Tag 16 - flaches Münsterland


Der Regen war gestern. Den ganzen Tag. Heutemorgen war es trocken und es sollte auch den ganzen Tag über trocken bleiben. Mit Hochnebel und wolkenverhangen. Ein klassischer Wintertag mit Temperaturen knapp über Null Grad. Kein Wind. Soweit ein idealer Radtag. Es machte auch schon richtig Spass, am Morgen die frisch gewaschenen und wohlriechenden Kleider anzuziehen.

Zuerst besuchte ich zwei Film-Standorte. Zuerst das Antiquariat, welches als Ausgangspunkt der Krimiserie «Wilsberg» dient und danach das pathologische Institut in dem Herr Prof. Dr. Böerne im «Tatort Münster» ein und ausgeht. Dann folgten viele flache Velokilometer. Meist war der Fahrbelag asphaltiert, leicht holprig, aber gut und zügig zu fahren. Zwischendurch gab es Sahnestückchen mit feinstem Belag, doch über viele Kilometer führte die Strecke auch auf Naturstrassen und über unbefestigte Wege. Und einen Tag nach dem grossen Regen war es deshalb oft nass, tief, schlammig und schwer zu fahren. Man fährt in der Fläche und muss doch kämpfen.

Heute machte ich viele Bilder von Bäumen oder Baumgruppen. Die vielen Laubbäume hier sind im Moment völlig blattlos. Man sieht jeden Ast, bis in die feinsten Spitzen. Die Bäume erscheinen mir wie Hände die aus der Erde greifen um möglichst viel Sonne und Luft zu erhaschen. Wälder, wie ich sie von zuhause kenne, gibt es hier nicht. In flachem Land ist fast alles Nutzfläche. Als Windschutz werden Bäume und Sträucher entlang von Strassen gepflanzt oder grenzen Felder voneinander ab. Es hat schon viele Bäume, doch wenig zusammenhängende Waldfläche. Es gibt hier auch viele Eichenbäume, herrliche Gebilde, voller Kraft. Oder Birken, die freistehend sehr gross bauen. Dann erfreute ich mich aber natürlich auch an den herrschaftlichen Häusern und Burgen, die ich heute wieder zu sehen bekam. Da waren echte Kunstwerke dabei.

Es war ein gelungener Tag, auch wenn ich oft ziemlich orientierungslos dahinradelte. Der Himmel war überall gleichmässig grau und so wusste man kaum, in welche Richtung man fuhr. Und es war flach. Sehr flach, wobei es natürlich auch da Nuancen gibt, von flach-leicht berghoch über arschflach bis zu flach-leicht bergrunter. Man fährt den ganzen Tag in den selben drei Gängen, fast immer im gleichen Tret- und Pulsbereich. Es geht fast wie von selbst. Man ist mehr dabei, als dass man aktiv etwas täte.

Das Hotel hier ist eher «na ja». Es müffelt nach 70er Jahre und das Internet funktioniert nicht wirklich. Da muss ich nachher zur Pizzeria auf der anderen Strassenseite, die haben freies WLAN. Morgen treffe ich jemanden, den ich bisher nur Online kenne. Wir treffen uns am Nachmittag und er lädt mich dann über Nacht bei sich zuhause ein. Das ist sehr nett. Ich weiss nicht ob ich da Internet habe, doch eher nicht und wenn doch, so möchte ich morgen Abend lieber mit Menschen einen netten Abend verbringen, als wieder vor dem Computer zu sitzen. Es kann also gut sein, dass der nächste Blogeintrag erst in zwei Tagen kommt.

Ich hoffe, Euch gefallen die Bilder. Und noch der Link auf die heutigen Tourdaten (86km, 317Hm).

