Italien-Radreise 2011

Nachfolgende Artikel beschreiben eine Sommer-Radreise durch Italien, welche ich vom 17. Juni bis zum 10. August 2011 unternommen habe. Am Anfang stehen ein paar Artikel zur Reiseplanung und der Vorbereitung und danach folgen die einzelnen Tagesberichte.

Was auch immer geplant war, die nachfolgend grüne Linie zeigt den effektiven Tourverlauf anhand der GPS-Aufzeichnungen. Die Tour begann und endete zu Hause. Ich fuhr zuerst nach Turin und bereiste Italien in Form einer grossen 8. Lange Zeit dem Apennin folgend und beim Sporn (Halbinsel Gargano) dann ans Meer. Südlichster Punkt war Scalea am Mittelmeer. Ich bereiste viele Nationalparks und mied Grosstädte. Ich war insgesamt 58 Tage unterwegs, wobei ich 3 Ruhetage einlegte. Die zurückgelegte Strecke beträgt etwas über 5'600 Kilometer.

Ich wünsche viel Spass beim lesen...
Insgesamt wurden fast 1'000 Fotos gemacht. Hier geht es zum Fotoalbum.

Probepackung

Heute wollte ich sehen, wie voll die Packtaschen werden und wie schwer die ganze Fuhre für meine Sommerreise wird.

Zuerst hängte ich das Kish "nackt" an die Waage. 12,4 Kilo inklusive Seitenständer, Gepäckträger, 2 Flaschenhalter, verschiedene Halter für Pumpe, Multitool, GPS und für die Lenkertasche.

Als Nächstes legte ich all das zur Seite, was ich entweder am Körper trage oder irgendwo ans Velo stecke. Das ist Bekleidung, 2,3l Wasser und die gefülllte Lenkertasche. Zusammen wiegt das etwa fünf Kilo.

Dann stapelte ich all das, was in die Seitentaschen oder den blauen Packsack verstaut werden musste. Ich will hier nicht alles aufzählen, ein Bild sagt mehr als 1'000 Worte. Hier nur ein paar Erklärungen. Zivile, lange Hosen nehme ich nur Eine mit (Adventurehose mit abzipbaren Beinen). Zwei T-Shirts müssen reichen. Die kann man ja auch einfach unterwegs ersetzen. Kein Kocher. Eine faltbare Essschale und Besteck sollte reichen. Für kühle Tage Knie- und Armlinge, dazu die orange Softshelljacke. Die grüne Regenjacke und nur kurze Regenhosen. Fast drei Kilo Elektro- und Elektonikkram...

Dann begann das Packen. Der blaue Packsack ist klar. Der ist für das Zelt, dessen Unterlage, die Isomatte und den Schlafsack. Gesamtgewicht 4,5 Kilo. Den Rest begann ich zu gruppieren und in einzelne Säcke zu verpacken. Diese stopfte ich dann in die beiden Seitentaschen und stellte erstaunt fest, dass ich noch ziemlich freien Platz habe... Fehlt etwas? Ah ja: Karten, zwei Bücher, ein paar Schuhe... O.K. ein Tasche wird voll und in der Zweiten habe ich noch Platz für Verpflegung. Super! Locker!

Beide Taschen zusammen sind etwa 12,5 Kilo schwer. Plus Packsack = 17 Kilo Gepäck. Mit Wasser und Kleinkram = 20 Kilo Bruttogepäck. Puls Velo = 32 Kilo. Dies bestätigt dann auch die Personenwaage. Ich ohne Bike = 91 Kilo. Plus 32 Kilo für mein Sommerwohnmobil = 123 Kilo Systemgewicht. Diese Masse muss ich drei Monate lang bewegen...

Ich machte nur eine ganz kurze Testfahrt. 20 Kilo Gepäck ist schon heftig. Die Gewichtsverteilung ist klar hecklastig und das merkt man auch. Die Front fühlt sich leicht an und bergrunter schiebt das Heck deutlich. Trotzdem musste ich den blauen Packsack noch etwas nach hinten schieben, weil ich sonst beim treten mit den Oberschenkeln an die Tasche stosse, was nervt. Der Gepäckträger hält die Taschen perfekt und stabil. Auch im Wiegetritt klappert nichts. Insgesamt bin ich zufrieden. Das leichte Vorderrad ist ganz klar der Preis für meine Ablehnung für Fronttaschen oder eine grosse Lenkertasche. Das passt schon...

Streckenplanung abgeschlossen

Heute konnte ich die Routenplanung für meine Sommerreise zu einem vorläufigen Ende bringen. Wenn ich meiner GPS-Strecke folge, sollte ich nach ca. 4'600 Kilometern in Florenz ankommen und Karin treffen können. Das soll noch nicht das Ende meiner Reise sein, denn eigentlich will ich mit dem Velo wieder bis nach Hause fahren. Es ist einfach das Ende der derzeitigen Streckenplanung. Ich gehe davon aus, dass ich in Florenz die Zeit (und auch WLAN-Verbindung) haben werde um den Rest der Strecke dort zu planen.

Meine ursprüngliche Idee, "Italien-Sizilien-Sardinien-Korsika-Elba-Italien", liess ich relativ bald fallen. Dies aus mehreren Gründen. Vermutlich wäre es zu weit. Anfang August quer durch Sizilien und Sardinien dürfte brütend heiss sein. Meer und Schiffe sind nicht meine Favoriten. Ich wollte die Amalfiküste sehen. Deshalb bleibe ich nun immer am Festland. Die gelben Stecknadeln zeigen die Endpunkte der einzelnen Teilstrecken auf dem Weg in Richtung Süden und die grünen Nadeln zeigen die Endpunkte der Abschnitte in Richtung Norden. Es sind insgesamt 15 Teilstrecken entstanden, die ich hier aufgelistet und zusammengezählt habe. Die Länge eines geplanten Abschnitts wird durch die Begrenzung auf 2'500 Wegpunkte bestimmt. Je kurviger die Strecke und je näher beisammen ich die Wegpunkte setzen musste, desto kürzer wurde der Track. Ansonsten sind die Abschnittsorte unwichtig. Sie entsprechen nur ganz selten einem möglichen Tagesziel. Ich denke mir -wie beim Tagesbild- eine einzige rote Linie von knapp 5'000 Kilometern, die ich abfahren möchte.

