Velospazieren

Gestern regnete es fast den ganzen Tag und deshalb blieb ich zu Hause. Heute morgen war es dann noch stark wolkenverhangen, doch der Wetterbericht sagte eine allmähliche Wetterbesserung voraus. Genau richtig um einen Sonntagsspaziergang zu unternehmen. Noch schöner natürlich eine gemütliche Velorunde ohne klares Ziel...

Kurz nach dem Mittag stieg ich aufs KISH und machte mich auf in Richtung Flughafen. Ich hatte noch eine kurze Besorgung auf dem Plan und auch so ist "rund um den Flughafen" eine meiner bevorzugten Flanierstrecken. Da gibt es immer etwas zu sehen und ein Kaffeehalt am Pistenende bietet sich auch an. Besonders war heute das Spiel der Wolken am Himmel. Bei viel Wind zeigten sich immer andere Formen in immer unterschiedlichen grau-Variationen.

Weil alles so rund und stimmig war, verlängerte ich die Ausfahrt noch etwas und suchte mir einen schönen Aussichtpunkt. An einem Waldrand, westwärts ausgerichtet, mit Blick über die hüglige Landschaft. Der Frühling zeigt sich nun immer stärker. Erster Bärlauch ist am Waldrand zu sehen, zunehmend verdrängt junges grün das verlebte braun. Nur etwas sitzen und schauen... schön... ja, hier ist es einfach sehr sehr schön...

die Sache mit der Zeit

Letzte Woche war es vielfach regnerisch und ich hatte viel Zeit um nachzudenken und Blogeinträge zu schreiben. Diese Woche nun war es vorwiegend schön, sonnig und frühlingshaft. Ich verbrachte also viel Zeit auf der Rikscha und in der Stadt. Etwa die Hälfte dieser Zeit bin ich unterwegs. Dabei brauche ich meine Aufmerksamkeit um mich sicher durch die Stadt zu bewegen und mit Fahrgästen zu kommunizieren. (ich bin also beschäftigt und der Geist oder die Gedanken treten in den Hintergrund). Die andere Hälfte lauere ich an gut frequentierten Stellen auf spontane Kundschaft. Dabei habe ich viel Zeit um Gedanken, Ideen und Konzepten nachzuhängen. Oder in der Erinnerung zu schwelgen. Oder Zukunfstpläne zu schmieden, oder was auch immer...(am besten einfach zu sein).

Fasziniert war ich von den Ideen des vorletzten Eintrags "ich bin immer zu spät". Wie erlebe ich Zeit, oder den Moment? Bis wann liegt etwas in der Zukunft und ab wann ist es Vergangenheit? Was ist daran überhaupt wahr oder real?

Meine aktuelle Erkenntnis: Im direkten Erleben gibt es überhaupt keine Zeit, es ist immer jetzt (Gegenwart). Man könnte auch sagen, dass es aus Sicht des Geistes, des Verstands, nur eine Vergangenheit und eine Zukunft gibt, die sich in der Gegenwart treffen. Also eine Projektion auf einer imaginären Zeitachse von hinten (Vergangenheit) nach vorne (Zukunft). Das, was aber wirklich unmittelbar IST, bleibt für unser Hirn unvorstellbar und unbeschreiblich. Man könnte fast sagen, es ist zu schnell oder zu intensiv... wenn ich bemerke, dass die Zukunft in die Gegenwart eintritt, ist sie bereits Vergangenheit... ;-)

Ein weiteres Phänomen ist, dass im Augenblick des direkten Erlebens (also in der Gegenwart, dem jetzt) kein "ich" und keine Gedanken vorhanden sind. "Es" passiert einfach. Und es passiert in einer derartigen Intensität, dass man es gar nicht verstehen kann - deshalb denkt man dann darüber nach, vereinfacht, vergleicht und macht es verstehbar. Unser Geist macht eine Geschichte daraus, die innerhalb seiner Konzepte halbwegs Sinn macht, damit er das Erlebte einordnen kann. Diese Geschichte ist aber weder Realität (weil Vergangenheit) noch wahr (weil vereinfacht). Sie ist im besten Fall historisch korrekt und gut beschrieben.

Zeit kann also nicht erlebt werden und deshalb kann man durchaus behaupten, dass es Zeit an sich gar nicht gibt... keine Vergangenheit... keine Zukunft... nur JETZT...

