(55) arschflach = die Poebene

Bilder im Fotoalbum (Nr. 916 – 923)

Eigentlich war der heutige Tag langweilig, denn ich fuhr einfach sieben Stunden durch flaches Land. Fläche kann man nicht fotografieren und es bietet auch dem Auge wenig interessante Anhaltspunkte. Zudem sind die Strassen häufig schnurgerade und so strampelt man einfach stundenlang vor sich hin, wie der Hamster im Rad.

Ich merkte sehr rasch, dass ich nicht mit Puls 135 durch die Gegend pedalen kann, sonst fahre ich mich in drei oder vier Stunden so leer, dass nichts mehr geht. Deshalb hiess es Druck vom Pedal nehmen und immer schön nach Pulsuhr fahren. Während meinen nun fast acht Wochen lag der Pulsdurchschnitt der schönsten Tage so zwischen 113 und 118. Über 120 war richtig anstrengend und das büsste ich meist an den Folgetagen.

In hügeligem Gelände kann man ruhig mal Puls 150 fahren, denn bergrunter geht der Puls auch wieder unter 100 und man kann sich dabei etwas erholen. Wenn es aber immer nur flach vorwärts geht, bleibt der Puls konstant und eigentliche Erholungsphasen gibt es einfach nicht. Deshalb nahm ich mir vor, maximal einen Puls von 120 zu fahren. Steigt er höher, schalte ich runter.

Ich hatte stundenlang Zeit für irgendwelche Spielchen wie zum Beispiel: Wie lange kann ich genau Puls 115 halten oder, wie lange kann ich genau auf der weissen Seitenlinie fahren oder ich rechnete aus, wie viele Kurbelumdrehungen ich pro Minute, Stunde oder 100 Kilometer denn so mache. Oder ich versuchte einfach einmal nichts zu denken, was natürlich nicht geht…

Die Landschaft war auf der ganzen Strecke gleich. Landwirtschaft und Schweinemast. Von der Landwirtschaft sieht man derzeit eigentlich nur noch die Maisfelder, denn alles andere ist bereits abgemäht. Natürlich gibt es auch Birnen- und Äpfelkulturen, doch nur sehr wenige. Keine Reben und keine Olivenbäume. Die Schweinemast riecht man jeweils schon von weit her. Hier werden alle die Parma-Schinken gezüchtet und leider sieht man keine Schweine in der Natur, alle werden in grossen Ställen gemästet. Kühe oder Schafe habe ich überhaupt nicht gesehen.

Mittags machte ich im kleinen Ort „Guastalla“ einen richtigen Verpflegungshalt in einem feinen Restaurant. Nach Schinken und Melone zur Vorspeise, genehmigte ich mir eine grosse Portion Ravioli, gefüllt mit Basilikum und Ricotta, an einer kalorienreichen Buttersauce. Das gab mir dann die nötige Kraft für die vielen Kilometer, die am Nachmittag noch folgten.

Schon bald entschied ich nämlich, dass ich bis „Cremona“ durchfahren will, denn alle flachen Kilometer die ich heute fahre, brauche ich morgen nicht mehr zu fahren. Und mit Puls 115 könnte man tagelang fahren, das ist nicht das Problem. Zum Problem wird höchstens, dass man irgendwann kaum noch gut sitzen kann und auch die Hände, die Handgelenke und der Nacken würden sich mehr Abwechslung in der Position wünschen. Doch Wiegetritt in der Fläche geht kaum ohne dass der Puls hoch geht. Also fuhr ich zwischendurch kilometerlang freihändig und lockerte dabei etwas die Hände und den Nacken.

Abends gegen fünf Uhr war ich dann in „Cremona“, der Stadt in der Stradivari seine weltberühmten und wohl unerreichten Geigen baute. Gleich am Stradivariplatz sah ich ein schönes Viersternhotel und für die vielen Kilometer wollte ich mich mit einem schönen Hotelzimmer belohnen. Die gute Frau an der Reception liess dann auch noch etwas über den Preis handeln und so wurden wir uns einig.

Nach der Dusche machte ich dann meinen obligaten Spaziergang durch den Ort, kaufte etwas Milchprodukte ein und ass danach fein Pizza. Morgen möchte ich bis an das untere Ende des Comersees fahren, was eigentlich möglich sein sollte. Ich will diese flache Gegend einfach hinter mich bringen und freue mich schon jetzt auf Berge und Seen. Das GPS sagt: 165 km., 7:09 Std., 80 Hm.

(54) quer über den Apennin

Bilder im Fotoalbum (Nr. 895 – 915)

Heute war ich gleich zur Eröffnung des Frühstücksbuffets anwesend um möglichst zeitig aufs Rad zu kommen. Bei der Abrechnung des Hotels musste ich etwas schmunzeln, als ich 2x 2 Euro für die Bike-Garage aufgelistet sah. Egal, bei 45 Euro pro Nacht ist das noch verschmerzbar.