Ich bin froh, dass diese Arbeit nun erledigt ist. Mit den Daten kann ich nun etwas rechnen. Wenn ich am 14. Juni starte und am 1. September in Florenz sein möchte, habe ich genau 80 Tage Zeit. Mindestens 10 Ruhetage werde ich wohl brauchen, dann bleiben noch 70 Fahrtage. 70 Tage mal 70 Kilometer, das wäre dann das Ziel. 70 Kilometer finde ich an sich schon machbar, doch wenn ich die vielen Höhenmeter anschaue, bin ich mir schon nicht mehr so sicher, ob das realistisch ist (die Teilstrecken 2+3 haben Daten wie eine ausgewachsene Alpenüberquerung). Wenn die gpsies-Zahlen wirklich stimmen, stehen mir insgesamt an die 87'000 Höhenmeter bevor. In 70 Tagen macht das 1'250 Höhenmeter jeden Tag... ups, ganz schön happig...

Egal. Das ist eh alles graue Theorie. Ich werde es erfahren. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich werde fahren bis ich müde bin, dann übernachte ich und am nächsten Tag fahre ich wieder bis ich müde bin. Immer der roten Linie nach. Nach etwa 50 Tagen werde ich dann schauen wo ich in der Realität bin und wo ich theoretisch sein sollte. Abkürzungen um am 80. Tag wirklich in Florenz zu sein, sind eigentlich immer möglich. Ja, das wird eine spannende Sache.

Pfingstmontag - packen

Heute mussten wir früh aufstehen, damit wir pünktlich um neun Uhr an einem Firmungsgottesdienst teilnehmen konnten. Die Tochter der besten Freundin von Karin war eines von etwa zehn Kindern, die heute in der Kirche ihren katholischen Weg bezeugten. Für Karin und mich, als "nicht-praktizierende Protestanten", sind solche Anlässe natürlich ungewohnt und die Messe läuft bei den Katholiken doch ziemlich anders ab, als bei uns Reformierten. Während man als Protestant gut etwas einnicken kann, muss man bei den Katholiken dauern aufstehen, absitzen und irgendwelche Bekenntnisse nachsprechen. Ziemlich straff organisiert und voller Rituale und Zeremonien.

Obwohl der anwesende Weihbischof eine modern gehaltene Predigt hielt war doch unverkennbar, dass die Katholiken-Community genauso auf dem absteigenden Ast ist, wie die reformierte Kirche. Ich glaube kaum, dass irgendjemand an diesem Gottesdienst teilnahm, der nicht wegen eines Mädchens oder eines Jungens gekommen ist, zu dem er oder sie eine persönliche Beziehung hat. Das ist schon irgendwie schade, doch kaum verwunderlich. Die Individualisierung und die Aufgeklärtheit der Bevölkerung hat nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass man diese ganze Verlogenheit des kirchlichen Machtsystems eimfach nicht mehr braucht. Kirchen und Gottesdieste sind für verlorene Seelen und wenig religiöse Menschen. Echte, persönliche Religiösität hat damit so ziemlich gar nichts zu tun und irgendwann in den letzten 2000 Jahren wurde halt von den Meisten erkannt, dass die offiziellen Kirchen vor allem Wasser predigen und Wein trinken. Den Wein kaufen sie mit dem Geld der Kirchengänger, doch die sollen gefälligst Wasser trinken. Es ist doch mehr als ironisch, dass der Vatikatstaat als geografische Heimat der katholischen Kirche eines der reichsten Länder der Erde ist. Und das, obwohl sie immer von teilen und geben sprechen. Für alle Anderen soll geben seeliger denn nehmen sein, doch die Institutionen wollen viel lieber nehmen, als geben. Ausserdem (und zum Abschluss dieses Themas) haben wohl mittlerweile sehr viele Menschen erkannt, dass echte Religiösität total persönlich ist. Da kann einem kaum ein Priester dabei helfen.

Natürlich folgte nach der Firmung noch ein gemeinsames Essen mit gemütlichem Beisammensein und so war es dann schon später Nachmittag, bis wir nach Hause gekommen sind. Dann begann eigentlich meine Sommerreise, denn es galt nun definitiv zu packen. Dazu schaute ich mir nochmals diesen Bolgeintrag und die dazu gehörende Liste an.

Natürlich findet man dann immer wieder Dinge, die man noch vergessen hat oder die man vorab noch erledigen sollte. Wie z.B. alle Akkus aufladen (GPS, Netbook, Digicam, Handy, Beleuchtung). Oder einen Backup des Netbooks auf eine externe Speicherplatte machen. Oder letzte Zahlungen online in Auftrag geben. Oder -so wie jetzt- noch einen Blogeintrag schreiben. Nun steht das Gepäck vor der Haustüre und somit ist eigentlich alles bereit. Morgen will ich mit Karin aufstehen. Nach dem Abschiedskuss fährt sie dann mit ihrem Auto zur Arbeit und ich starte mit meinem Velo auf meine Sommerreise.