Tag 17 - etwas Holland


Heute war ich um 14 Uhr mit Lothar in Bad Bentheim verabredet. Ich hatte also vorher genug Zeit um mir noch etwas die Gegend anzusehen. Ich entschied mich für einen Abstecher nach Rheine, danach nach Salzbergen und von da nach Bad Bentheim. Etwas über 40 Kilometer, das geht locker. Von Wettringen bis in die Innenstadt von Rheine konnte ich auf einem Bahndammradweg fahren. Eine frühere Eisenbahnstrecke wurde hier zu einem Super-Radweg ausgebaut. Das ist hier die Luxusklasse der Radwege. Feinster Teerbelag, keine 10 Jahre alt, keine scharfen Kurven und nur unmerkliche Steigungen oder Gefälle. Wahre Rennstrecken (zumindest zu dieser Jahreszeit), auf denen man aber auch nur ganz locker cruisen kann. Es rollt wunderbar leicht.

Eigentlich wollte ich in Rheine einen Kaffee trinken, doch irgendwie haben wir uns nicht gefunden. Ich suchte immer noch nach einer einladenden Bäckerei, als schon die letzten Häuser folgten. Dann halt nicht. Bis Salzbergen ist es ja auch nicht mehr weit. Und da hat es dann auch gleich geklappt, ein erster Milchkaffee war mir sicher!

Dann kommt da diese Geschichte mit «Ohne». Hier gibt es einen Ort, der heisst Ohne. Ich kann’s kaum glauben. Ohne was? Das ist nicht ohne!

Nur noch wenige Kilometer bis zur Burg Bad Bentheim, die doch tatsächlich etwas erhöht steht, Ein mächtiges Bauwerk mit hohen Mauern und grossem Turm. Wirklich beeindruckend. Gleich vor der Auffahrt zum Hof die vereinbarte Bäckerei. Ich war natürlich viel zu früh da und hatte viel Zeit für einen weiteren Milchkaffee, diesmal mit Schweinsohr. Noch immer 30 Minuten zu früh… ich fahre noch etwas durch die Ortschaft und schaue mich ein bisschen um. Als ich wieder zur Bäckerei zurückkomme sehe ich, ein paar Meter entfernt, einen Reiseradfahrer und mir war klar: das muss er sein, der Lothar.

Wir stellten uns einander vor und einigten und auf Milchkaffee mit warmen Waffeln im nahen Burg-Café. Hat fein geschmeckt und so war ich gut genährt, als wir später auf die Räder stiegen und losfuhren. Lothar zeigte mir einen Grenzabschnitt zu Holland, mit sehr schönen Radwegen, ja ganzen Radstrassen. Da konnte ich schon auch staunen. Er hat mich herzlich zu sich eingeladen und hier darf ich nun auch noch sein WLAN und Internet benutzen. Sehr grosszügig. Vielen Dank!

 Hier der Link zur gefahrenen Strecke (82km, 317Hm) und zum ersten neuen Foto des Tages.


Tag 18 - Überbrückungstag


Heute war ein meist sonniger und angenehm warmer Tag. Mittags um 1 Uhr war es an die +10° Grad und es gab nur wenig Wind. Und wenn, dann meist von hinten. Es war genau richtig um 100 Kilometer abzufahren um mich Bremen anzunähern. Ich bin in Nordhorn gestartet und sitze jetzt im Hotel Münsterland in Cloppenburg. Da, wo sich die Leute auch abends mit «Moin» begrüssen.

Es gab heute nur sehr wenig Bilder, denn vieles sah wiederkehrend gleich aus. Viel Gross-Landwirtschaft und Mastbetriebe. Viel Land und alles superflach. Ich habe folgende Einteilung von "flach" aufgrund meiner Kettenschaltung gefunden: Gang 6 ist leicht berghoch oder flach mit schwierigem Untergrund (15-19km/h). Gang 7 ist flach (19-23km/h) und Gang 8 ist leicht bergrunter (22-25km/h). Heute fuhr ich gefühlte 90% der Zeit in Gang 7 – flach – höchstens mal etwas holprig. Öfters ging es kilometerlang schnurgerade aus. Man muss es einfach aussitzen und runterkurbeln…

Bis nach Bremen wird es morgen ziemlich ähnlich sein. Es werden aber nur etwa 70 Kilometer, so dass ich Bremens Innenstadt noch etwas erkunden kann. Ich freue mich.