Es war wieder sonnig und ein warmer bis heisser Tag stand bevor. Es konnte also nicht schaden, den Morgen gut zu nutzen. So quasi beim Ortsausgang von Florenz beginnt die Strasse ein erstes Mal anzusteigen und man hat immer wieder schöne Ausblicke nach Florenz, welches wie in einem Talkessel liegt. Der kleine Ort „Montorsoli“ ist der höchste Punkt mit etwa 450 Metern über Meer, bevor es dann wieder auf etwa 150 Meter runter geht. In der Abfahrt machte ich in einer kleinen Bar eine erste Pause und trank wie gewöhnlich einen zweiten Morgen-Cappuccino.

Kurz vor „Barberino di Mugello“ kam ich an einem grossen und verzweigten Stausse vorbei, wo auch einige Badestrände mit Boots- und Pedaloverleih zu sehen waren. In Kombination mit den Apenninbergen im Hintergrund sah das echt gut aus. Danach begann der Aufstieg zum Futa-Pass, über den ich am 15. Tag bereits gefahren bin. Damals von West nach Ost, heute kam ich aus dem Süden und wollte nach Norden. Das ist schon fast sechs Wochen her…

Vom Futapass geht es dann wellig bis zum zweiten Pass des Tages, dem „Passo della Raticosa“, der nur wenig höher ist. Es besteht überdies kein Zweifel, dass es ein Samstag oder Sonntag sein muss, denn über diese beiden Pässe fahren heute dutzende, wenn nicht hunderte von Motorradfahrern. Viele in voller Rennmontur, mit offenen Auspuffanlagen, dass wohl viele mit Gehörschutz fahren müssen, sonst wären sie abends taub. Manchmal habe ich fast etwas Angst, dass mich eine dieser Raketen abschiesst.

Auf dem „Passo della Raticosa“ checke ich das GPS. Bis Bologna fehlen noch knapp 50 Kilometer und 600 Höhenmeter. Weit und breit ist keine höhere Erhebung zu sehen. Woher sollen nun noch die 600 Höhenmeter kommen? Es steigt die Befürchtung auf, dass es wieder so wellig wird wie vor zwei Tagen, zwischen “San Gimignano“ und „Florenz“. Deshalb beginne ich die Abfahrt vorsichtig und bei der kleinsten Gegensteigung schalte ich runter und halte den Puls konsequent unter 140 Schlägen pro Minute. Wenn ich in sieben Tagen nach Hause will, darf ich mich nicht gleich am ersten Tag überanstrengen.

Meine Vorsicht ist zwar richtig, doch unbegründet. Es folgen nämlich keine wirklichen Steigungen mehr, sondern es geht schön gleichmässig und gemächlich bergrunter, bis man Bologna auf etwa 30 Metern über Meer erreicht. Sehr schön. Da hat sich GPSies.com bei der Berechnung der Höhenmeter etwas vertan. Doch lieber so, als andersherum.

Weil ich nie lange Pausen gemacht habe, treffe ich schon kurz nach drei Uhr mittags im Standzentrum von Bologna ein. Das ist „tote-Hose-Zeit“. Die Einkaufsgeschäfte sind bis vier Uhr geschlossen und deshalb sind die Strassen wie leergefegt, was ich doch sehr schätze. Ich bin zudem froh, dass ich meine GPS-Route bis direkt vor das vorreservierte Hotel "Il Guercino" gezeichnet habe, denn sonst hätte ich das garantiert nicht gefunden. Bologna ist eine völlig flache Stadt, ohne See und ohne Fluss. In der Innenstadt sind alle Häuser vier- oder fünfstöckig und für Fremde wie mich, sieht fast alles gleich aus. Ich dankte mir meinen gestrigen Planungsaufwand.

Nach dem Zimmerbezug hatte ich noch genügend Zeit um etwas durch Bologna zu bummeln und mir einen kleinen Eindruck zu verschaffen. Ähnlich wie in Turin gibt es hier sehr viele Arkadengänge. So kann man im Sommer schön im Schatten schaufensterln und ist bei Regen geschützt. Bologna scheint in Sachen Mode auch ein Zentrum zu sein, denn ich habe noch selten so viele Kleidergeschäfte gesehen. Schade ist halt einfach, dass auch hier die Grossfirmen-Monokultur Einzug hält. Wie in jeder Grossstadt Europas gibt es hier Mc Donnalds, H+M, Zara, Swatch, Foot Lockers und all den übrigen Mainstream-Kram. In Zukunft braucht man nicht mehr in andere Städte zu reisen, denn da gibt es nichts, was es in der nächstgelegenen Grossstadt nicht auch gibt.