Somit werden Ratschläge wie "lebe von Moment zu Moment" zu reinen Platitüden (geistige Selbstbefriedigung). Erstens gibt es keine real existierenden zeitlichen Momente und zweitens kann man gar nicht anders als "jetzt" leben. Den nächsten Moment kann ich nicht vorweg nehmen und der letzte Moment ist bereits Geschichte. Ganz egal, wie eng die Momente beieinander liegen. Auf der anderen Ende der Skala bezeichnet Ewigkeit also nicht eine unvorstellbar lange Dauer, sondern JETZT. Immerwährendes JETZT. (Was auch eine falsche Bezeichnung ist, denn real gibt es nur jetzt).

Es ist faszinierend... Der menschliche Geist kann gar nicht anders als in zeitlichen Abläufen zu denken. Eine linear ablaufende Zeitachse ist ein perfektes Sortier- und Ablagesystem. Extrem mächtig. Darauf basierend leiten wir auch Kausalität (Ursache und Wirkung) ab.

Wie so oft in meinem Blogbeiträgen muss ich zum Schluss etwas relativieren. Ich beschreibe hier meine persönlichen Erfahrungen und die Schlüsse die ich daraus ziehe. Diese haben keinen Anspruch auf Richtigkeit. Auch das sind nur "Geschichten". Ich behaupte in diesem Beitrag keineswegs, dass es die Vergangenheit nicht gab oder dass man von der Vergangenheit nicht auf die Zukunft schliessen könne. Ich sage nur, dass ich selbst -bei genauer Betrachtung- keine Zeit ERLEBEN kann. Wenn ich nun versuche, diese Erkenntnis ernst zu nehmen, so heisst das, das alles immer neu und unbeschrieben ist. Dass meine Erwartungen, Hoffnungen, Ideen, Projektionen und Konzepte die "Wahrheit" verhüllen und abwerten. Sie verwandeln Neues in Gebrauchtes.

Auch wichtig erscheint mir folgender Gedanke: Es gilt nicht "entweder oder" sondern "sowohl als auch". In Bezug auf das Thema Zeit meine ich damit, dass ich nicht wählen muss zwischen Realität (es gibt keine Zeit) und Fiktion (es gibt Zeit) sondern dass es beides gibt. Nicht nur das. Sie bedingen sich geradezu. Sie sind die zwei Seiten einer Münze und letzten Endes sogar EINS. Absolut gesehen gibt es Zeit nicht. Relativ gesehen bewegen wir uns durch die Zeit. Es ist "sowohl als auch", je nach der Perspektive, die wir einnehmen.

Und ja, ich weiss. Ich wiederhole mich. Ich wiederhole, wass ich gelesen und gehört habe. Ich versuche aus Theorie Praxis zu machen und Gelesenes oder Gehörtes mit eigener Erfahrung zu unterfüttern. Ich will nicht glauben, sondern erfahren, verstehen. Gewisse Erfahrungen oder Erkenntnisse sind aber so unglaublich, dass man sie zu wiederholen versucht um sie erneut zu prüfen. Hinzu kommt, dass man jahrelang gepflegte Ideen, Konzepte und (Denk-)Gewohnheiten nicht so einfach über Bord werfen kann. Dazu braucht es halt Wiederholung oder Training...

Ich bin immer zu spät...

Der Titel ist nicht im allgemeinen Sinn zu verstehen. Bei Verabredungen im realen Leben bin ich eigentlich immer zu früh und nur ganz selten zu spät (bezogen auf Uhrzeit). Der Satz bezieht sich auf die letzten zwei Beiträge, auf Gedanken und Worte.

Irgendwo habe ich von einem Experiment gelesen, das geht in etwa so: Suchen Sie sich eine Zahl zwischen 1 und 10 aus und beobachten Sie, was passiert. Das Ergebnis: Irgendwoher kam die Entscheidung z.B. 4 und darauf folgt der Gedanke "Vier". Das heisst, niemand dachte sich bewusst eine Zahl aus, sondern der Gedanke beschreibt die Entscheidung, kommt also nachher. Mit irgendwelchen Sensoren liess sich sogar bestimmen, wie viele Hunderstel- oder Zentelsekunden nach der Entscheidung der Gedanke folgte. Interessant...