Hier der Link zur gespeicherten Strecke (101km, 170Hm) und hier zum ersten Foto des Tages.

Tag 19 - nach Bremen


Ich bin schon zeitig aufgestanden und bediente mich genüsslich am guten Frühstücksbuffet des Hauses. Generell fand ich das Hotel Münsterländer Hof in Cloppenburg ganz gut. Schöne Zimmer, grosszügiges Bad und sehr gute Internetverbindung. Dazu noch ein tolles Frühstück, das passt!

Lothar gab mir den Tipp, zwischen Cloppenburg und Bremen einen kurzen Abstecher zu einem 5'000 Jahre alten Hünengrab zu machen. Die «Visbeker Braut» ist das zweitgrösste Hünenbett in der Umgebung und wurde wahrscheinlich als Grabstätte gebaut. Verwunderlich sind die grossen Findlingssteine, denn üblicherweise gibt es hier keine so grossen Steine. Beim Betrachten fragt man sich natürlich, wie das wohl so war vor 5'000 Jahren. War damals alles Urwald hier? Wie lebten wohl die Menschen zu dieser Zeit?

Es folgten wieder endlose, gerade und flache Kilometer bis eingangs Bremen. Es begann langsam aus dem Hochnebel zu nieseln. Zuerst nur ganz schwach, dann etwas zunehmend und bald schon regnete es richtig. Schade, gerade als ich ins Zentrum von Bremen kam, war es richtig grau und regenverhangen. Etwas schade, denn so sind kaum gute Bilder zu kriegen. Ich war dennoch beeindruckt von den stattlichen Gebäuden die von der Macht und vom Einfluss der früheren Hanseaten zeugen. Prunkvoll verziert steht das Rathaus am zentralen Marktplatz, gleich neben dem Dom. Natürlich finde ich auch die Bremer Stadtmusikanten und mache das obligatorische Touristenfoto.

Ich schliesse das Rad unter einem Vordach ab und erkunde die Altstatt (Schorr) noch etwas zu Fuss. Aber ehrlich gesagt, bei Regen macht das nicht allzu viel Spass. Also kehre ich schon bald in einer Bäckerei ein und bestelle Kaffee und Kuchen. Später mache ich mich auf den Weg zu meinem Hotel, welches im Ostteil der Stadt liegt. Ich fahre dabei am Weser-Fusballstadion vorbei und mache ein letztes graues Foto. Im Hotel zückte ich natürlich das Netbook und schaute mir den Wetterbericht für die kommenden Tage an. Zumindest morgen, für meine Fahrt nach Bremerhaven soll es trocken und mit etwas Glück sogar sonnig sein. Genau so wünsche ich mir das!

Hier der Link zur gespeicherten Strecke und hier zum ersten Foto des Tages

Tag 19 - noch etwas Zeit

Mein Zimmer 24 ist im zweiten Stock in Maximalentfernung zum Hotelempfang. Der WLAN-Empfang ist unbrauchbar. Ich muss ins kalte Foyer sitzen, wenn ich wirklich Internet will. Nicht weiter schlimm. Ich tippe offline in Word und lade es dann später hoch.

Es ist Freitagabend, 20 Uhr, und ich sitze in einem kleinen, kalten Hotelzimmer. Etwa 5km vom Stadtzentrum Bremen entfernt und vertreibe mir die Zeit. Eigentlich wollte ich etwas schmollen, früh ins Bett und noch etwas TV-Berieselung anmachen. Wegen diesem verregneten Abend… das hat mir das Sightseeing richtig versaut…

Da fragt ein Gedanke: Wie wäre es mit einem Nightride durch die Innenstadt? Es regnet nicht mehr. Das Rad steht vor der Haustüre… los! Zieh Dich um!