An sich hat aber Bologna schon noch Charme. Die alten Bauwerke bestehen fast alle aus roten Ziegelsteinen und sind nur ganz wenig geschmückt. Es ist bei weitem nicht so pompös wie Florenz aber doch irgendwie charmant. Derzeit kriegt man etwas den Eindruck dass alles renoviert wird, denn an vielen historischen Bauten stehen Baugerüste und Abschrankungen.

Den heutigen Tag habe ich sehr genossen. Die Überquerung des Apennin war sehr schön und hat mir landschaftlich wieder ausgezeichnet gefallen. Die nächsten zwei Tage führen mich durch die Poebene und das wird dann ein ganz anderes Thema. Ich wünsche mir einfach einmal: „Wenig Gegenwind!“ Das GPS sagt: 115 km., 5:33 Std., 1‘500 Hm.

(53) Ein Tag in Florenz

Der Hotelier hatte nicht zuviel versprochen, denn das Frühstücksbuffet bot wirklich alles, was man sich nur so wünscht. Man kann sich für eine bevorstehende Sightseeingtour also die nötige Kraft anfuttern.

Morgens war mir aber noch nicht danach, etwas durch Florenz zu bummeln, denn ich wollte zuerst meine Strecke bis nach Hause für das GPS vorplanen. Ich hatte keine grosse Ahnung wie weit es noch sein werde und ich wollte nun doch herausfinden, wie lange ich wohl noch brauchen werde, bis mal wieder zuhause im eigenen Bett schlafen kann.

Zuerst musste ich die Route in groben Zügen festlegen. Wenn ich nur einen grossen Alpenpass bezwingen will, dann gibt es nicht sehr viele Varianten. Über den Gotthard wollte ich nicht nochmals, so blieben noch die Routen über den San Bernardino oder den Splügen. Alle anderen Übergänge brauchten (soweit ich das gesehen habe) mindestens zwei Passfahrten. Ich entschied mich für die Splügenvariante, denn erstens muss ich so nicht ganz so weit nach Westen und zweitens kann ich lange dem schönen Comersee entlang fahren. In groben Zügen wählte ich die Strecke Florenz, Bologna, Cremona, Bergamo, Lecco, Chiavenna, Splügen, Chur, Walenstadt, Rapperswil, Zürich.

Das ergibt in Summe etwa 680 Kilometer und sollte mit meinem bisherigen Tagesschnitt demzufolge in sieben Tagen machbar sein. Das heisst also, wenn ich morgen Samstag losfahre, sollte ich am Freitagabend, den 12. August zuhause ankommen. Das wäre dann genau der 60. Tag. Mal sehen.

Das gab mir ein gutes Gefühl und so konnte ich am Nachmittag ganz locker etwas durch Florenz spazieren, ein paar Fotos machen und ein paar Kleinigkeiten essen. Hier ist es richtig heiss, die Apotheken zeigten mittags um zwei Uhr 34° Grad an. Zudem weht in der Stadt kaum ein Lüftchen und so sind Schattenplätze heiss begehrt.

Am Abend werde ich noch Proviant für die morgige Tour einkaufen und dann nicht allzu spät zu Bett gehen. Die Strecke bis nach Bologna führt quer über den Apennin und so stehen gegen 2‘000 Höhenmeter auf dem Programm. Ein Hotel in Bologna habe ich mir bereits über www.venere.com gebucht. Wie ich danach vorwärtskomme (in der flachen Poebene) wird sich zeigen.

(52) touristische Toskana

Der heutige Tag begann so gut wie der gestrige geendet hat, nämlich mit einem feinen Essen im Agriturismo. Weil es erst ab halb neun Uhr Frühstück gab, dauerte es etwas bis ich in den Sattel kam. Ah ja, noch was zum Agriturismo. Für alles, was ich seit meiner Ankunft gestern Abend konsumierte, inklusive Übernachtung, musste ich total nur 65 Euro bezahlen. Das war echt super und ehrlich gesagt hätte ich für dieses tolle Erlebnis ohne zu zucken auch mehr bezahlt.

Die heutige Strecke führte vom Start auf 350 Metern über Meer erst einmal runter auf etwa 60 Meter um kurz danach bis ins Ortszentrum von „Volterra“ wieder auf 450 Meter über Meer anzusteigen. Heute war es zudem richtig warm um nicht zu sagen heiss. „Volterra“ hat eine schöne Altstadt und wird von vielen Touristen angefahren.