Sprechen oder schreiben hat dann immer noch grössere Verzögerungen, weil es nachgelagert ist. Zuerst denke ich was ich sagen oder schreiben will und dann setze ich die entsprechenden Muskeln in Bewegung. Doch auch diese Handlungen geschehen vorwiegend unbewusst. Zu Glück. Es wäre viel zu kompliziert, wenn ich mir immer überlegen müsste, wie ich die Atmung, die Zunge und Lippen steuern muss, damit meine Stimmbänder die entsprechende Schwingung von sich geben, damit die entsprechenden Worte zu hören sind.

Worauf ich hinaus will: Gedanken und Worte hinken dem Leben immer hinterher. Sie vereinfachen und beschreiben immer etwas, was schon vorbei ist und was in Tat und Wahrheit gar nicht beschrieben werden kann. Das Leben ist viel zu kompliziert, chaotisch, nicht linear und unvorhersehbar. "Es" geschieht einfach... Gegenwart ist so gesehen undefinierbar, unbeschreiblich und gedanklich nicht erfassbar. Was Gedanken beschreiben ist bereits Vergangenheit und erst noch eine stark vereinfachte Vergangenheit. Und wenn wir über Zukünftiges nachdenken, so greifen wir auf diese Vergangenheit zurück, wenden das Konzept von Ursache und Wirkung an und konstruieren uns daraus ein zukünftiges Ergebnis (oder eine neue Version der Vergangenheit). Witzigerweise nehmen wir das alles sehr ernst und sind tief überzeugt davon, dass dem auch so sei.

Das alles klappt nur dank unserer Konditionierung. Wir glauben an "fundierte Entscheidungen" und daran, dass man nur genügend zu wissen brauche um die "richtigen" Entscheidungen zu treffen. Wir extrapolieren immer die Vergangenheit (oder das was wir wissen/kennen) und schliessen daraus auf die Zukunft... und verlieren dadurch die Gegenwart... (und wundern uns dann auch noch, dass sich so vieles in unserem Leben scheinbar wiederholt)...

Ein schönes Beispiel dazu aus der gegenwärtigen Internetwelt: Während meiner Winterradreise durch Deutschland buchte ich meine Hotels jeweils über booking.com. Nach etwa zwei Wochen hat der eingesetzte Algorithmus so viele Daten gesammelt, dass ich jeweils automatisch Vorschläge über nächstmögliche Hotels erhielt, die etwa im gleichen Abstand zum letzten Hotel lagen. Zusätzlich wurden mir auf anderen Seiten (Spiegel, Tagesanzeiger, Facebook, etc.) entsprechende Werbeanzeigen eingeblendet. Der Computer wusste also, dass ich etwa 80 Kilometer pro Tag reise, dass ich jeweils ein Einzelzimmer buche und dass ich dabei zwischen X und Y Euro ausgebe. Davon ausgehend errechnete er meine Zukunft und machte mir entsprechende Vorschläge. Selbst heute, fast drei Wochen nach meiner letzten Buchung, erhalte ich E-Mails mit "ihr nächstes Reiseziel". Doch die sind ja nicht doof. Sie erkennen, dass mein Internetzugang nun an meinem Heimatort erfolgt und machen mir deshalb Vorschläge für eine nächste, mögliche Reise nach dem Motto: "Menschen die ein ähnliches Verhalten wie Sie an den Tag gelegt haben, mögen auch noch diese Ziele, diese Produkte, etc."

Aber hey! So funktioniert das Leben nicht! So funktionieren Maschinen.

Das bringt uns auf die Idee oder das Konzept der Blase. Wir vermuten, dass wir abgetrennte Wesen mit einer eigenen Identität sind. Wir sind zwar ziemlich ähnlich wie die anderen acht Milliarden Menschen auf diesem Planeten, doch wir sind nicht gleich und schon gar nicht EINS. Denn ich sehe nur was ich sehe, erkenne nur was ich erkenne, fühle nur meinen Schmerz, weiss nur was ich weiss, etc. usw. Irgendwo im meinem Körper -vermutlich im Herzen (bei Idealisten) oder zwischen den Ohren (bei Materialisten)- befindet sich das Zentrum meines Universums und darum herum entwickelt sich meine Blase des Lebens.