Nun ist es 22:30 Uhr und ich bin von einer kleinen Nachtfahrt wieder zurück im Hotel. Das hat ein paar tolle Fotos gegeben. War bestimmt wertvoller, als der verpasste Krimi.

Tag 20 - ans Meer


Der Morgen startete trüb, doch der Wetterbericht versprach Besserung und ich war guter Dinge. Heute folgte ich der Weser bis zu Ihrer Mündung in die Nordsee bei Bremerhaven. Dabei bin ich zwar meist in unmittelbarer Wassernähe gefahren, doch auf die Weser sah ich nur ganz selten. Meistens verlief der Radweg direkt hinter dem Hochwasserdeich und man genoss vorwiegend Aussicht auf viele Einfamilienhäuser oder die flache Landschaft.

Es gibt hier noch viele strohbedeckte Häuser, deren Dächer weit herunter reichen. Meist sind es eher kleine, backsteinfarbige Häuser mit bunten Fenstern und mit einem schönen Vorgarten. Ich dachte mir, dass ich heute einige dieser Häuser fotografiere, doch so recht wollte es nicht klappen. Entweder fand ich das Haus zwar nett, aber nicht toll, standen direkt daneben moderne Häuser, parkten mehrere Autos davor oder sonst stimmte irgend etwas nicht. Es hat dann halt nur für ein Bild gereicht (vielleicht kann ich da morgen noch etwas nachbessern). ;-)

Heute war ein Selbstverpflegungstag, denn viele Bäckereien habe ich unterwegs nicht gesehen. Meist radle ich etwa eine bis eineinhalb Stunden und mache dann 5-10 Minuten Pause. Da Sitzgelegenheiten hier ziemlich rar sind, fange ich nach etwa einer Stunde an, mir eine Parkbank -möglichst in der Sonne- auszuspähen. Mit etwas Geduld klappt das dann meist auch. Es ist also wirklich wichtig, dass ich meinen Not-Proviant immer wieder auffülle, nicht dass mir unterwegs mal das Benzin ausgeht…

Auch heute war es wieder recht angenehm. Höchsttemperatur etwa 10° Grad, Durchschnittstemperatur unterwegs etwa 5° Grad plus. Kurz nach Nordenham kam ich zur Fähre über die Weser nach Bremerhaven. Mittlerweile war es etwas nach zwei Uhr mittags und die Sonne schien nun tatsächlich. Genau richtig! Schon von weit her sah ich Teile des Hochseehafens und diesen wollte ich nun noch etwas erkunden. Ich fuhr also so nah wie möglich an die grossen Schiffe und das Containerterminal heran. Natürlich ist vieles abgesperrt und man kann (leider) nicht direkt an den Hochseeschiffen, den riesigen Kränen und den Containerstapeln entlang fahren. Wäre ja auch zu schön gewesen. Mir hat es trotzdem mächtig Eindruck gemacht und deshalb gab es noch einige Fotos.

Das Hotel «Am Theaterplatz» war dann einfach zu finden und macht soweit einen guten/soliden Eindruck. Wobei… von aussen sah es ziemlich mitgenommen aus und ich dachte mir «Du solltest wohl für die nächsten Nächte etwas mehr bezahlen…». Doch das zugeteilte Einzelzimmer ist renoviert, praktisch eingerichtet, die Dusche funktioniert super und WLAN passt auch. Soweit also alles gut.