Das ist aber noch gar nichts im Vergleich zu „San Gimignano“ welches nach ein paar Hügeln, etwa 27 Kilometer später folgt. Auf den Anfahrtsstrassen sind 8 von 10 Autos ausländischer Herkunft und vor den grossen Parkplätzen staute sich um die Mittagszeit der Verkehr. Da hat man dann als Velofahrer die Vorteile auf seiner Seite, denn man kann direkt ins Zentrum des Geschehens vordringen. San Gimignano ist bekannt für die vielen hohen Türme, die im Mittelalter von verschiedenen Familien als Zeichen ihres Reichtums gebaut wurden.

Der Altstadtbereich ist vollständig verkehrsfrei und tausende Touristen bescheren den Läden gute Umsätze. Da ich Hunger hatte und noch kaum die Hälfte meiner heutigen Strecke gefahren war dachte ich, dass es eine gute Idee sei, nun etwas zu essen. Die Idee war auch gut, nur waren die Preise doppelt so hoh, wie ich es mir gewohnt war. Na ja, Davos ist auch teurer als Landquart…

Auch wenn ich diesen Touristenrummel nicht wirklich mag so muss ich doch sagen, dass San Gimignano wirklich sehr, sehr schön ist. Fast unwirklich schön. Ähnlich, wie ich letztes Jahr Venedig empfand. Man kriegt fast den Eindruck, als sei das alles nur für die Touristen gebaut worden und alle Shop- und Restaurantbetreiber seien Angestellte einer Freizeitpark-AG.

Als ich gegen halb zwei Uhr mittags losfuhr, war es dann richtig heiss und ich lernte die Toskana nocheinmal von der hügeligen Seite kennen. Es war ein stetes auf und ab, zwar nie mehr als etwa 200 Höhenmeter, doch mehrere solche Hügel hintereinander zerren doch ganz schön an den Beinen. Der Abstand zwischen meinen Coca-Cola-Pausen wurde immer kürzer und ich sehnte mir Florenz richtig herbei.

Zum Glück liegt Florenz nur etwa 20 Meter über Meer und so war ich froh, dass wenigstens die letzten zehn Kilometer ziemlich flach waren. Karin hatte mir gestern per Internet ein Zimmer reserviert und trotz hartnäckigem Suchen konnte ich das Hotel Bodoni nicht finden. Ich nutzte dann die modernen Kommunikationsmittel, rief Karin an, welche am PC den Stadtplan vor sich hatte und liess mich von ihr durch die Strassen navigieren. Velofahren und gleichzeitig telefonieren ist hier völlig normal und so kam ich mir schon fast etwas italienisch vor…

Das Hotel Bodoni ist ein klassisches Stadthotel. In einem grossen Stadthaus belegt es die obersten zwei Etagen, weshalb es von der Strasse her auch kaum ersichtlich ist. Ich habe da ein relativ kleines Zimmer, doch es soll ein grosses Frühstücksbuffet geben, dazu bietet es eine grosse Dachterrasse und WLAN-Internet auch im Zimmer. Für 45 Euro pro Nacht kann man durchaus nicht meckern. Mein Velo konnte ich auch in einen abschliessbaren Kellerraum stellen. Soweit ist also alles gut.

Der erlebnisreiche und heisse Tag, in Kombination mit den über 110 Kilometern hat mich müde gemacht. Zudem bin ich jetzt ja so quasi am Ziel. Fast einen Monat zu früh, doch ich bin wirklich bis nach Florenz gekommen. Nach 52 Tagen und 4‘970 Kilometern. Ohne eine Panne, ohne grössere Probleme, es lief wirklich alles wie am Schnürchen. Doch war jetzt?

Ich fühlte mich nur noch leer. So leer wie das GPS, auf dem es nun keine Routen mehr gibt, die ich noch abfahren könnte oder müsste. Ich bin zwar da, doch weil Karin ja noch in der Schweiz ist, blieb die Freude des Wiedersehens aus. Ich war einfach nur müde…

Deshalb entschloss ich mich, das Hotel für zwei Nächte zu buchen. So kann ich mich morgen etwas erholen, etwas die Stadt ansehen und die Reststrecke bis nach Haus planen. Das GPS sagt: 112 km., 6:01 Std., 1‘810 Hm.

(51) Ein letzter Abstecher ans Meer

Bilder im Fotoalbum (Nr. 830 - 855)

Heute gab es bereits ab sieben Uhr ein gutes Frühstücksbuffet und so war ich schon kurz nach acht Uhr startklar. Geplant war mein letzter Abstecher an die Mittelmeerküste und danach die Fahrt nach "Massa Marittima". Je nach Zeit und Lust würde ich entweder da ein Hotel suchen oder noch etwas weiterfahren.