In diese Blase ziehe ich alles, was ich erfahren, erleben und wissen kann. Ich versuche damit meine Datenbasis und mein Bewusstsein zu erweitern um zu immer besseren Entscheidungen und Ergebnissen zu kommen. Wir denken: "Je mehr, desto besser!" Es entwickelt sich daraus ein stetiges "mehr". Mehr Gesundheit, mehr Freunde, mehr Geld, mehr PS, mehr m2, mehr Ferien, mehr Gelassenheit, mehr im Moment leben, mehr Mitgefühl, mehr Achtsamkeit, mehr Göttlichkeit, mehr... was auch immer! Wo auch immer wir gerade stehen im Leben, es reicht nicht! Wir wollen mehr oder etwas anderes. Wir sind auch super gut im Vergleichen und Bewerten. Wir finden immer jemanden, der Besser oder Schlechter ist, wir finden immer einen Punkt in unserem Leben, den wir noch optimieren können. Wir haben nie genügend Daten...

Diese Muster erkennen wir Alle. Ganz egal ob Mann oder Frau, jung oder alt, welcher Herkunft oder Prägung. Wir sind so konditioniert (was nur eine Feststellung und keine Wertung sein soll). So wird es uns von klein auf beigebracht.

Und genauso wie booking.com davon ausgeht, dass ich immer weiterreisen werde, gehen wir davon aus, dass wir immer weiterleben werden. Wir wissen, dass wir eines Tages sterben werden, doch wir verleugnen und ignorieren es. Es ist paradox. Ich glaube, eine Midlifecrysis ist der Moment im Leben an dem man sich eingesteht, dass es eben nicht immer aufwärts und vorwärts geht, dass das Leben keine Linearität besitzt, sondern eine Kurve beschreibt, die nach dem Höhepunkt dem Nullpunkt entgegenschwingt. Meist verschieben sich dann ein paar Wertvorstellungen, was aber nichts anderes heisst, als dass wir unsere Blase in anderen Bereichen zu vergrössern versuchen.

Weil die ganze Welt um uns herum genau gleich tickt, kommen wir nicht auf die Idee, dass an diesem Lebenskonstrukt, an dieser Haltung und Vorgehensweise ganz fundamental etwas falsch sein könnte. Wer den Kopf nicht in den Sand steckt kommt irgendwann auf die ganz prinzipiellen Fragen wie: Was ist Materie? Was ist Raum? Was ist Zeit? Wer oder was bin ich wirklich?

Und was ist das Interessante an diesen Fragen? -> es gibt keine schlüssigen, wissenschaftlich bewiesenen Antworten. Materie besteht zu 99,x% aus Nichts. Raum ist grenzenlos und undefinierbar. Zeit existiert nur als gedankliches Konstrukt. Und zu guter Letzt: Ein ICH gibt es nicht. Unauffindbar!

Ist das nicht unglaublich? Alles was wir glaubten erweist sich als unhaltbar! Fake-News! Gedanken und Worte beschreiben immer nur das, was NICHT ist, denn das was IST, lässt sich nicht beschreiben. Es ist uns immer einen Schritt voraus. Jeder Gedanke darüber kommt zu spät und hat deshalb den Kern verpasst.

Um auf das Blasen-Modell zurückzukommen. Solange wir uns als Individuum verstehen, als getrenntes, eigenes Wesen, mit eigenem Zentrum, mit der Idee von "ICH - und alles Andere", so lange fühlen wir uns unvollständig und sind auf der Suche nach Vervollkommenheit.

Gibt es denn dazu eine Alternative? Ein Gegenkonzept? -> Nein. Es ist hoffnungslos.

Wenn das "ICH" wegfällt, bleibt nur noch Leben, SEIN.

Es ist völlig hoffnungslos, denn Vollkommenheit, Einheit braucht keine Hoffung. Es gibt keine Alternative dazu. Es ist voll/leer, gut/schlecht, real/unreal, weiss/schwarz, hell/dunkel, positiv/negativ, lebendig/tot -> es ist eben nur EINS, ohne ein Zweites. Es ist sowohl als auch. Das Zentrum von Gegensätzen. Undenkbar, unbeschreiblich.