Wobei... Morgen wird es gemütlich losgehen. Zuerst besuche ich meine ehemaligen Arbeitskollegen und zeige ihnen, wie ich das Geld, welches sie zu meinem Abschied sammelten, investiert habe. Mit ihnen will ich in der Caffeteria einen feinen Cappuchino trinken, bevor ich mich dann auf den Weg in die Stadt Zürich mache. Am Bürkliplatz steht derzeit eine zehn Meter hohe Skulptur (Spinne), die ich gerne fotografieren möchte. Bei meiner Rückkehr im Herbst ist sie weg, also will ich das morgen noch sehen.

Dann werde ich entlang des Zürichsees fahren, bis ich südwärts Richtung Vierwaldstättersee abzweige. Mein Ziel für morgen Abend ist ein Campingplatz in Brunnen. Da werde ich dann erstmals meine Ausrüstung testen. Am Mittwoch möchte ich dann bis nach Andermatt und am Donnerstag über den Gotthard bis an den Lago Maggiore im Tessin. Voraussichtlich am Freitag werde ich die italienische Grenze überqueren und am kommenden Sonntag möchte ich eigentlich in Turin sein. Das ist der Plan.

Ich schrieb es bereits an anderer Stelle, doch hier nochmals: Ich weiss nicht, wie regelmässig ich "beats blog" aktualisieren kann. Das hat nicht oberste Priorität. Sollte es hier in den nächsten Monaten ab und an längere Pausen geben, so hat dies nichts Negatives zu bedeuten. In der Zeit werde ich wohl einfach in abgelegenen Gebieten unterwegs sein, wo ich nur schwer an einen Internetzugriff komme. Man darf gespannt sein, wie das so funktionieren wird...

(1) Start der Sommerreise

Letzte Nacht konnte ich fast nicht einschlafen. Mir war mulmig und ich hatte immer das Gefühl, irgendetwas vergessen zu haben. Um zwei Uhr früh bin ich dann nochmals aufgestanden und habe ein paar Kleinigkeiten, die mir in den Sinn gekommen sind, zusammengesucht und eingepackt. Ich hatte richtig Muffensausen...

Heute Morgen ging es dann (endlich) los. Kurz vor halb neun Uhr nahm ich das vollbepackte Velo aus der Garage, streichelte unserem Kater ein letztes Mal über den Rücken und machte mich auf den Weg zu meinen Ex-Arbeitskollegen. Zusammen tranken wir einen feinen Cappuchino und plauderten noch etwas.

Danach fuhr ich wie geplant ans Zürcher Seebecken um die 10 Meter hohe Stahlspinne am Bürkliplatz zu fotografieren. Persönlich fand ich die Skulptur zwar spannend, doch nicht überragend. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass ich Spinnen nun mal nicht gerade attraktiv finde und das ändert sich auch nicht, wenn sie künstlich und überdimensioniert sind.

Dann fielen ein paar Regentropfen... Nein, bitte nicht! Nicht gleich am Tag 1! Petrus schien mich zu hören, denn knapp zehn Minuten später war der Spuk vorbei und die Strassen waren (zum Glück) kaum richtig nass. Ich fuhr entlang des linken Zürichseeufers bis nach Richterswil und stellte mich dann der ersten richtigen Steigung. Boahh... die über 30 Kilo (Bike+Gepäck) sind wie ein Klotz am Bein. Die etwa 500 Höhenmeter bis nach Einsiedeln fand ich deshalb schon richtig knackig. Dies vielleicht auch deshalb, weil ich langsam Hunger hatte. Man kennt das ja. Wenn man den Hunger spürt, ist es eigentlich schon fast zu spät um sich neue Kohlenhydrate einzuverleiben. Ich suchte mir eine schöne Bäckerei, mit Sicht auf das Kloster Einsiedeln und verpflegte mich entsprechend. Mittlerweile war es etwa 14 Uhr.

Es folgten ein paar sanfte Wellen bis nach Rothenturm und dann kam eine schöne und lange Abfahrt bis nach Schwyz. Die letzten flachen Kilometer bis an den Vierwaldstättersee waren dann nur noch ein Klacks. Der Zeltplatz "Hopfreben" liegt sehr schön und direkt am See. Es stehen viele Wohnwagen, doch im Zeltbereich ist es fast leer. Nur drei Zelte stehen da und ich habe so viel Platz zur Auswahl, dass ich mich fast nicht entscheiden kann. Meine Kriterien waren dann: möglichst flach/eben und so, dass eine eventuelle Morgensonne auch das Zelt erreichen kann. Nach dem Zeltaufbau machte ich mich auf zum Waschraum, duschte und wusch gleich alle Kleider, die ich heute trug. Das muss ich mir unbedingt angewöhnen, denn stinkige Kleider mitführen ist so ziemlich das Doofste, was ich machen kann. Es geht dabei ja nicht nur um die geschmackliche Seite, sondern darum, dass sich möglichst keine Keime und Bakterien einnisten, die mir dann Pickel oder sonstige Hautprobleme bereiten.

Dann machte ich mich auf den Weg zum Campingrestaurant um eine Portion Penne Napoli zu essen, was wirklich schmeckte und gut getan hat. Nachher startete ich den PC und siehe da, es ist ein WLAN verfügbar und nach einem kurzen Schwaz mit dem Campingplatzbetreiber kriegte ich auch das nötige Passwort und konnte eine Internetverbindung aufbauen. Sehr gut. Leider habe ich den Fotoapparat und das Verbindungskabel im Zelt gelassen, weshalb es vom heutigen Tag vorerst keine Bilder gibt. Diese werde ich wohl morgen Abend nachreichen.

