Identität verloren

Am letzten Mittwoch machte ich auf einer Parkbank an der Bahnhofstrasse eine Pause und spielte etwas auf dem Handy herum. Etwas später schaute ich auf die Uhr und bemerkte, dass in ein paar Minuten ein Ausflugschiff am Bürkliplatz ankommt und dadurch Chancen auf eine Taxifahrt entstehen. Ich setzte mich also auf die Rikscha und machte mich auf den Weg. Ich stand etwa 10 Minuten am Bürkliplatz -leider ohne Gäste zu finden- und plötzlich bemerkte ich, dass ich meine Lenkertasche auf der Parkbank stehen liess. Ich machte mich also schnell auf den Weg zu der Parkbank, doch mein Täschchen war schon weg. Mist! Darin war meine Brieftasche, Bargeld, Identitätskarte, Bankkarte, Kreditkarten, Führerschein, Fahrzeugausweis und eine kleine Digicam. Alles weg!

Am späten Nachmittag fuhr ich zum Fundbüro um nachzufragen, ob schon etwas abgegeben wurde. Fehlanzeige! Also Bank-Notnummer anrufen um die Bank- und Kreditkarten sperren zu lassen. Was nun? Da ich an das Gute im Menschen glaube und hoffte, dass noch jemand meine Lenkertasche beim Fundbüro abgibt, wollte ich nicht überreagieren und erst ein paar Tage warten, bis ich mich um neue Ausweise und Bankkarten kümmere.

Am Freitag durchsuchte ich die Gebüsche in der Nähe der Parkbank. Meist klauen Diebe nur das Bargeld und schmeissen den Rest dann weg. Auf meiner Suche fand ich zwar nicht mein Lenkertäschchen, doch ein anderes Portemonnaie. Bargeld weg, doch ID und Bankkarten waren noch da. Ich brachte es zum Fundbüro und konnte so gleich nochmals nachfragen, ob meine Lenkertasche abgegeben wurde. Nein, immer noch nicht. Mein Täschchen wurde also nicht von einem ehrlichen Finder mitgenommen, sondern von einem Dieb, der klaute was er brauchen konnte und den Rest vermutlich in einen Abfalleimer warf. Ich muss mich also doch darum kümmern, alle Ausweise zu ersetzen...

Interessant an der ganzen Geschichte fand ich zwei Dinge. Erstens: Ich war plötzlich ohne Identität. Ich konnte mich nicht mehr ausweisen. Würde ich auf dem Motorrad von der Polizei angehalten, hätte ich ein Problem. Kein Fahrzeugausweis, kein Führerschein, keine ID, nichts - der Mann ohne Identität! Ein interessanter Gedanke. Zweitens: Ich regte mich gar nicht sonderlich auf. Das fand ich doch auch interessant.

Es war meine Schuld. Ich habe die Lenkertasche liegen lassen. Es kostet mich nun einiges an Energie und vermutlich auch Geld, bis alle Papiere wieder ersetzt sind. Das ist doch ein klassischer Fall, bei dem normalerweise folgendes Programm abläuft: Zuerst ärgert man sich über die Tatsache, dass einem so etwas passiert. Dann ärgert man sich über den Finder/Dieb. Und dann ärgert man sich am allermeisten über sich selber, weil man so doof war... Ärger, Ärger, Ärger...

Diesmal war und ist es irgendwie anders. Es ist halt einfach passiert. Shit happens! Solche Dinge passieren einfach... ohne Grund und deshalb auch ohne Schuld und ohne die Notwendigkeit sich zu ärgern. Man kann sich ärgern, man muss aber nicht. Mir war sofort klar, dass es sich dabei nur um Dinge, um tote Materie, handelt. Ich habe nichts verloren, mir wurde nichts genommen, ich bin jetzt genauso komplett wie vorher. Natürlich muss ich nun ein paar Dinge unternehmen, die ich ohne diesen Vorfall nicht hätte tun müssen, doch was soll`s?

Das finde ich schon bemerkenswert. Ich musste den Ärger nicht mal loslassen, denn ich identifizierte mich nicht mit ihm. Ärger kam auf und verschwand wieder. Einfach so...

ich werde alt...

Gestern war wiedereinmal Streetparade in Zürich. Um die 900'000 Menschen strömten ans Zürcher Seebecken um "Love never ends" zu zelebrieren. Das ist naturgemäss eine der umsatzstärksten Nächte als Rikschafahrer und deshalb ein absolutes MUSS.