Die Blase ist Teil dieses EINEN. Wieviel auch in diese Blase gezogen wird, wie gross sie auch immer werden mag, sie ist immer nur Teil des Ganzen, denn das Ganze ist unendlich, ist alles in Allem. Die Blase, das Zentrum der Blase, eine Persönlichkeit/Identität wird also immer unvollständig bleiben weil es sich (scheinbar) abgrenzt. Es bedeutet aber auch: Jeder Mensch, jedes Individuum ist Teil des Ganzen. Ob er/sie es nun erkennt oder nicht ist dabei völlig egal. Ob man nun an seiner Ich-heit festhält oder nicht ist auch völlig egal. Das Leben ist alles was IST. Immer, an jedem Ort und zu jeder Zeit, vollständig. Schwingende Energie...

Will man aber Vollkommenheit erreichen, muss ICH sterben. Die Identifikation mit einem ICH muss wegfallen. Es gibt kein ICH, das denkt und fühlt und bewertet und wünscht und hofft. Nichts persönliches. Kein ICH, kein DU - niemand. Keine Materie, kein Raum, keine Zeit, keine Ursache, keine Wirkung - nur Lebendigkeit. Nur spielende, lebendige Energie, immer jetzt, nie gleich.

Das klingt jetzt alles ziemlich abgedreht, weil eben Worte nicht in der Lage sind Unbeschreibbares zu beschreiben. Das alles hat nichts mit Selbstmord, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit im allgemeinen Verständnis zu tun. Ich werde mich nicht umbringen ;-) Das Leben geht ja weiter, ich werde auch weiterhin jeden Morgen aufstehen, mich waschen, essen und arbeiten. Daran ändert sich -soweit man das abschätzen kann- gar nichts. Ich werde auch weiterhin nachdenken, abwägen und Verstandesentscheidungen treffen, denn das ist Teil dieses Erdenlebens, dieser Geschichte. Man muss nicht vorsätzlich Dummheiten begehen. :-)

Es fühlt sich also ziemlich undramatisch an, wie das Ausziehen eines alten Mantels, der einem nicht mehr passt.

Hamsterrad - Ich bin

Ich denke von mir irgendwie, dass ich sein Suchender bin, der nach Erfüllung, Erleuchtung, Verschmelzung, Vereinigung sucht. Bei genauerem Betrachten sieht es auch wie ein dauerndes Vergessen-wollen seiner Selbst aus, einer Auflösung des "Ich"-Konzepts. Dies vor allem deshalb, weil man sich Selbst immer als getrennt von anderem und von anderen erfährt. Als Grundproblem erkenne ich, dass sobald ich "Ich" denke/sage, trenne ich mich ab von allem anderen. Ich und alles Andere.

Über die Jahre verflüchtigten sich zunehmend die Gedanken der Ich-Identifikation mit meinem Körper, meinem Geist, meine Emotionen, Gedanken, Empfindungen und Erfahrungen. Zeitweise. Wenn ich im vorletzten Beitrag vom dauernden Versuch mit "dem Flow" zu gehen spreche, dann ist auch dies ein Ausdruck für das Vergessen meiner selbst, für den Versuch der totalen Akzeptanz dessen, was ist, ohne den Versuch etwas ändern zu wollen. Aber dennoch erlebe ich mich höchstens als Teil von Etwas, also immer noch getrennt.

Das alles ist ein geistiges Hamsterrad... und die Achse dieses Rads heisst "Ich". Darum dreht sich alles...

Das verrückte an der Sache ist, dass es bei genauem Betrachten und bei vertiefter Selbsterkenntnis dieses "Ich" gar nicht gibt. Es hat keine echte Realität sondern schafft sich seine eigene Traumwelt, die immer irgendwie anders sein sollte als das, was wirklich ist. Und das treibt mich dann vorwärts und hält meine Suche in Gang. Damit meine ich Ideen wie: "das müsste etwas anders sein", "das gibt es noch zu erreichen", "das muss ich noch loslassen", "diesbezüglich muss ich mich noch verbessern", "das muss ich noch tun oder nicht tun", "da kommt noch was".

Man kann auch sagen, das "Ich" ist relativ. Bezogen auf diesen Körper, auf dieses Leben in Dualität, in einer sich in dauernder Veränderung befindlichen Welt. Genau deshalb sucht es einen Fixpunkt der Ruhe verspricht. Relativität braucht einen Fixpunkt zu dem es halt eben relativ ist. Es wird diesen aber nie finden. Wo es auch hinschaut, wo es auch sucht, es wird diesen Fixpunkt nicht finden, da der Fixpunkt nicht Teil dieser "Ich-bin"-Welt ist. Es scheint eher umgekehrt zu sein. Erst ein "Ich-bin" kreiert diese, sich dauernd verändernde Welt. Erst das "Ich" kreiert Zeit und Raum. Erst dieses "Ich" kreiert diese Trennung zwischen "Ich und Nicht-Ich". Erst das "Ich" kreiert diesen Traum des "eigenen", abgetrennten Lebens.