Die Fahrt an die Küste, nach „Castiglione della Pescaia“ war einfach, sehr flach und vermutlich vom Rückenwind begünstigt, denn für die etwa 45 Kilometer brauchte ich kaum zwei Stunden. An der Küste war dann schon einiges los und wie geplant machte ich einen ersten Verpflegungshalt in einer schönen Bar, direkt am Strand. Hier spricht man deutsch, denn die Autos haben vorwiegend Nummernschilder aus Deutschland, Holland und der Schweiz.

Während des Kaffeetrinkens überprüfte ich meine Route am GPS und stellte fest, dass ich wieder einmal einen nur gepunkteten Weg der Küste entlang bis nach „Punta Ala“ eingeplant hatte und da am Strand feinster Sand lag, liess ich diese Variante aus. Es hatte sowieso nur wenig Verkehr, so folgte ich lieber der breiten Hauptstrasse bis nach „Puntone“, welches nur noch fünf Kilometer von der grösseren Ortschaft „Follonica“ entfernt ist.

Von da ging es weiterhin flach ins Landesinnere, wo es ab „Gavorrano“ dann langsam anzusteigen begann, bis ich „Massa Marittima“ auf 350 Metern über Meer erreichte. Früh losfahren, wenige Pausen und wenige Höhenmeter bedeuten, dass man früh am Ziel ankommt. Es war gerade halb ein Uhr mittags, ideal um auf der Hauptpiazza eine Portion Spagetti zu essen. In Massa Marittima findet ab heute, bis und mit Sonntag, ein Freilicht-Opernfestival statt, weshalb die ganze Piazza bestuhlt war und gerade die Bühne aufgebaut wurde. Es hatte dementsprechend viele Leute und im Touristen-Informationsbüro wurde mir dann auch gesagt, dass alle Hotels ausgebucht seien. Es hiess also weiterfahren.

Zuerst ging es etwa 100 Höhenmeter runter, bevor die Strasse kontinuierlich anzusteigen begann. Die Hügel werden grösser und sind alle fast vollständig bewaldet. So bot die Fahrt zwar viel Schatten, doch auch nur wenig Aussicht. Auf etwa 650 Metern über Meer war dann ein erster Höhepunkt erreicht und ich freute mich schon auf eine schöne Abfahrt, was dann jedoch einer Täuschung entsprach. Die Strasse führte nämlich von Hügel zu Hügel, das heisst, es ging immer wieder etwas runter und dann wieder etwas hoch. Nicht viel, doch stetig und das zerrt dann schon etwas an den Muskeln, die mittlerweile ja auch nicht mehr ganz frisch waren. So machte ich mal mitten im Wald eine Pause und ass etwas halbflüssige Schokolade aus der Seitentasche um mich wieder aufzuzuckern. Das tut auch der Seele gut.

Bei „Larderello“ traute ich dann kaum meinen Augen. Ich zählte acht grosse Kühltürme, die ziemlich nach Atomkraftwerken aussahen. Ich machte davon ein Foto und SMS’te es Marcello, der im Vorfeld meiner Tour gesagt hatte, dass Italien keine Atomkraftwerke betreibe. Er überprüfte die Sache im Internet und schrieb mir zurück, dass es sich hier um eines der grössten Wärmekraftwerke Europas handle und dass Italien nach dem Unglück in Tschernobyl in einer Volksabstimmung 1990 den Ausstieg aus der Atomenergie beschloss. Interessant.

Die 100 Kilometermarke lag schon einiges hinter mir und ich wollte mir in einem der folgenden Orte ein Hotel suchen. Der Ort „Pomarance“ (lustiger Name), schien mir dazu geeignet. Bei einem Coca-Cola-Halt auf dem Hauptplatz sah ich, dass gleich auf der gegenüberliegenden Seite die Touristeninformation ihr Büro hat. Ausgezeichnet. Nachdem ich leergetrunken und bezahlt hatte, betrat ich das Büro und fragte nach einem Hotelzimmer. Zu Beginn sah es nicht gut aus. Es gibt nur zwei Hotels im Ort, wobei eines Anfang des Jahres geschlossen wurde. Nach einem Telefonanruf beim Übriggebliebenen stellte sich heraus, dass es ausgebucht war.

Zum Glück war die nette Frau ziemlich ehrgeizig und begann Agriturismo-Angebote in der nahen Umgebung abzutelefonieren. Beim dritten Anruf klappte es dann. Sie reservierte mir ein Zimmer im wirklich sehr schönen Haus „Bella Vista“.Wie man es sich wünscht, wird das Haus von einer äusserst liebenswerten, vollschlanken Mamma betrieben, welche sich mir sehr nett vorstellte und mir ein wirklich schönes Zimmer inklusive Frühstück für 45 Euro anbot. Aus der Küche duftete es schon sehr gut und ich war froh, dass mich mich auch fragte, ob ich hier zu Abend essen wolle. "Ja, sehr gerne!"