Kurz vor zwei Uhr nachmittags machte ich mich auf ins Getümmel. Zu Beginn ist die Bahnhofsregion ein guter Fang-Standort um Leute möglichst nahe ans Seebecken zu bringen, wo die eigentliche Parade zwischen etwa drei und sechs Uhr stattfindet. Dieses Jahr war es mit etwa 20° Grad relativ kühl. Schnell stellte ich fest, dass die Sicherheitsmassnahmen der Polizei nochmals deutlich erhöht wurden und es schwierig war überhaupt in die Nähe des Sees vorzustossen. Nach den Terroranschlägen der letzten Jahren in Europa habe ich dafür auch durchaus Verständnis.

Schnell wird einem klar, wie viel Streetparade mit hemmungslosem Alkohol- und Drogenkonsum zu tun hat. Leere Alkflaschen werden auf die Strasse geschmissen und so werden viele Scherben zum Spasskiller für Rikschafahrer (und Fussgänger). Kurz vor sechs Uhr hatte ich dann erstamals einen platten Vorderreifen. Nach etwa 15 Minuten Reparatur ging es dann weiter. Kaum eine Stunde später dann ein platter Hinterreifen. Langsam beginnt es mich zu ärgern...

Die angetrunkenen Leute nehmen stetig zu. Die Müllberge wachsen. Dauernd heulen Sirenen von Polizei und Krankenwagen. Leute kotzen an den Strassenrand oder pinkeln an parkierte Autos. In was für einer Welt leben wir? Anstand und Hemmungen gehen verloren. Jeder will einfach PARTY, ohne Rücksicht auf Verluste. So sieht also "Love never ends" aus...

Natürlich ist das Ganze eine Altersfrage. Es gibt noch einige alte Raver, doch vermutlich ist 80% des Publikums unter 30 Jahren. Für Viele bedeutet Streetparade nichts anderes als Party machen und wieder einmal richtig die Sau rauslassen. Ich bin nun schon deutlich über 50 und habe auch wenig (oder keine) Beziehung zum jungen Partyvolk. Vieles ist mir zu laut, zu hektisch, zu abgedreht. Schlicht eine schwierige Beziehung...

Ich nahm mir vor, mindestens bis um Mitternacht durchzuhalten. Wenn ich gut drauf bin, bis 02:00 Uhr und sollte es spitzenmässig laufen, so gerne auch noch länger. So der Plan... Um 21:00 Uhr hatte ich dann Hunger und erste Motivationsprobleme. Ich machte eine halbe Stunde Essenspause, dann ging es weiter. Die betrunkenen Fahrgäste nahmen zu. Je länger je mehr ging mir die ganze Sache auf die Nerven. Ich schaute vermehrt auf die Uhr.

Kurz vor Mitternacht stiegen dann Gäste zu, die ganz in die Nähe unserer Garage wollten. Das war dann wie ein Zeichen. Schon während der Fahrt war mir klar, dass ich danach die Segel streiche. Ich hatte genug. Das Ganze ist einfach nicht meine Welt. Modern ausgedrückt: " Ich bin zu alt für diesen Scheiss!" Auch wenn die anderen Rikschafahrer vermutlich noch lange unterwegs waren und einiges mehr verdienten als ich, darum geht es gar nicht. Das ist nicht die Art von Rikschageschäft wie ich es mir vorstelle. Das entspricht mir einfach nicht und nur für diesen Tag (oder für diese paar Franken mehr) will ich mich auch nicht verstellen. Jeder hat so seine Stärken und Schwächen. Das Nachtgeschäft ist nicht mein Ding und das kann ich auch so akzeptieren.

Regentage

Ich bin sehr froh, dass diese Woche das Wetter eher schlecht ist und es ein paar Tage regnet. Nur so kann ich mit gutem Gewissen zuhause bleiben, administrative Dinge erledigen und mich mental etwas erholen.

In meinem sechsten Jahr als Rikschafahrer erlebe ich -wie immer- ein August-Loch. Die vielen Fahrten des ersten halben Jahres, die heissen Tage, die vielen Leute in der Stadt, das dauernde Gewusel und die vielen Eindrücke ermüden mich geistig. Es ist also weniger eine körperliche, als eine geistige Ermüdung. Vielleicht wäre Ermattung das bessere Wort. 