Ich plane morgen via Axenstrasse und Urnerland hoch bis nach Andermatt zu fahren. Da habe ich mir ein günstiges Hotel mit WLAN ausgeguckt. Den bevorstehenden 1'300 Höhenmeter zolle ich Respekt. Ich muss das langsam angehen und regelmässig Pausen einlegen. Es ist wirklich wichtig, dass ich mich nicht gleich in der ersten Woche leer fahre. Für den heutigen Tag sagt das GPS: 95 km, 4:50 Std., 750 Hm.

(2) über den Gotthard

Na ja, das mit dem schlafen im Zelt hat nicht so gut geklappt. Die erste Nacht war ziemlich unruhig und als in der Morgendämmerung alle Vögel, Enten und Schwäne erwachten und mit Gezwitscher und Geschnatter den neuen Tag begrüssten, war fertig mit Ruhe. Die Uhr zeigte 05:30 Uhr. Ich drehte mich noch ein paar Mal, doch auch der Druck auf der Blase liess mich nicht mehr weiterschlafen. Also stand ich auf, ging zu den sanitären Einrichtungen, wusch mich und zog mich an. Dann packte ich das Zelt zusammen und sattelte das Rad. Als ich losfuhr, war es kurz vor sieben Uhr.

Da das Campingrestaurant nicht offen hatte, machte ich mich auf die Suche nach einer Bäckerei und wurde auch rasch fündig. Mit Sandwich und Schoggigipfel bewaffnet fuhr ich noch ein paar Meter bis an den See, wo ich ein Plätzchen suchte, welches bereits in der Sonne lag. Vor der Weiterfahrt machte ich dann noch ein Selbstauslöserfoto am Bootssteg von Brunnen.

Danach fuhr ich auf der Axenstrasse nach Flüelen und von da folgte ich immer der nationalen Veloroute Nr. 3. Via Altdorf, Erstfeld, Wassen und Göschenen gelangte ich zu meinem eigentlichen Tagesziel, nach Andermatt. Etwas über 1'000 Höhenmeter und an die 3 Stunden Fahrzeit waren somit zurückgelegt. Das angedachte Hotel fand ich dann auch sofort, doch bevor ich rein ging, wollte ich erst etwas essen. Es war kurz vor zwölf Uhr mittags, sonnig, mit einigen Wolken, leicht windig und auf 1'400 Metern über Meer noch geschätzte 20 Grad warm.

Ich wusste nicht so recht, was ich mit diesem angefangenen Tag noch anstellen wollte und überlegte mir beim Mittagessen, was ich tun soll. Hmmm. Ich könnte die knapp 700 Höhenmeter bis zum Gotthardpass auch noch packen und da im frisch renovierten Hospitz übernachten. Ja, das fand ich eine gute Idee. Zeit hatte ich ja und gebucht war nichts. Also habe ich mir nach der feinen Portion Spaghetti Bolognaise den Helm wieder aufgesetzt und fuhr weiter.

Natürlich merkte ich die bisherigen Anstrengungen und das 32-Kilo-Bike fährt ja auch nicht von selbst hoch. Geduld bringt Rosen oder in meinem Fall den Kulminationspunkt auf 2'106 Metern über Meer. Auf den letzten 200 Höhenmetern hatte ich teils heftigen Gegenwind und vor mir sah ich auch zunehmende Bewölkung. Der Wind von Süd nach Nord (Föhn) bringt dem Norden meist schönes und warmes Wetter, während sich die Wolken südlich der Alpoen stauen und so im Tessin das Wetter nicht ganz so gut ist. Auf der Passhöhe war es dann auch entsprechend bedeckt und kühl...

Will ich wirklich da übernachten? Es war mittlerweile kurz nach 14 Uhr. Früh morgens ist es bestimmt richtig kalt in dieser Höhe und da stelle ich mir eine Abfahrt von über 1'000 Höhenmeter nicht so prickelnd vor. Deshalb fuhr ich weiter und freute mich auf die Tremola, die alte Serpentinenstrasse runter nach Airolo. Das war dann auch ein besonderer Genuss, den ich mit einem (wie schreibt man das nun wieder?) Cappuccino in einem Strassencaffe in Airolo begoss.

Wie erwartet war das Wetter auf der Alpensüdseite nicht ganz so gut. Hohe Schleierwolken verdeckten oft die Sonne und deshalb entschied ich mich noch weiter talwärts zu fahren. Erst in Biasca machte ich Halt und suchte ein Hotel, in dem ich schon vor 20 Jahren (in meiner Motorrad-Trial-Zeit) übernachtete. Da kriegte ich ein schönes und ruhiges Zimmer, wo ich mich zuerest einmal ins Badezimmer verzog. Duschen und Kleider waschen war angesagt. Idealerweise zeigt der Balkon des Zimmers zur Westseite und so konnten die Kleider auch rasch trocknen.

Und ja, WLAN mit Internet gib es hier auch. Ich habe ein Fotoalbum erstellt, wo ich jeweils meine Bilder hochladen werde. Dabei entschied ich mich in umgekehrter chronologischer Reihenfolge die Bilder zu präsentieren, damit regelmässige Leser die neuen Bilder gleich zu Beginn sehen.

Nun bin ich ziemlich platt und freue mich auf ein richtiges Bett. Nachdem die letzte Nacht ja nicht so gut war, bin ich zuversichtlich, dass ich diesmal wie ein Stein schlafen werde. Es war ein schöner, langer und anstrengender Tag. Das GPS sagt: 120 km., 7:10 Std., 1'800 Hm.