So gesehen ist es also hoffnungslos. "Ich" komme nie aus diesem Hamsterrad heraus. Solange ich mich mit dieser Welt, diesem Leben, diesem Körper, diesen Gedanken und eben dieser "Ich-Geschichte" identifiziere, solange geht die Suche weiter. Nichts was ich finden werde wird mich je befriedigen, weil es in diesem Ich-Lebenstraum keinen Fixpunkt gibt.

Das ist alles Illusion, Lebenstraum...

Die Realität IST ganz einfach so wie sie ist. Sie ist vollkommen, ungetrennt, es gibt kein Bewusstsein hierzu, es ist niemand da, es gibt kein gut und schlecht, es macht keinen Sinn, es ist für niemand, es ist frei und es ist satt und wild... es IST einfach so... -> für ein "Ich" unbegreiflich, unverständlich und unerreichbar...

sprachliche Unsicherheit

Heute ist es regnerisch und ich bin deshalb nicht mit der Rikscha unterwegs und habe etwas freie Zeit. Ich komme hier auf ein Thema zurück, welches mich schon ein paar Jahre beschäftigt und dessen Auswirkung sich klar in diesem Blog niederschlägt (oder eben nicht niederschlägt). Es geht um den Umgang mit Sprache. Schon 2006 habe ich diesbezüglich einen ersten Beitrag geschrieben.

Unbestritten ist eine gemeinsame Sprache DAS Hauptmedium menschlicher Kommunikation und Interaktion. Wir teilen unsere Ansichten, Ideen und alles was uns beschäftigt in erster Linie verbal aus. Jeder sprachliche Ausdruck und jedes Verstehen beruht auf einem Fundament von unausgesprochenen, gemeinsamen Bedeutungen, Konventionen, Werten und Vorstellungen. Worte sind also Beschreibungen oder Etiketten für unsere Wahrnehmungen und Erfahrungen und wir einigen uns in einer gemeinsamen Sprache auf eine konsistente Bedeutung. Dadurch können wir annehmen, dass der Empfänger der Worte auch wirklich das versteht, was der Sender ausdrücken/beschreiben wollte.

Worauf ich heute aber hinauswill ist, dass wir nicht nur Sprache benutzen um mit anderen zu kommunizieren, sondern dass unsere Gedanken ja auch in Worte gefasst sind, nur dass diese nicht ausgesprochen werden. Wenn ich also über etwas nachdenke, bilden sich Sätze in meinem Kopf, die ebenfalls auf all diesen gelernten Konventionen aufbauen. Meist vergessen wir dabei, dass Worte nur Etiketten sind, die immer nur einen Teil der Realität/Wahrheit abbilden. Gerade wenn wir über unsere Gefühle nachdenken, sind Worte ziemlich hilflos und eindimensional. Da behelfen wir uns (zumindest in unserem Kopf) oft auch mit Bildern und Erinnerungen um so einen besseren/volleren Eindruck zu erhalten. Was wir auch immer tun, in unserem Kopf -in unseren Gedanken- erhalten wir immer nur ein unvollständiges Bild der Realität. So sehe ich das heute.

Ein weiteres "Problem" erkenne ich darin, dass wir durch unsere Erfahrung und Vergangenheit immer dichtere Schleier zwischen das "echte Leben" und unsere Gedanken darüber legen. "Was zu erwarten war" bedeutet für praktisch jeden etwas anderes, je nach dem, welche Erfahrungs- und Vergangenheitsbrille er trägt. Was mir also wichtig und richtig erscheint, muss noch lange nicht stimmen oder für jemanden Anderen von Bedeutung sein. Oder anders: es mag zwar für mich richtig sein und ich habe meinem Gedankengut auch die richtigen Etiketten angeklebt, doch der Empfänger liest/hört/interpretiert das ganz anders.

