf dem Sterbebett liegen und denken: "Hätte ich doch..." Nein, nun ist es an der Zeit mich vor zu wagen, ohne Übermut und ohne leichtsinnige Risiken einzugehen. Dazu ist mein Vorhaben mit dem Rikschataxi ganz wunderbar geeignet. Es gibt mir alle Freiheiten, ohne dass die Risiken wirklich gross sind. Ich profitiere auch davon, keine grossen Verpflichtungen zu haben und so auch magere Monate oder Jahre überstehen zu können.

Und so komme ich zum Schluss dieses Beitrags wieder zu der Aussage: "Das Schicksal meint es gut mit mir." Heute bin ich zum Beispiel sehr froh, kein Auto sondern ein Motorrad gekauft zu haben. Meine täglichen Fahrten in die Stadt zur Rikscha-Garage bestätigen dies immer wieder. Das ist wieder so ein kleiner Punkt, der mich tiefer Vertrauen lässt. Der mir sagt: "Vertraue deinem Herzen und nicht auf deinem Verstand! Der Verstand ist gut um zu rechnen oder logische Zusammenhänge zu erkennen. Vom Leben und von der Zukunft hat er jedoch keine Ahnung. Der Verstand befasst sich immer nur mit der Vergangenheit und wenn du in Zukunft andere Ergebnisse erzielen willst als in der Vergangenheit, so höre auf dein Herz und vertraue ihm!"

kühle Ostern

Am Karfreitag und gestern Samstag bin ich jeweils nachmittags in der Stadt mit dem Velotaxi gefahren. Am Freitag war es noch zeitweise sonnig und immerhin etwa 13° Grad "warm", was mir noch ein paar Gäste bescherte. Gestern jedoch war es stark bewölkt, es regnete zeitweise und viel mehr als 10° Grad zeigte das Thermometer auch nicht mehr an. Das reicht dann nicht mehr um in eine Rikscha zu steigen und so war ich dann vorwiegend alleine unterwegs.

Als ich dann heute Morgen einzelne Schneeflocken vom Himmel fallen sah wusste ich, dass ich mich ruhig nocheinmal etwas ins Bett legen konnte und den heutigen Tag zuhause verbringen kann. Bei den Wetterbedingungen macht Rikschafahren keinen Sinn. Da steigt niemand zu.

Die Ganze Velotaxi-Geschichte entwickelt sich zunehmend zu einer charakterbildenden Übung. Über Demut habe ich ja bereits in einem früheren Beitrag geschrieben. Hinzu kommen Bescheidenheit und Beharrlichkeit. Nichts erzwingen zu wollen, sondern sich als Teil des Ganzen zu erleben und demzufolge auch dynamisch auf sich verändernde Umstände reagieren zu können, daran arbeite ich derzeit an mir.

Die eingeschlagene Richtung zu halten erscheint mir zunehmend wichtiger, als konkrete Ziele zu verfolgen. In den bisherigen fünf Wochen musste ich lernen, dem Zufall zu vertrauen. Klar kann ich vieles selbst beeinflussen doch ich muss auch akzeptieren, dass eher noch mehr ausserhalb meiner Möglichkeiten liegt und dass man diesem positiven Zufall nur begegnen kann, wenn man offen bleibt, sich nicht verkrampft oder verhärtet. Erzwingen kann ich meine Kunden nicht - Gewalt ist keine Lösung!

Zürich ist rein mental ein ziemlich hartes Pflaster. Sehr viele Menschen sind beherrscht von Zahlen und weit weg von Freude und Empfindung. Viele sind so angestrengt in ihren Bemühungen nach gesellschaftlichem Erfolg, nach Bedeutung, Status und Anerkennung, dass fast kein Raum mehr bleibt für irgend etwas anderes. Viele Mienen bleiben finster, selbst wenn man sie anlächelt. Der Mensch ist sehr weit hinter diesen Fassaden versteckt, dass nur ein kurzer Augenblick der Freude und des Lächelns nicht ausreicht um bis zu ihren Empfindungen durchzudringen. Lebensfrohe Gesichter sind an der Bahnhofstrasse selten und wenn man sie trifft, so sind es vor allem Ausländer und Touristen. Diese haben eine kleine Auszeit aus ihrem beruflichen Streben und sind offener, weil sie ja etwas von ihrem Urlaubsziel aufnehmen wollen und nicht in bekanntem Gefielde von einem Punkt zu nächsten stressen.

An meiner offenen und positiven Art kann (und muss) ich hier echt arbeiten. Sich auch durch Ignoranz und Spott nicht runter reissen zu lassen ist eine wirklich gute Übung. Oftmals denke ich, dass die mir entgegen gebrachten Reaktionen kein wirkliches Urteil über mich abgeben, sondern dass sie ein Denkmuster desjenigen preisgeben, der ebenso reagiert. Natürlich sind spöttische Kommentare oft wie kleine Nadelstiche, doch mittlerweile ist mir Spott schon fast lieber als kalte Ignoranz. Wenn jemand einen dummen Spruch reisst und danach hämisch lacht, so lacht er doch immerhin. Lachen ist gesund. Aus welchem Grund auch immer. Mir ist lieber, jemand lacht über mich, als dass er gar nicht lacht. Zürch kann noch so viel Lachen gebrauchen...

Nächste Woche will ich weitere Hotels besuchen um Werbeflyer aufzulegen. Das klappt eigentlich ansprechend gut und bisher sind schon gegen 800 Flyer verteilt. Jeder dieser Flyer kann dem gesuchten Zufall auf die Sprünge helfen und je mehr Menschen von meinem Rikscha-Service erfahren, desto höher ist die Chance, dass mögliche Interessenten letztendlich auch in meiner Rikscha sitzen. Ich bleibe dran...