(3) benvenuti Italia

Als um 07:00 Uhr der Wecker klingelte hörte ich bereits, wie es draussen regnet... nicht schön... Ich liess mir deshalb Zeit mit dem Frühstück und warf noch einen Blick in die regionale Zeitung um den Wetterbericht anzusehen. Da stand in etwa: "Meist stark bewölkt, mit zeitweisen Gewittern". O.K. Falls dies eine Auswahl darstellt, nehme ich lieber "stark bewölkt" ;-)

Als ich dann aber alles gepackt und am Velo befestigt, sowie die Hotelrechnung bezahlt hatte, regnete es umso stärker. Was soll's. So kann ich gleich mal testen, ob die Taschen wirklich wasserdicht sind. Ich schwang mich also in den Sattel und fuhr von Biasca los in Richtung Bellinzona und Lago Maggiore.

Der Regen wurde stärker und zum Glück war es nicht kalt. Dann regnete es nicht mehr, sondern es goss wie aus Kübeln. Das hätte ich mir in den letzten Wochen für unseren Rasen zuhause gewünscht, doch nicht jetzt... Gewitter ziehen vorbei, dachte ich mir...

Bis Tenero (etwa 40km) regnete es ziemlich ununterbrochen, in Locarno fielen dann nur noch ein paar Tropfen und als ich auf die Piazza von Ascona fuhr, hörte der Regen endlich auf. Mittlerweile hatte ich Hunger und die Uhr zeigte auch kurz vor zwölf Uhr mittags. Ideal um einen Verpflegungshalt mit Sicht auf den Lago Maggiore und die Brissago-Inseln. Während der Pause lockerten sich die Wolken langsam und so konnte ich die Weiterfahrt ohne Regenklamotten uins Auge fassen. Dies war mir ein Foto an der Hafenmauer wert.

Ich wusste, dass es bis zum Zoll nicht mehr weit ist und so begann ich die Augen nach einer Wechselstube offen zu halten. Je näher man der Grenze kam, desto besser wurden die Wechselkurse. Den vorletzten Shop betrat ich und wechselte meine letzten 70 Schweizerfranken zu 55 Euros. Kurz danach kam ich an den Zoll und war irgendwie froh, von der Alpeninsel endlich nach Europa zu kommen. Viva Italia!

Die Weiterfahrt entlang des Seeufers war dann echt schön und hätte es nicht so viele Autos gehabt, hätte ich jetzt ein anderes Wort als "schön" verwendet. Zwei, drei Mal bog ich von der Hauptstrasse ab und passierte die Ortschaften jeweils so nah am Seeufer wie möglich. Canobbio ist diesbezüglich eine Erwähnung wert. Ein schmuckes Dorf mit sehr schöner Uferpromenade.

Den nächsten Halt machte ich dann in Verbania, wo ich mir ein erstes italienisches Gelati gönnte und darüber nachdachte, wo in etwa ich meine Tagesetappe beenden werde. Es gab einige Zeltplätze, doch die dauerden Hinweise "man spricht Deutsch" fand ich irgendwie daneben und ausserdem waren die Plätze ziemlich voll und ich hatte keine Lust auf bierseelige Nachbarschaften. Ich dachte mir, dass dies am Lago D'Orta bestimmt besser ist, weil der See ziemlich kleiner und ein bisschen abgelegener ist. Also fuhr ich weiter.

Langsam wurde ich müde und ich war froh zu wissen, dass es keine grösseren Steigungen gibt, bis man in Omenga and den schönen Lago D'Orta gelangt. Dann begann ich nach einem Agriturismo oder einem Hotel Ausschau zu halten. Campieren wollte ich eher weniger. Bei zwei Hotels mit Seeanstoss erfragte ich dann die Zimmerpreise, doch mehr als 50 Euro wollte ich einfach nicht ausgeben und ich musste feststellen, dass dies schwierig werden wird.

Nach ein paar sehr schönen Kilometern entlang des Ortasees gelangte ich zu der Ortschaft Orta. Eis sehr malerischer Ort mit einer kleinen vorgelagerten Insel, die fast vollständig mit Häusern bebaut ist. Der alte Ortskern von Orta ist verkehrsfrei und sehr pittoresk. Ja, hier würde es mir gefallen. Also Augen auf! Mitten im Dorf gab es eine Art lokale Touristeninfo wo ich nach einem Zimmer fragte. Die erste Auskunft war ein Zimmer für 75 Euro. Hmmm. Nein, zu teuer. Dann hätte sie noch ein anderes Hotelzimmer für 60 Euro. Hmmm, ich weiss nicht so recht. Als sie merkte, dass "Preis" ein wichtiges Kriterium ist, kam der letzte Vorschlag. Ein Zimmer in einer Hoteldependence, mitten im alten Ortsteil, jedoch ohne eigenes Restaurant. Frühstück gibt es im Haupthotel, etwa 100 Meter entfernt. Das gäbe es für 50 Euro und sei so gross, dass ich auch mein bici darin unterbringen würde. Das war natürlich ein Hammerargument! Ja, das nehme ich. O.K. Die werte Frau schliesst gleich den Laden und begleitet mich zu der Dependence in einer Seitengasse. Als sie mir das Zimmer zeigt, bin ich bass erstaunt. Das sind bestimmt 30 Quadratmeter. Ein riesiges Bad und gleich daneben ein Heizungsraum, perfekt um gewaschene Kleider zum trocknen aufzuhängen. Ideal. Zur Sicherheit fragte ich nochmals nach dem Preis... Ja, 50 Euro. Super.

Im Badezimmer standen verschiedene Flaschen. Duschgel, Shampoo, Hairconditioner, Bodylotion und -wer hätte das gedacht- extra Kleiderwaschmittel. Das ist ja erste Sahne! Also schnell unter die Dusche und danach die getragenen und verschwitzten Kleider auswaschen und in den Heizungsraum hängen. Das alles machte natürlich gute Stimmung und so machte ich noch einen Siteseeing-Spaziergang durch die malerische Ortschaft. Orta ist wirklich sehr, sehr schön. Natürlich sehr touristisch, aber wirklich eine Reise wert. Kann ich wirklich empfehlen! Als Tagesbelohnung gönnte ich mir nochmals ein feines Eis und trank dazu einen Latte Macchiato.