Demgegenüber steht jedoch klar die Notwendigkeit des Geldverdienens. Nie läuft es als Rikschafahrer besser als in den vier Monaten von Juni bis September und wenn ich jetzt nicht am Ball bleibe, wird das wirtschaftliche Überleben schwierig. In dieser Zeit muss es möglich sein um Geld auf die Seite zu schaffen, welches die umsatzschwächsten Monate im Winter überbrückt. Das bringt mich natürlich dazu, dass ich im Sommer viel auf der Strasse bin um möglichst viel Umsatz zu generieren. Und das ermüdet natürlich.

Deshalb sind Regentage wichtig. Nur wenn es wirklich regnet, wenn keine Buchungen anstehen und die Chance auf spontane Kunden sehr gering ist, nur dann kann ich guten Gewissens zuhause bleiben. Und es ist ja nicht so, dass ich dann nichts zu tun hätte. Bis Ende August muss jeweils die Mehrwertsteuerabrechnung für das erste halbe Jahr eingereicht werden und das bedingt, dass die Buchhaltung nachgeführt ist. Das ist zwar eine lästige Pficht, doch unumgänglich. Ein externer Buchhalter liegt nicht drin, also muss ich das selbst tun.

Am Dienstag blieb ich zu Hause und machte (endlich) die GmbH-Steuern 2016 fertig und reichte die Steuererklärung ein. Wurde auch Zeit, das habe ich lange vor mir hergeschoben. Heute nun vervollständigte ich die Buchhaltung 2017 bis Ende Juli, damit ich die oben erwähnte MWST-Abrechnung durchführen konnte. Geschafft - Abgehakt - ein gutes Gefühl!

Ein anderes Thema, welches mich gedanklich beschäftigt, ist die Bike Butler Homepage. Einerseits mag ich die Homepage wie sie ist, andererseits wirkt sie etwas verstaubt und es gibt Dinge, die sind einfach schlecht gelöst oder nicht mehr zeitgemäss. Wenn ich mir die Statistiken der Homepage ansehe wird klar, dass zunehmend mobile Geräte wie Smartphones und Tablets unsere HP besuchen und dieser Bereich ist ganz schwach ausgebaut. Der (vor 2 Jahren) gewählte Ansatz, Mobile- und Desktop-Ansicht getrennt aufzubauen, wird langsam zum Problem. Der Pflegeaufwand verdoppelt sich dadurch nahezu. Ein weiterer Schwachpunkt ist die altbackene Navigation. Heute wird gescrollt, geswipt (gewischt) und weniger geklickt. Aktuelle Seiten sind dynamischer, bunter und frischer - aus aktueller Sicht einfach besser. Hinzu kommt, dass unsere Webseite nur sehr schlecht für Suchmaschinen optimiert ist (SEO= Search Engine Optimization) und dadurch wenig gefunden wird. Man muss schon ganz gezielt "Rikscha" und "Zürich" eingeben, damit wir auf der ersten Suchseite erscheinen. Wenn man z.B. Stadtrundfahrt, Polterabend, oder Velotaxi eingibt, taucht unsere Homepage erst weit hinten, wo niemand mehr hinblättert, auf.

Ich habe mich also hingesetzt und in einem Dokument die Schwachpunkte unserer Seite aufgelistet und die Vorstellungen formuliert, wie es (aus meiner Sicht) besser wäre oder eben, sein müsste. Erst dachte ich, dass ich im kommenden Winter selbst eine neue Homepage aufbaue, was sicherlich die günstigste Lösung wäre. Doch schon bald wurde mir klar, dass ich das wohl nicht kann und selbst wenn ich mir einiges anlerne, dürfte das Ergebnis vielleicht besser, doch bestimmt nicht professionell herauskommen. Hmmm... Ich habe das Dokument noch etwas besser formatiert und dann an vier verschiedene Web-Agenturen gesendet mit der Bitte um eine Offerte. Mal sehen, wie hoch die Preisschilder dann hängen.

Einerseits hätte ich schon Lust, mich in der Winterzeit mit einem solchen Projekt zu beschäftigen, doch ich weiss wirklich nicht, ob ein brauchbares, besseres, Ergebnis herausschauen würde. Ich warte mal die Offerten ab und schaue dann weiter. Es wird wohl besser sein, die Geschäftsseite Profis zu überlassen und wenn es mich wirklich in den Fingern juckt, kann ich ja dieses Blog modernisieren und mir so "ungefährlich" neue Kenntnisse und Fähigkeiten anlernen. Mal sehen.