Das ist ein ungelöstes Dilemma und das alles hat mich ziemlich verunsichert. Es hat mich stiller gemacht. Ich rede weit weniger als früher und ich schreibe deshalb auch weniger Blogeinträge. Irgendwie traue ich meinen eigenen Gedanken nicht mehr so selbstverständlich wie früher. Es sind einfach Etiketten (mit Verfallsdatum) geworden.  

Es ist o.k. wenn ich stiller werde, doch ich muss nicht jeden Gedanken und jedes Wort auf die Goldwaage legen. Nachdenken, Reden und sich Austauschen ist auch ein Spiel. Es muss nicht immer wahr oder ernsthaft sein. Es kann auch einfach ein Zeitvertreib und Unterhaltung sein.

5 Jahre Bike Butler

Aktuell feiere ich gerade das 5 jährige Jubiläum als Bike Butler (ganz im Stillen). Ich blätterte in diesem Blog auf März 2012 zurück und las mir die damaligen Beiträge nocheinmal durch. Ich muss zugeben, es hat sich -so rein äusserlich- nicht viel verändert in der Zwischenzeit. Noch immer ist es schwer an Kunden zu kommen und noch immer habe ich viel leere Zeit tagsüber.

Geändert hat sich, dass ich 5 Jahre älter wurde und natürlich nun über 5 Jahre Erfahrung verfüge. In diesem Geschäft wird immer sehr viel vom Wetter und vom Zufall abhängig sein. Das muss man akzeptieren und damit umgehen können. Das heisst, es braucht Geduld, Gelassenheit und Vertrauen. Und natürlich die Fähigkeit, mit wenig zufrieden zu sein. Es ist kein gutes Geschäft sondern ein Lebensstil, der gerade so zum materiellen Überleben reicht.

Man darf diese Aussagen nicht falsch verstehen. Es soll kein Jammern oder Beschweren sein. Die Vorzüge dieses unsicheren Lebens sind gross, aber nur schwierig zu beschreiben. Es ist ein grosses, offenes Feld voller Freiheiten und Möglichkeiten. Nur sehr wenige Grenzen oder Regeln sind gesetzt. Es ist so vieles mir selbst überlassen, wie vermutlich noch nie zuvor in meinem Leben.

Nun ist es natürlich Typ-abhängig, wie man damit umgeht. Ich bin nicht der Eroberer, der dieser Stadt seinen Stempel aufdrücken und seinen Erfolg erzwingen will. Ich bin eher der stille, der integrative und harmonische Typ, der nach Gleichklang, Vereinigung und Verschmelzung sucht. "Go with the Flow" ist sozusagen zu meinem Lebensmotto geworden. Die Stimmung und Schwingung in dieser Stadt aufzunehmen und mitzuschwingen, das versuche ich immer wieder. Dazu braucht es Hingabe und ein Stück Selbstvergessenheit. Demut. Sensibilität. Und eben dieses Grundvertrauen, dass alles richtig ist, so wie es ist. Dass ich nichts anzufügen oder zu ändern brauche...

Ich bin zu einem Teil dieser schönen Stadt geworden und versuche dem natürlichen Lauf der Dinge (die keine Dinge sind) zu folgen. Es startet langsam im März, nimmt Fahrt auf im Frühling, kulminiert im Sommer, geniesst im Herbst, und freut sich auf die Weihnachtszeit. Dann folgen zwei Monate der Ruhe und danach beginnt es erneut. Ähnlich wie im Vorjahr, jedoch immer nur ähnlich und nie gleich. Es ist kein Müssen sondern ein natürliches Fliessen, ein stetes Loslassen, ein Mitspielen und Mitfeiern... und ist nicht das das Wichtigste überhaupt? Dass man dieses Leben feiert? Dass man sich nicht gesondert und getrennt fühlt sondern als Teil des Ganzen, welches genau so wichtig ist wie jedes andere Teil? Dabei ist der Audruck "wichtig oder unwichtig" nur eine menschliche Beschreibung/Bewertung, die real gar nicht existiert... innen und aussen nähern sich an, gehen fliessend ineinander über und werden irgendwann deckungsgleich oder EINS...

Ja, das alles ist ein grossartiges Lern- oder/und Spielfeld. Es geht darum, Widerstände (Ansichten, Meinungen, Konzepte, Glauben, etc.) abzubauen, Schleier zu lüften, klarer zu sehen und zu erkennen: Das ist das Leben! Das bin ich! Unglaublich - Wundervoll!... also lass uns weiterspielen "Go with the Flow"...