Nun sitze ich auf der sonnigen Aussichtsterrasse, geniesse den Abend bei einem feinen Bierchen und freue mich auf das kommende Essen. Ein weiterer, sehr schöner Tag neigt sich dem Ende zu. Das GPS sagt: 120 km., 5:50 Std., 1‘310 Hm.

(50) Vom Latium in die Toskana

Bilder im Fotoalbum (Nr. 809 - 829)

Nachdem gestern Abend noch ein heftiges Gewitter niederging, war heute Morgen wieder strahlend blauer Himmel und auch die Temperatur lag schon kurz um halb neun Uhr auf über 25° Grad. Ich hatte viel vor, denn wenn ich wie geplant bis nach „Grosseto“ kommen will, wird es deutlich über 100 Kilometer geben.

Zuerst fuhr ich über einen Hügel nach „Pitigliano“, einer wunderbar schönen alten Stadt, die auf einem grossen Tuffsteinfels erbaut wurde. Als ich vor zwei Jahren mit Karin da war, war es über 35° Grad heiss. Als ich heute Morgen um zehn Uhr da eintraf, zeigte ein Schild vor einer Apotheke 27° Grad, was doch viel angenehmer ist. Um diese Uhrzeit hatte es auch noch sehr wenige Touristen und ich genoss in aller Ruhe etwas Süssgebäck und einen Cappuccino vor einer schönen Caffetteria.

Auf dem nächsten Hügel, nur etwa sieben Kilometer weiter folgt schon der nächste Märchenort, nämlich „Sovana“. Ein kleiner Weiler, von höchstens fünfzig Häusern, ebenfalls von den Etruskern erbaut und ganz liebevoll restauriert.

Schon von Bolsena weg zeigen immer wieder Wegweiser die Richtung nach „Saturnia“ an, wo eine natürliche Thermalquelle 37° Grad warmes, leicht schwefelhaltiges Wasser an die Oberfläche spült, welches über eine Reihe von Badewannen (Sinterbecken) etwa 20 Meter weit nach unten führt. Man kann da kostenlos baden, was natürlich von Vielen auch genutzt wird. Das habe ich mir natürlich von Nahe angesehen und dabei auch den ultimativen Schönheitstipp entdeckt. Kurz nach den Sinterbecken fliesst das Wasser wie ein normaler Bach weiter und an dessen Ufer lagert sich ziemlich schwarzer Schlamm ab. Diesen Schlamm reibt man sich am ganzen Körper ein, sitzt auf einen Stein in der Sonne und lässt den Schlamm trocknen. Danach setzt man sich in eine der Badewannen und wäscht sich das natürliche Peeling wieder ab. Und wie gesagt, alles gratis. Wo gibt es denn noch sowas?

Kurz nach diesem Naturschauspiel traf ich am Strassenrand zwei junge Schweizerinnen, die mit dem Velo auf dem Weg nach Siena waren. Die Eine versuchte mühsam ihren reparierten Vorderreifen mit einer billigen Plastikpumpe wieder zu füllen. Ich half ihr mit meiner guten Pumpe aus und so kamen wir kurz ins Gespräch. Sie wollten mir kaum glauben, dass ich in den 50 Tagen meiner Reise erst drei Tage mit Regen erlebte, denn sie erzählten, dass sie in den zweieinhalb Wochen seit ihrem Start mehr Regentage als trockene Tage erlebt hätten. Ups! Da hatte ich doch deutlich mehr Glück. Beim Verabschieden wünschte ich ihnen natürlich vor allem gutes Wetter (und wenig Pannen).

Meine Route nach „Grosseto“ war, wie es in der Toskana halt üblich ist, ziemlich hügelig. Es geht immer mal wieder 100 oder 200 Höhenmeter rauf und runter und im Laufe des Nachmittags wurde es auch deutlich über 30° Grad warm. Ich musste meine Kräfte also gut einteilen um nicht völlig platt anzukommen. In „Scansano“, auf etwa 500 Metern über Meer, machte ich nochmals einen Verpflegungshalt.

Ein Schild zeigte an, dass es noch 28 Kilometer bis „Grosseto“ ist und weil ich wusste dass der Ort nur wenig über Meer liegt, machte ich mir keine grossen Sorgen. Es ging dann auch tatsächlich 18 Kilometer lang vorwiegend bergab, bis mein Höhenmeter nur noch 30 m.ü.m. anzeigte. Die letzten 10 Kilometer waren dann zwar so wie ich sie nicht mag, nämlich endlos lange Geraden in flachem Gelände, mit dauerndem Wind, doch ich liess mir die gute Laune nicht mehr verderben und schaltete halt runter, bis die Belastung wieder in den grünen Bereich kam.