Heute sind es wieder 100 Kilometer geworden. Die nächsten Tage werden etwas kürzer. Vor allem Morgen liegen nur etwa 52 Kilometer bis nach Cuxhaven vor mir. Ich kann es also gemütlich nehmen, auf’s Meer blicken und noch ein paar Fotos schiessen. Der Wetterbericht spricht zwar von einer hohen Regenwahrscheinlichkeit, doch das halte ich für unwahrscheinlich. ;-)

Hier noch die gespeicherte Strecke sowie die Fotos von heute

Tag 21 - am Wattenmeer

Gut geschlafen, gut gefrühstückt, alles Gepäck am Rad, GPS gestartet, es kann also losgehen. Kurz nach neun Uhr ist es stark bewölkt, neblig, bis hochneblig, schwierig zu sagen. Es ist ein düsterer Tag, so dass ich den ganzen Tag mit Licht am Rad unterwegs bin. Ausgangs Bremerhaven mache ich nochmals ein paar Hafen-Fotos und danch beginnt meine Küstenfahrt durch den Nationalpark «Wattenmeer – Niedersachsen».

Jetzt im Winter ist es eine karge Graslandschaft. Im Sommer muss es hier viel Schilfgras, Wildvögel und grosse Schafherden geben. Auf Tafeln wird immer wieder über die lokale Flora und Fauna informiert. Von den gegen 50 Küstenkilometern kann ich etwa die Hälfte auf der Meerseite (vor dem Deich) fahren und etwa die Hälfte führt hinter dem Deich entlang. Auf der Meerseite ist es menschenleer, was aber auch nur zu dieser Jahreszeit so zu sein scheint. Hinter dem Deich kommt man immer wieder an Ferienhäusern, -wohnungen, Campingplätzen und teils sehr grossen Hotelanlagen vorbei. Das muss ein beliebtes Ferienziel sein.

Kurz vor Cuxhaven beginnen dann lange Abschnitte mit vielen Hotels, Apartmenthäusern und Naturheilbädern. Hier wird dem Baden im Meer positive Wirkung zugesprochen. Bei Cuxhafen strömt warmes und stark salzhaltiges Meerwasser an die Küste und das soll einerseits angenehm um zu baden sein und andererseits soll man bei langen Strandspaziergängen feinste Salzkristalle einatmen, die die Bronchien beruhigen… sagt man… meine Bronchien spürten nichts davon oder zumindest war ich es mir nicht bewusst. ;-)

Bremerhaven und Cuxhaven unterscheiden sich also ganz wesentlich. Bremerhaven ist vor allem Hafen, Umschlagsplatz für weltweiten Gütertransport und stark vom Handel geprägt. Cuxhafen ist familiärer und touristischer. Es gibt nur einen Fischerhafen, den grossen Container- oder Kreuzfahrschiffen kann man nur beim Vorbeifahren zusehen.

Die heutige Fahrt war kalt, windig, neblig und teilweise nieselte es leicht. Die Temperatur lag knapp über Null, der Ostwind machte die Sache aber recht kühl und unangenehm. Es war also nichts mit etwas am Strand sitzen, auf`s Meer hinausblicken und die Seele baumeln lassen. Dafür war es schlicht und einfach zu ungemütlich. Und weil heute auch nur 66 Kilometer zurückzulegen waren, kam ich schon sehr früh in meinem heutigen Hotel «Stadt Cuxhaven» an.

Ich war froh, ein gut geheiztes Zimmer vorzufinden und eine lange, heisse Dusche war auch genau das, wonach mein Sinn nun stand. Die Kälte schleicht einem langsam in die Knochen und es braucht eine gewisse Zeit, bis mir wieder richtig warm wird. Weil ich also mit dem Hotel an sich zufrieden bin stört es mich auch nicht sonderlich, dass ich heute keine Fotos ins Album hochladen kann. Der FTP-Zugriff wird blockiert und so kann ich keine Fotos vom lokalen Rechner auf meinen Webserver kopieren. Diese Bilder werden also erst morgen dazu kommen.

Ach ja, fast hätte ich es vergessen. Ich bin nun genau drei Wochen nordwärts gefahren und mit Cuxhafen habe ich jetzt den nördlichsten Punkt meiner Reise erreicht. Nun geht es vorwiegend in Richtug Ost, etwa 500 Kilometer der Elbe entlang bis nach Dessau, von wo ich dann südlich abzweige bis nach Leipzig. Mein derzeitiger Planungsstand ist, dass ich nach dem Besuch bei Freunden in Leipzig mit dem Zug zurück in die Schweiz reise. Einerseits werde ich dann genug "Winter-Radreise" gehabt haben und andererseits reicht mir die Zeit nicht mehr wirklich, um noch vor dem 1. März wieder zu Hause zu sein. 

