die Sache mit der Zeit

Letzte Woche war es vielfach regnerisch und ich hatte viel Zeit um nachzudenken und Blogeinträge zu schreiben. Diese Woche nun war es vorwiegend schön, sonnig und frühlingshaft. Ich verbrachte also viel Zeit auf der Rikscha und in der Stadt. Etwa die Hälfte dieser Zeit bin ich unterwegs. Dabei brauche ich meine Aufmerksamkeit um mich sicher durch die Stadt zu bewegen und mit Fahrgästen zu kommunizieren. (ich bin also beschäftigt und der Geist oder die Gedanken treten in den Hintergrund). Die andere Hälfte lauere ich an gut frequentierten Stellen auf spontane Kundschaft. Dabei habe ich viel Zeit um Gedanken, Ideen und Konzepten nachzuhängen. Oder in der Erinnerung zu schwelgen. Oder Zukunfstpläne zu schmieden, oder was auch immer...(am besten einfach zu sein).

Fasziniert war ich von den Ideen des vorletzten Eintrags "ich bin immer zu spät". Wie erlebe ich Zeit, oder den Moment? Bis wann liegt etwas in der Zukunft und ab wann ist es Vergangenheit? Was ist daran überhaupt wahr oder real?

Meine aktuelle Erkenntnis: Im direkten Erleben gibt es überhaupt keine Zeit, es ist immer jetzt (Gegenwart). Man könnte auch sagen, dass es aus Sicht des Geistes, des Verstands, nur eine Vergangenheit und eine Zukunft gibt, die sich in der Gegenwart treffen. Also eine Projektion auf einer imaginären Zeitachse von hinten (Vergangenheit) nach vorne (Zukunft). Das, was aber wirklich unmittelbar IST, bleibt für unser Hirn unvorstellbar und unbeschreiblich. Man könnte fast sagen, es ist zu schnell oder zu intensiv... wenn ich bemerke, dass die Zukunft in die Gegenwart eintritt, ist sie bereits Vergangenheit... ;-)

Ein weiteres Phänomen ist, dass im Augenblick des direkten Erlebens (also in der Gegenwart, dem jetzt) kein "ich" und keine Gedanken vorhanden sind. "Es" passiert einfach. Und es passiert in einer derartigen Intensität, dass man es gar nicht verstehen kann - deshalb denkt man dann darüber nach, vereinfacht, vergleicht und macht es verstehbar. Unser Geist macht eine Geschichte daraus, die innerhalb seiner Konzepte halbwegs Sinn macht, damit er das Erlebte einordnen kann. Diese Geschichte ist aber weder Realität (weil Vergangenheit) noch wahr (weil vereinfacht). Sie ist im besten Fall historisch korrekt und gut beschrieben.

Zeit kann also nicht erlebt werden und deshalb kann man durchaus behaupten, dass es Zeit an sich gar nicht gibt... keine Vergangenheit... keine Zukunft... nur JETZT...

Somit werden Ratschläge wie "lebe von Moment zu Moment" zu reinen Platitüden (geistige Selbstbefriedigung). Erstens gibt es keine real existierenden zeitlichen Momente und zweitens kann man gar nicht anders als "jetzt" leben. Den nächsten Moment kann ich nicht vorweg nehmen und der letzte Moment ist bereits Geschichte. Ganz egal, wie eng die Momente beieinander liegen. Auf der anderen Ende der Skala bezeichnet Ewigkeit also nicht eine unvorstellbar lange Dauer, sondern JETZT. Immerwährendes JETZT. (Was auch eine falsche Bezeichnung ist, denn real gibt es nur jetzt).

Es ist faszinierend... Der menschliche Geist kann gar nicht anders als in zeitlichen Abläufen zu denken. Eine linear ablaufende Zeitachse ist ein perfektes Sortier- und Ablagesystem. Extrem mächtig. Darauf basierend leiten wir auch Kausalität (Ursache und Wirkung) ab.

Wie so oft in meinem Blogbeiträgen muss ich zum Schluss etwas relativieren. Ich beschreibe hier meine persönlichen Erfahrungen und die Schlüsse die ich daraus ziehe. Diese haben keinen Anspruch auf Richtigkeit. Auch das sind nur "Geschichten". Ich behaupte in diesem Beitrag keineswegs, dass es die Vergangenheit nicht gab oder dass man von der Vergangenheit nicht auf die Zukunft schliessen könne. Ich sage nur, dass ich selbst -bei genauer Betrachtung- keine Zeit ERLEBEN kann. Wenn ich nun versuche, diese Erkenntnis ernst zu nehmen, so heisst das, das alles immer neu und unbeschrieben ist. Dass meine Erwartungen, Hoffnungen, Ideen, Projektionen und Konzepte die "Wahrheit" verhüllen und abwerten. Sie verwandeln Neues in Gebrauchtes.

Auch wichtig erscheint mir folgender Gedanke: Es gilt nicht "entweder oder" sondern "sowohl als auch". In Bezug auf das Thema Zeit meine ich damit, dass ich nicht wählen muss zwischen Realität (es gibt keine Zeit) und Fiktion (es gibt Zeit) sondern dass es beides gibt. Nicht nur das. Sie bedingen sich geradezu. Sie sind die zwei Seiten einer Münze und letzten Endes sogar EINS. Absolut gesehen gibt es Zeit nicht. Relativ gesehen bewegen wir uns durch die Zeit. Es ist "sowohl als auch", je nach der Perspektive, die wir einnehmen.

Und ja, ich weiss. Ich wiederhole mich. Ich wiederhole, wass ich gelesen und gehört habe. Ich versuche aus Theorie Praxis zu machen und Gelesenes oder Gehörtes mit eigener Erfahrung zu unterfüttern. Ich will nicht glauben, sondern erfahren, verstehen. Gewisse Erfahrungen oder Erkenntnisse sind aber so unglaublich, dass man sie zu wiederholen versucht um sie erneut zu prüfen. Hinzu kommt, dass man jahrelang gepflegte Ideen, Konzepte und (Denk-)Gewohnheiten nicht so einfach über Bord werfen kann. Dazu braucht es halt Wiederholung oder Training...

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