In „Grosseto“ hatte ich etwas Mühe das Stadtzentrum zu finden, denn die „Centro“-Schilder führen einem beharrlich um das Zentrum herum. Als ich dann aber eine grössere Fussgängerzone sah wusste ich, dass ich nahe dran war. Um nicht lange suchen zu müssen betrat ich eine Bar, kaufte mir eine Cola und fragte nach einem Hotel. In der Altstadt gäbe es nur deren zwei, wobei das Dreisternhotel „Maremma“ wohl das Günstigere sei. Ich verstand auch die Wegbeschreibung und nur zehn Minuten später hielt ich auch schon einen Zimmerschlüssel in der Hand. Übernachtung mit Frühstück, 50 Euro, das passt.

Da ich schon kurz nach fünf Uhr mein Zimmer bezogen hatte und geduscht war, nutzte ich die noch schönen Abendstunden für einen Bummel durch die hübsche Altstadt. Hier unten in der Stadt war es nun 35° Grad und so war ich doch froh, dass mein Hotelzimmer nicht nur WLAN und Internet bietet, sondern auch eine Klimaanlage. Das war ein sehr schöner und erlebnisreicher Tag. Das GPS sagt: 126 km., 6:09 Std., 1‘560 Hm.

eine kleine Geschichte von unterwegs

Vor ein paar Tagen erlebte ich eine kleine Geschichte, die mir immer wieder in den Sinn kommt und deshalb will ich sie hier wiedergeben.

Es ist sonnig und ziemlich warm. Ich fahre berghoch und komme durch ein kleines Dorf. Die Strasse wird so steil, dass ich fast im kleinsten Gang hochfahren muss. Der Schweiss tropft nur so runter. Die Strasse führt eng an einem Haus vorbei und macht eine Kurve um dessen Innenhof, wo eine Frau mit einem Knaben am Esstisch sitzt. Ein zweiter Junge, geschätzte 7, 8 Jahre, spielt mit einem Ball und sieht mich dann langsam vorbeikeuchen. Er ruft: "Mamma, Mamma, schau mal!" Sie reagiert nicht. Er ruft wieder: "Mamma, schau mal, ein Velofahrer!". Sie reagiert immer noch nicht. Er wieder: "Mamma, Mamma, schau mal, ein Velofahrer mit viel Gepäck!". Ich sehe sie nicht, höre sie aber ganz trocken antworten: "Der Arme, hat nicht einmal ein Auto".

Ich musste wirklich lachen. Sie sagte das in so einem Ton, als wolle sie dem Jungen sagen: Schau, dass etwas aus Dir wird, damit Du Dir mal ein Auto leisten kannst, sonst musst Du auch einmal mit dem Velo hier hochfahren.

Leider kann ich nicht italienisch schreiben, doch im Original war es einfach köstlich. Dieses "Mamma, Mamma. Guarda!" und die Antwort (in etwa) "Il poveri, non ave una machina.". Herrliche Situationskomik, wie sie nur das Leben schreibt.

(49) an den Lago di Bolsena

Bilder im Fotoalbum (Nr. 784 - 808)

Heute Morgen war es wieder schön sonnig und warm. Das tolle Hotel Fedeli erfüllte auch alle meine Erwartungen hinsichtlich eines reichhaltigen Frühstücks und so begann der Tag ausgezeichnet. Bevor ich alles zusammenpackte hatte ich zudem noch eine gute Idee. Da ich ja ausnahmsweise mal wusste, wo ich am Abend ein Hotel brauche, konnte ich mir auch gleich Eines über Internet suchen und ein Zimmer reservieren. So konnte ich mir die teils mühsame Hotelsuche vor Ort ersparen somit locker und unbeschwert losfahren.

So zum warm werden folgte ein erster Hügel mit etwa 250 Höhenmetern und nach der Abfahrt kam ich nach „Sutri“ einer sehr schönen und interessanten Ortschaft. Ähnlich wie in Matera/Sassi bauten hier frühe Bewohner ihre Behausungen direkt in den Berg. Der relativ weiche Tufstein ermöglichte dies und bot zudem guten Schutz vor Wetter und eventuellen Angreifern. Es gibt bei Sutri einen interessanten Informationsweg und die zwei, drei Stationen, die gleich an meinem Weg lagen, schaute ich mir kurz an.