Hier also nur der Track zu der heute gefahrenen Strecke.

Tag 22 - unsichtbare Berge

Schon kurz nach dem ich losgefahren bin wusste ich, dass es heute kein Zuckerschlecken wird. Ich fahre ostwärts und ein kalter Nordostwind bläst mir direkt entgegen. Da erinnere ich mich an einen Radlerspruch. «Der Wind sind die Berge des Nordens». Wie wahr! Man fährt zwar in der Fläche, doch es fühlt sich an wie bergauf. Ich muss zwei, drei Gänge kleiner schalten um den Rhythmus halten zu können. Es ist kalt und pfeift in meinen Ohren. Es macht nur wenig Spass. Und wie es denn so ist an Tagen wie diesen, man verfährt sich, Wege sind gesperrt oder die einzige Bäckerei unterwegs ist geschlossen. Es kommt dann alles zusammen. Es war also irgendwie nicht mein Tag, auch wenn das Tagesziel den schönen Namen «Glückstadt» trägt.

Zuerst führte die Strecke direkt der Küste entlang (also vor dem Deich). Das war soweit interessant, dass man aufs Meer oder die Elbe sah und immer wieder grosse Schiffe zu sehen waren. Aber: man ist brutal dem Wind ausgesetzt. Da gibt es kein Haus, keinen Baum, rein gar nichts, wo man etwas Windschutz finden würde oder wo man mal kurz eine Pause einlegen könnte. Links ein sandig flaches Ufer und rechts eine Wiese/Steppe, die sich zum Deich hin erhöht. Sonst nichts. Nach etwa 20 Kilometern erreiche ich Otterndorf. Mir ist zwar kalt, doch Hunger verspüre ich noch nicht und Proviant habe ich auch dabei. Zudem führt die Strecke nicht mitten ins Ortszentrum, sondern man streift den Ort und fährt durch Einfamilienhaussiedlungen.

Knappe 10 Kilometer später, in Belum, bin ich aber fällig. Der dauernde Wind zermürbt mich. Ich will mal in die Wärme und Ruhe. Ein Kaffee und etwas Süsses wäre auch nicht schlecht. Doch in Belum gibt es ausser einer Kirche und einem Getränkemarkt nur Einfamilienhäuser. Kein Gasthaus und keine Bäckerei (ich konnte zumindest keine finden). Ich bin enttäuscht, doch was soll’s. Fahr ich weiter. Ausgangs Belum sehe ich ein Bushaltestellenhäuschen, welches dreiseitig umbaut ist und somit also Windschutz bietet. Ich halte an, nehme Tee und Süssigkeiten aus der Tasche und mache eine Pause. Meine Beinchen fühlen sich schon etwas schwammig an. Noch sind kaum 30 der etwa 70 Kilometer geschafft. Ich muss mich zwingen um regelmässig zu essen und vor allem zu trinken. Anstrengend ist die ganze Sache ja schon und auch wenn man eher friert, so dehydriert man eben doch.

Als ich weiterfahre, endet meine Strecke ganz unverhofft vor einem hohen Zaun. Da steht: Gesperrt. Öffnung am 17.04.2017. Hinter der Absperrung klafft ein grosses Loch, wie wenn ein Teil der Strasse weggespült worden ist. Ich orientiere mich am Navi… Hmmm… Viel Wasser im Weg. Das gibt einen grösseren Umweg… Und so war es dann auch. Nach 13 Kilometern oder mehr als 45 Minuten später war ich nur etwa 200 Meter von der gesperrten Stelle entfernt. Jetzt sehe ich, dass eine Brücke fehlt. Egal. Abhaken, weiterfahren.