Später suchte ich mir ein kleines und feines Restaurant. Zur Vorspeise feine Linguine al pesto und zum Hauptgang Scaloppine al limone. Das hat wunderbar geschmeckt und war meiner Ansicht die insgesamt 23 Euro locker wert. Danach noch etwas bloggen und nun geht's dann in's Bett. Das GPS sagt: 123 km., 5:50 Std., 350 Hm.

(4) durch Reisfelder

In der Nacht hat es nochmals ziemlich stark geregnet und so hoffte ich natürlich, dass es tagsüber trocken bleiben werde. Am Lago D'Orta hätte man durchaus etwas länger bleiben können, doch mich zog es ja südwärts...

Ich wusste, dass der heutige Tag eine Flachetappe geben wird. Ich startete auf etwa 300 Metern über Meer, nach etwa 20 Kilometern war ich auf etwa 170 Metern über Meer und knapp 90 Kilometer später lag mein Übernachtungsort auf 165 Meter über Meer. Was ich im Vorfeld nicht wusste ist, dass ich durch das scheinbar grösste Reisanbaugebiet Europas fahre (das stand auf einem Schild).

Und was ich auch nicht wusste ist, dass ich stundenlang geradeaus fahren und immer mit einem leichten aber stetigen Gegenwind kämpfen werde. Das fühlt sich an wie ein flacher Berg... Psychologisch mag ich diese Kombination überhaupt nicht. Man sieht kilometerlang die Strasse vor sich, keine Kurve, kein Hügel, kein Baum, nichts ausser riesigen Reisfeldern.

Erstaunlich fand ich, dass die Reisbauern scheinbar trotz des flachen Profils eine Art Terassierung hingekriegt haben, denn immer wieder sind die Felder unterteilt und wie in Asien mit langen Wasserläufen verbunden. Das Wasser wird mit Schiebern in die einzelnen Felder geleitet, damit der Reis immer schön im Wasser steht. Von einem der eingesetzten Traktoren machte ich dann auch noch ein Foto. Damit die Räder den Boden möglichst wenig verdichten und auch nicht zu viel Reis flachgedrückt wird, sind die Räder des Traktors aus grossen Stahlscheiben mit kleinen seitlichen Schaufeln zur Vorwärtsbewegung. Interessant.

Die Wolken verdichteten sich zunehmend und ich sah förmlich, wie ich dem Regen entgegen fuhr. Als die Tropfen sich mehrten, erhöhte ich den Druck auf dem Pedal um die nächste Ortschaft zu erreichen, wo ich Schutz in einer Caffetteria suchte. Kaum abgestiegen, prasselte der Regen ziemlich stark auf die Strasse - gelungenes Timing. Ich trank meinen obligaten Latte Macchiato   und ass dazu eine dieser staubigen Aprikosen-Brioche, die so unappetitlich in Plastik verpackt sind. Na ja, es war halt eine Caffetteria und kein Ristorante und schon gar keine Pasticceria. Ich liess mir Zeit und wartete bis die Front vorüber zog und wieder nur noch einzelne Tropfen fielen. Dennoch schlüpfte ich in die Regenhose und -jacke. Dies jedoch nur für etwa 15 Minuten, denn dann war der Spuk vorüber und die Strassen begannen das Nass gleich zu verdampfen. Das ergab eine eigentümliche, visuelle Stimmung, trieb mir aber auch den Schweiss auf die Stirn. Also wieder anhalten und Regensachen ausziehen.

Am Morgen dachte ich, dass ich bis nach Vercelli (so quasi der Mittelpunkt des Reisanbaus) fahren werde und da eine Unterkunft suche. Doch es kam, wie so oft bei mir. Es war erst etwa zwei Uhr mittags, ich fand nicht gleich ein passendes Hotel und überhaupt fand ich Vercelli nun nicht gerade so prickeld, wie ich mir das vorgestellt hatte. Also fuhr ich weiter. Knappe 20 Kilometer bis Trino. Dieser Ort war jedoch scheinbar zu klein um ein Hotel oder ein Albergo zu bieten (oder ich habe es einfach nicht gesehen)... also weiter.

Gegen vier Uhr kam ich dann nach Cresentino, wo ich an der Haupt-Piazza ein schönes Lokal entdeckte, eine sogenannte Yoghurteria (was das auch immer sein mag). Als ich das Lokal betrat zapfte ein älterer Herr hinter der Theke ein schönes, grosses Bier für den einzigen Gast. Jaaa!!! Das wollte ich auch. Also bestellte ich mein erstes italienisches Bier (Peroni). Der Chef des Hause sprach mich an. Woher ich komme, wohin ich wolle, und so weiter. Das war die Gelegenheit um zu fragen ob er ein kleines Hotel oder Agriturismo in der Umgebung kenne, wo ich übernachten könne. Ja, klar! Er rufe gleich jemanden an (Agriturismo) und führe mich dann da hin. ich solle einfach in Ruhe mein Bierchen trinken. Das fand ich ja super nett (kleine Bemerkung am Rande: Er spricht nur italienisch und ich mit Händen und Füssen, zwei Worte italienisch, eines spanisch und ab und zu auch mal ein zwei Worte französisch. Das war lustig. Als ich dann fertig war sagte er, dass ich mit dem Velo warten soll, er komme gleich. O.K. Ich dachte, er komme zu Fuss, doch keine zwei Minuten später fuhr er mit dem Auto vor und wies mich an, hinter ihm her zu fahren. Er beschleunigte wie ein Weltmeister und ich versuchte verzweifelt dranzubleiben. Der hat ja Nerven! Links, rechts, dann gerade aus und schwup, sah ich ihn nicht mehr... Nach der nächsten Kurve steht er am Strassenrand, leht rauchend aus dem Fenster und ruft "dai, dai!" Ich keuche zurück: "io no Eddy Merckx..." Zum Glück war nach knapp vier Kilometer das Ziel, die Villa Rosa, erreicht. Das war eine gute Nummer!