Danach kam ich an einer Caffetteria vorbei, wo laute Italo-Schlager-Musik gespielt wurde und das motivierte mich für einen Kaffeehalt. In der Bar servierte ein richtig dicker Mitvierziger Kaffee und Cappuccino und sang lauthals mit. Ich bemerkte, dass in der Ecke ein kleines Mischpult mit Verstärker stand, wo die Lautsprecher angeschlossen waren. Als Quelle diente ein PC, von dem die Musik eingespielt wurde. Der lustige Barmann kannte wirklich jeden Song (vermutlich spielt er auch immer wieder die selben Stücke). Das war echt amüsant und draussen vor dem Lokal mussten sich die Raucher fast anschreien, damit sie sich unterhalten konnten.

Nach Sutri beginnt die Strasse dann kontinuierlich anzusteigen und auf etwa 600 Metern über Meer fährt man am relativ kleinen Kratersee „Lago di Vico“ vorbei. Leider hat man nie wirklich gute Sicht auf diesen See, da links und rechts der Strasse wieder Haselnuss, Baumnuss und Kastanien angebaut werden. Erst auf etwa 850 Metern über Meer kommt man an den höchsten Punkt der Strasse. Da stand dann auf einem der Schilder „Viterbo, 11 km“. Sie hätten auch schreiben können: „Liebe Velofahrer. Jetzt könnt ihr zurücklehnen und die Beine hochnehmen, denn es geht 11 Kilometer lang bergab und ihr braucht nicht ein einziges Mal zu treten. Vor der historischen Stadtmauer von Viterbo bitte bremsen!“ Das war richtig herrlich, die Strasse war breit, hatte einen guten Belag und es herrschte nur wenig Verkehr.

Viterbo kannte ich aus den Ferien vor zwei Jahren. Es hat eine sehr schöne historische Innenstadt, die vollständig von einer etwa 10 Meter hohen Mauer umschlossen ist. Ich machte nur ein einziges Foto, da Karin vor zwei Jahren viele schöne Bilder von Viterbo gemacht hat. In einem der zahlreichen Bars genehmigte ich mir ein Panini (Sandwich) und eine Fanta. Die nachfolgende Hauptstrasse nach Montefiascone war dann nicht die beste Wahl. Da man eine Autobahnein- und ausfahrt kreuzt, hatte es beidseitig sehr viel Verkehr und ich musste konzentriert am rechten Strassenrand fahren, auch wenn es da über manches Schlagloch holperte.

Bei Montefiascone zweigt dann die Strasse nach Bolsena ab und von da war wieder der gewohnt wenige Verkehr. Auch schön ist, dass es dann fast nur noch bergab oder flach vorwärts geht. Ich freute mich schon sehr auf den Lago die Bolsena, doch die zunehmenden Wolken hatte ich schon auch registriert. Eigentlich wollte ich heute wirklich mal wieder baden gehen, doch kurz vor Bolsena fielen dann tatsächlich ein paar Regentropfen. Diese mussten sich aber verirrt haben, denn die Wolken zogen vorbei und lichteten sich zum Glück wieder.

Das recht schöne Hotel Columbus liegt fast direkt am See, nur noch getrennt von einer Querstrasse und den am See liegenden Restaurants. Ich bezog das reservierte Zimmer, duschte und beobachtete nochmals den Himmel. Ich wollte noch etwas durch den Ort fahren um ein paar Fotos zu machen, doch ich packte auch die Badehose ein, denn die angezeigten 28° Grad würden ja ein Bad im See durchaus zulassen. Die halbe Stunde Ortsbesichtigung war dann genau richtig um die Sonne wieder zwischen den Wolken hindurch scheinen zu lassen und so fuhr ich dann doch an den Strand.

Da auch der Lago di Bolsena ein einstiger Vulkankrater ist, besteht der Strand aus ganz feinem, fast schwarzen Kies. Das finde ich angenehmer als Sand und sieht auch noch gut aus. Das Wasser des Sees war richtig erfrischend und wie vor zwei Jahren staune ich, wie sauber und klar es ist. Ein wirklich idealer Badesee.

Als ich ins Hotel zurückkam überlegte ich kurz, ob ich gleich hier essen soll, doch in der Speisekarte sah ich dann Preise, die ich nicht zu zahlen gewillt bin (interessant, denn das Zimmer kostet nur 45 Euro). So werde ich also in einem der vielen Strandlokale essen gehen. Das war ein sehr schöner Tag und ich mag diese Umgebung ganz besonders.

Ich denke mir, falls jemand z.B. eine zweiwöchige Veloreise in Italien plant, dann würde ich empfehlen nach Florenz zu fliegen, durch die Toskana ins Latium an diese Seen zu fahren und dann von Rom wieder nach Hause zu fliegen. Wenn man zwei Wochen Zeit hat, kann man auch bede Städte noch gut besichtigen. Im Frühling, wenn viele Blumen blühen, ist das bestimmt wunderschön. Das GPS sagt: 82 km., 4:16 Std., 1‘230 Hm.