Zum Glück weiss man vorher jeweils nicht, was auf einem wartet. Nun folgen die wohl 20 langweiligsten und nervigsten Velokilometer meines Lebens. Ich bin jetzt hinter dem Deich. Links also Deich und rechts freie Fläche soweit das Auge reicht. Riesige Agrarflächen. Keine Häuser, keine Bäume, nichts als öde Landschaft und Wind. Gegenwind. Immer und unerbittlich. Und endlose gerade Strecken. Man blickt hoch, fährt 10 Minuten weiter, blickt wieder hoch und alles sieht noch genau gleich aus. Die Strasse nimmt kein Ende und wenn mal eine ganz leichte Krümmung kommt, sieht es danach wieder genau gleich aus. Eine endlose, gerade Strecke und noch heftigerer Gegenwind. Ja, das sind die unsichtbaren Berge des Nordens… SCHEISSE! Ich würde so gerne eine Pause machen, doch wo? Hier gibt es nichts! Ich will mal aus dem Wind, nur für 3 Minuten – unmöglich, da gibt es nichts, was vor dem Wind schützen würde. Irgendwann halte ich an, steige ab und schiebe das Rad. Wohlverstanden auf topfebener Strecke. Ich muss einmal andere Muskeln bewegen und auch den kalten Füssen tun ein paar Schritte gut. Aber ein Rad in der Fläche schieben ist saudoof. Ich steige also wieder auf und fahre weiter. Ich weiss genau: Im nächsten Ort falle ich über ein Geschäft her. Egal ob Bäckerei, Restaurant, Tankstelle oder Lebensmittelgeschäft. Ich will aus dem Wind und ich muss Kalorien nachschieben.

Der nächste Ort heisst dann Freiburg. Ein wirklich putziges, kleines Nest und siehe da, es gibt auch ein Lebensmittelgeschäft mit Stehcafé. Genau mein Ding! Ein Milchkaffee, ein Stück Streusselkuchen und einen Berliner später fühle ich mich deutlich besser. Und siehe da, ein Wunder, zwischen all den Wolken zeigt sich nun doch auch mal noch die Sonne. Schön. Das tut gut.

Bis zur Fähre über die Weser sind es dann nur noch knapp 10 Kilometer und auf der Gegenseite, in Glückstadt vielleicht noch 3 Kilometer bis zum Hotel. Alles wird gut! Glückstadt ist eine entworfene Stadt die 1617 gegründet wurde. Zum zentralen Marktplatz führen sieben gerade Strassen. Der Kernbereich besteht noch aus vielen alten Häusern und das alles macht einen ganz schmucken Eindruck.

Meine heutige Unterkunft ist ein kleines Gästehaus, nur etwa 100 Meter vom zentralen Platz entfernt. Es ist geheizt, die Dusche funktioniert und in einem Restaurant in der Nähe habe ich gut gegessen. Ich konnte mich also mit diesem Tag doch noch etwas versöhnen.

Hier die aufgezeichnete Strecke von heute. Im Fotoalbum sind jetzt die Bilder von gestern und heute.

Tag 23 - nach Hamburg

Gestern hatte ich ja etwas eine Krise. Langsam habe ich genug von dieser Kälte und hinzu kommt noch eine gehörige Prise Heimweh. Praktisch jeden Abend unterhalten Karin und ich uns via Skype (Videotelefonie über Internet). Wir tauschen uns aus und versuchen uns trotz der Distanz nah zu sein. Das klappt recht gut und fast immer dauert es über eine halbe Stunde, bis wir uns verabschieden. Da kann an einem schlechten Tag -so wie gestern- schon mal der Gedanke aufkommen, dass es nun reicht und man die Sachen packt und nach Hause fährt. Ich habe mir schon im Internet die Bahnverbindungen von Hamburg nach Zürich herausgesucht…

Die ganze Runde, also bis wieder nach Hause, das habe ich schon länger abgestrichen. Dafür reicht die Zeit nicht und irgendwann ist dann wirklich genug. Ich möchte sehr gerne meine/unsere Freunde in Leipzig wieder einmal sehen und deshalb bin ich rein gedanklich darauf eingestellt, dass ich bis Leipzig fahre und von da mit dem Zug heimreise. Von Hamburg bis nach Leipzig sind es noch etwa 600 Kilometer oder etwa 8 Tage. Heute denke ich: «Nicht schwächeln, durchziehen!»