Ich bedankte mich artig und liess mir eines der schönen Zimmer in der Residence zeigen. 40 Euro die Nacht, inkl. Frühstück, das ich aber in der kleinen Küche selber machen müsse. Ja, o.k., das passt. Die nette Frau zeigte mir alles, auch die kleine Küche und da waren sie wieder, die trockenen, in Plastik eingepackten Aprikosen-Brioche...

Nach dem Duschen und Kleider waschen machte ich mich nochmals auf den Weg um im Dorfzentrum fein zu essen. Zur Vorspeise Spaghetti Carbonara und danach eine Pizza Vegetariana... Boah... war ich danach satt. Zufrieden kurbelte ich wieder zurück zur Residenz und schon bald schlüpfte ich müde unter die Decke. Das GPS sagt: 108km., 4:45 Std.,   210 Hm.

(5) Ankunft in Turin

 

 

Heute nahm ich es sehr gemütlich weil ich wusste, dass nur noch knapp 50 meist flache Kilometer bis nach  Turin auf dem Programm stehen. Als ich gegen neun Uhr losfuhr war der Himmel wieder wolkenverhangen und schon bald begann es erneut zu regnen... Wie schon die letzten Tage war ich sehr froh, dass es trotz Regen so um die 25° Grad warm war. Ich hätte also auch problemlos im Regen fahren können, doch bei der kurzen Strecke musst das nicht sein. Lieber mache ich ein paar zusätzliche Stopps.

Ich werde noch zunehmen, wenn ich mich von Caffetteria zu Pasticceria durchhangle, immer dem Regen ausweichend und immer etwas Süsses zum Latte Macchiato essend... Na ja, darüber mache ich mir nicht wirklich Sorgen, denn die kommenden Berge werden mir noch viel abverlangen, doch schön der Reihe nach.

Die letzten etwa 10 Kilometer bis nach Turin kann man sehr schön entlang des Po's auf einem Veloweg zurücklegen und kann so perfekt dem Verkehr ausweichen. Dies hatte ich so nicht geplant (weil ich den Veloweg in Google Earth als solches nicht erkannte), doch ich muss mich ja nicht total stur an die geplante Route halten. Solange ich die allgemeine Richtung halte, ist das o.k.

Turin als solches hat mich dann wirklich positiv überrascht. Obwohl ich ja kein Stadtmensch bin, fand ich diese Stadt sehr charmant. Teils riesige Alleen durchqueren die Stadt und ab und an gibt es auch extra Velospuren um die Verkehssicherheit zu erhöhen. So kann man sehr gut Sightseein per Rad machen. Ich telefonierte mit Karin und bat sie, mir über Internet ein zentrales und halbwegs günstiges Hotel zu suchen. Meine Kriterien waren: weniger als 50 Euro pro Nacht, WLAN mit Internet und einer Garage, wo ich das Bike sicher unterbringen kann. In der Zwischenzeit erkundete ich die Stadt und machte natürlich zahlreiche Fotos.

Das Hotel (4* für 49 Euro pro Nacht) war dann eher etwas überkandidelt und die Dame an der Reception gab mir durch ihr Verhalten schon zu verstehen, dass sie lieber gepflegte Gäste im Anzug begrüsst als einen verschwitzen Biker mit zwei Packtaschen und einem Packsak mit Zelt... Was soll's. Ich liess mich mich nicht beeindrucken und blieb fast übertrieben freundlich. Hey! Geld ist Geld. Wollt ihr mein Geld nun oder nicht? Na also. Geht doch.

Nachdem ich den gestrigen Blogeintrag noch nachgereicht hatte, war es sieben Uhr abends und ich hatte langsam Hunger. Ich nahm das Bike also nochmals aus der Garage und startete zu einer zweiten Sightseeing- und Essensrunde. Ja, Turin ist schön. Das wäre wirklich etwas für ein Wochenende mit der Frau. Unzählige Einkaufsstrassen und verkehrsfreie Passagen laden förmlich zum flanieren und Geldausgeben ein. Ich selbst bin ja nicht so der Shoppingtyp und selbst wenn ich etwas kaufen wollte, so liess der Gedanke, dass ich die Sachen dann noch 4'000 Kilometer im Gepäck mitführen muss, jede Kauflust vergehen.

Noch weiss ich nicht, ob ich morgen noch in Turin bleiben werde oder ob ich gleich weiter fahren werde. Der Wetterbericht ist endlich gut und nach den drei Flachetappen habe ich nun wirklich Lust auf Berge oder zumindest Hügel. Ich werde erst morgen entscheiden, wie es weitergeht. Das GPS sagt: 57 km., 3:20 Std., 180 Hm.

(6) piemontesische Hügellandschaft

Ein strahlend blauer Himmel begrüsste mich heute Morgen und so war rasch entschieden, dass ich lieber ein Stück weiterfahre und nicht in Turin die 150 Jahr Parade besuche.

