Wir müssen uns mehr freuen!

Ist heute nicht ein herrlicher Tag?

Ich habe alle Möglichkeiten, kann tun und lassen was ich will. Heute vor einem Jahr fuhr ich mit dem Velo etwa 80 Kilometer dem Rhein entlang, von Koblenz bis nach Bonn.

Heute sitze ich in Winterstiefeln und dicker Fleece-Jacke auf unserem Gartensitzplatz. Erlebtes Winterklima ist mein Reality-Check zu der Online-Welt, durch die ich mich die letzten Tagen und Wochen bewegte. Es ist windstill, etwa +8° Grad, die Sonne drückt milchig durch die wechselnde Bewölkung. Es ist eigentlich ganz angenehm, auch wenn schon nach 15 Minuten die Finger zu frieren beginnen. Aber so ist das nun mal. Ich kann mit Handschuhen keine Computertastatur bedienen.

Der Titel sagt doch schon alles, oder? WIR MÜSSEN UNS MEHR FREUEN! Das ist ein Imperativ!

Klingt gut! Doch wie und worüber kann man sich denn noch freuen?

Der direkte und kürzeste Weg zu mehr Freude ist: Erkenne, verstehe und bejahe, dass NICHT Du (oder Dein Ich) den Lauf Deines Leben bestimmst! Das macht irgend jemand, oder irgend etwas anderes als Ich. Das liegt ausserhalb menschlicher Erkenntnisfähigkeit, ausserhalb Gedanken und Worte. Ich arme Sau kann und werde dieses Leben nur ganz genau so durchleben, wie es eben passiert. ;-)

Es bleibt aber mir selbst überlassen, wie ich auf etwas reagiere und das alles kommentiere. Denn das zurückgestufte Ich ist nun der unerbittliche Kommentator in der ersten Reihe. Der, der zu allem was passiert sofort eine Meinung hat, der aus Erfahrung weiss, was richtig und falsch, was gut und böse ist. Es sei ihm erlaubt... Aber es sei auch nochmals festgehalten: Ich bin nicht der Kreator, ich bestimme die Handlung nicht, sondern durchlebe sie achtsam und bei Lust und Laune hänge ich ein paar Etiketten in Form von Gedanken und Worten an (eigentlich immer). Mit zunehmender Lebenspraxis erkenne ich aber, dass es diese Etiketten gar nicht braucht.

Und, noch später, kann man über die gesamte Idee vom Körper-Geist-Ich nur noch lachen (oder milde lächeln) weil man irgendwann realisierte, dass es dieses Ich gar nicht gibt und es auch nie existiert hat. Es ist eine geistige Fiktion (Fata Morgana), die sich Menschen ganz automatisch, unfreiwillig und zwansläufig erschaffen. Die Motivation dazu liegt in der Idee, dass dieses dreidimensionale Wesen, in dem das Ich gefangen scheint, glaubt, mit diesem Ich -als erfahrenen Bootsführer- sicherer durch das unbekannte Meer des Lebens zu segeln. Um so, dem unausweichlichen Tod möglichst lange ein Schnippchen zu schlagen.

Überheblich! Mein Ich hat nicht entschieden, wann und wo ich geboren wurde. Ob als Frau oder Mann, weiss oder schwarz, arm oder reich. Alle wichtigen Entscheidung passierten einfach so, ohne ein Ich und ohne meine vorhergehende Zustimmung oder Ablehnung. Genau so wenig weiss Ich, wann meine letzte Stunde schlägt und ich meine letzte Reise antreten werde. Es liegt nicht in meiner Hand - Das ist die Grund-Erkenntnis. - und die ist sehr befreiend...

Darauf baut auf: Gedanken, Gefühle, Empfindungen und Sinneseindrücke sind einfach so da, Oder eben nicht da. Ich kann sie nur aktiv erleben, sie nicht erzeugen, nicht erzwingen und nicht erneut erleben. Wenn ich etwas bevorzuge, daran festhalte, mich damit identifiziere, dann erzeuge ich Widerstand. Weil ich ab jetzt Dieses besser finde, als alles Andere. Ich schränke ein und unterteile. - Ohne jede Not. Je häufiger ich das mache, desto mehr behindere ich den natürliche Fluss des Lebens und muss mich deshalb auch nicht wundern, wenn es immer wieder anders herauskommt, als geplant. (Der Mensch sagte: "Ich mache mir einen Plan..." Gott lachte herzlich!)

Und jetzt, endlich, komme ich auf den eigentlichen Punkt. Wenn alles genau so auf mich zukommt, wie es kommen soll, weil es eben gar nicht andres kommen kann, dann freue ich mich doch ganz einfach schon mal darüber, dass heute Morgen meine Augen wieder aufgegangen sind und ich einen neuen Tag auf dieser Zeitreise erleben darf.

Jeder Tag ist ein neues Leben. Ich kann meinen Geist auf die Dinge lenken, die mich erfreuen. Es gibt keine Pflicht um in der schmerzhaften Vergangenheit zu verweilen. Ich kann mit kindlicher Vorfreude die Zukunft liebevoll erwarten, sie Willkommen heissen, den Moment ganz kurz zärtlich umarmen, bevor er im nächsten Augenblick gleich zur Vergangenheit wird. Ich stehe in der Mitte. Verharre zwischen Zukunft und Vergangenheit, im ewigen Jetzt, ohne einen Zeitbegriff. Und ohne eine Ahnung davon, wer oder was Ich bin.

Uns siehe da: Es gibt so viel Erfreuliches heute: Das gestern gekaufte Baguette (hast Du die Bilder davon sehen?) schmeckte zum Frühstück ganz vorzüglich. Am frühen Morgen zeigte sich ein zartes Morgenrot. Die zwei Katzen im gleichen Haus sind wieder putzig. Im Briefkasten war keine Rechnung. Ich konnte mittags zwei Stunden draussen sitzen. Der Milchkaffe schmeckt jedes Mal vorzüglich. Schön, dass ich so viel Zeit habe um mich mit diesen EDV-Internet-Geschichten zu befassen. Schön, dass ich Zeit habe um diesen Blogeintrag zu schreiben.

Es ist (und war) also ein schöner Tag, mit sehr viel Erfreulichem!

Der Titel ist eigentlich falsch. Man muss sich nicht mehr freuen, ABER MAN KANN!

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