Wie auch immer. Ich startete also nicht super motiviert in den Tag. Es war wieder grau, wieder unter Null Grad und wieder drohte mir Gegenwind. Weil ich gestern öfters recht kalt hatte, zog ich heute eine zusätzliche Schicht Kleider an und auch den Buff als Halstuch. Das war die richtige Entscheidung. Vor allem bei Gegenwind kann man den Buff bis über die Nase hochziehen und sich so etwas vor der Kälte schützen.

Die Strecke war glücklicherweise interessanter als gestern. Natürlich gab es auch wieder die langen Geraden im Nirgendwo, doch es folgten regelmässiger bewohnte Gebiete und es gab auch mehr Gebüsch oder Bäume am Strassenrand, die etwas den Wind abhielten. Ich wusste zudem, dass es nicht so weit sein wird wie gestern. Das half um die Ruhe zu bewahren und einfach vor mich hin zu fahren. Ich habe noch ein paar dieser strohbedeckten Häuser fotografiert und schon bald näherte ich mich Hamburg, respektive seinen Vororten.

Blankenese scheint eher eine teure Wohngegend zu sein, da sieht man viele Villen. Schöne und auch viele hässliche. Für mich aber interessanter war, dass von Blankenese bis ins Stadtzentrum ein sehr schön angelegter Radweg führt, der immer wieder den Blick über die Elbe und zum Hochseehafen freigab. Das regte den Geist natürlich an und spätestens da war von schlechter Laune keine Spur mehr.

Das GPS leitete mich direkt vor meine Unterkunft. Ich war jedoch zu früh, denn die Zimmer/Appartements können erst ab 16 Uhr bezogen werden. Ich hatte also noch genügend Zeit um mit dem vollbepackten Bike eine erste kleine Stadtrunde zu drehen. Da gab es auch mächtig viel zu sehen und ich habe auch schon ein paar Fotos von Hamburg ins Fotoalbum hochgeladen. Mittlerweile war mir aber doch ziemlich kalt und deshalb war ich dann um 16:15 Uhr wieder vor der «St. Pauli Lodge».

Das ist hier eine echte Erlebnis-Unterkunft. Man gibt einen Code an der Türe ein (den man per eMail erhielt) und innen an der Türe kleben drei Zettel mit Namen drauf. Auf meinem steht «Zimmer 9 im EG». Das ist direkt neben der Haustüre. Das Zimmer ist winzig klein und das Badezimmer hat einen griechischen Touch. Damit meine ich: Es gibt keinen Duschvorhang und wenn man duscht ist danach das ganze Badezimmer pitschnass (that’s not a bug. It’s a feature!). Es gibt keinen Kleiderschrank, nur eine Stange an der Wand mit 4 Kleiderbügeln. Ich finde es witzig und vor allem es ist sehr, sehr günstig. Und wie man sieht, das Internet funktioniert tadellos.

Die St. Pauli Lodge liegt im Stadtteil Altona, nahe dem Millerntor-Stadion (FC St. Pauli) und nur etwas mehr als 1km von der Reeperbahn entfernt. Also sehr zentral und wirklich am Puls des Lebens. Ich bin deshalb froh, dass ich heute schon zeitig die Fotos hochgeladen und den Blogeintrag geschrieben habe, so kann ich mit gutem Gewissen in den Ausgang… ;-)

Hier noch die Strecke des Tages und der Link zum ersten Foto von heute.