Zuerst ging es wieder auf sehr schönen Wanderwegen entlang des Po´s, bis ich dann südwärts in Richtung der ersten piemontesischen Hügeln abzweigte. In einem kleinen Dorf war der Ortskern abgesperrt und ich wollte schauen, was da los ist. Plötzlich rauschten ein paar skurile Velo-Seifenkisten an mir vorbei und auf dem Hauptplatz sah ich dann, worum es ging. "3. Grand Prix Fomula uno con bici". Das Starterfeld bestand aus etwa 15 verschiedenen 4-rädrigen Liegevelos, die wie Formel 1 Autos verschalt und bemalt wurden. Lustig anzusehen. Es gab eine Boxengasse wie in der richtigen Formel 1 und da bereiteten sich diverse Fahrer auf Ergometern auf ihren Einsatz vor, oder ruhten sich aus und verpflegten sich. Jedes Team bestand aus vier Fahrern und diese wechselten sich nach ein paar Runden jeweils ab. Es herrschte ein buntes Treiben und versprühte echte Rennatmosphäre. Das war wirklich interessant und lustig anzusehen.

Mit der Ortschaft Mont D´Alba stand dann ein erster Hügel auf dem Programm. Mit etwa 200 Höhenmetern zwar nicht lang, dafür stellenweise steil und an der prallen Sonne. Das gab mir einen Vorgeschmack auf das, war ich (hoffentlich) auf meiner Reise noch öfters erleben werde. An die 30° Grad im Schatten (den es natürlich nicht gab), windstill und reflektierende Hitze von unten. Schon bald tropfte der Schweiss... Da es mittlerweile kurz nach zwölf Uhr mittags war und ich auch ein erstes Hüngerchen verspührte, steuerte ich direkt eine kleine Pizzeria an, wo ein paar Tische unter schattenspendenden Bäumen standen. Ich genehmigte mir eine feine Pizza, die mir den Treibstoff für den Nachmittag liefern sollte.

Auf der Weiterfahrt in Richtung Alba wurde die Landschaft zunehmend von Rebbergen dominiert. Alba ist bekannt, erstens für den weltbesten weissen Trüffel (alljährliches Trüffelfest Ende September) und für seinen vollmundigen Rotwein. Die lieblichen Hügel, mit ihren Hügeldörfern ist schön anzusehen und wenn man nicht gerade auf Hauptstrassen fährt, hat es zudem kaum Verkehr. So habe ich mir das vorgestellt und so ist Velofahren einfach sehr, sehr schön. Gegen drei Uhr mittags kam ich dann in Alba an und vor der alten Kirche im Zentrum nahm ich Platz vor einer Caffetteria und Gelateria. Mmm, lecker Eis essen und in die Sonne blinzeln, ja, so lässt sich leben!

Ich wusste, dass es zu meinem Tagesziel nicht mehr sehr weit war, deshalb liess ich mir Zeit und trank noch einen italienischen Espresso. Es folgten die letzten 15 Kilometer bis zur Cascina Sondrea, eine ehemaliges Bauerngehöft, welches von einem schweizer Paar liebevoll zu einem schönen Agriturismo umgebaut wurde. Meine Eltern waren schon mehrfach hier und gaben mit diesen Tipp mit auf den Weg.

Andi und Sonja sind sehr liebe Leute und die gesamte Anlage ist wirklich ganz wunderbar und liebevoll hergerichtet. Sie bieten nur wenige Zimmer an und der Ausdruck "Ruhe und Erholung" könnte hier erfunden worden sein. Beim Rundgang über das Anwesen stellte mich Andi einem Schweizer Paar aus Zug vor, welches hier eine Woche Ferien macht. Wir verstanden uns gleich auf Anhieb und so war rasch organisiert, dass wir abends gemeinsam Essen gehen. Sie haben bei ihrem letzten Besuch hier ein kleines Restaurant gefunden, wo die "Mama" ganz ursprüngliche piemontesische Gerichte anbietet. Dieser Abend hatte dann eine unglaubliche Qualität und wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Das kam so: Nach 19 Uhr fuhren wir mit dem Auto zwei Dörfer weiter und nach etwas suchen fanden wir das kleine und versteckte Lokal von Renzo und Antonietta. Beide um die 60 und ganz herzliche und liebenswürdige Menschen. Sie erinnerten sich sofort an Urs und Rita und begrüssten sie überschwänglich und so herzlich, dass man glaube könnte, sie gehören zur "Familia". Wir waren die einzigen Gäste. Renzo und Antonietta sprechen 10 Worte deutsch und wir drei insgesamt 30 Worte italiensich, was eine wunderbar lustige und lebhafte Konversation zur Folge hatte. Antonietta erzählte, dass sie extra heute frische Pasta von Hand gemacht hatte und dass Sie Renzo nach Alba schickte um etwas Fleisch einzukaufen. Sie versicherte sich, dass wir wirklich Hunger hatten und bat uns mehrmals möglichst kein Brot zu essen, da wir auch ohne ganz bestimmt satt würden. Wie Recht sie haben sollte... Ich versuche mich an die Menüabfolge zu erinnern.

  1. Zwei verschiedene lokale Salami mit etwas Brot und Rotwein des Nachbarn
  2. Artischocken- und Bohnensalat mit kaltem Hasenfleisch
  3. Eine Art russischen Salat (Ei, Mais, Erbsen, Kartoffeln und frische Gewürze)
  4. Hauchdünne, kalte Fleischstückchen mit Parmesan und Olivenöl
  5. Vitello Tonato (Kalbfleisch mit Thonpaste und Ruccola)
  6. Ganz dünne Nudeln mit Steinpilzen und Auberginen
  7. Hausgemachte Ravioli mit Basilikum
  8. Rindsbraten mit etwas angebratenen Zucchini
  9. Drei verschiedene Süssigkeiten (Schokoladenmousse, Mini-Tiramisu, Etwas Blätterteigartiges mit Honig)
  10. Kaffee mit Grappa und zum Schluss ein Kräuterschnaps zur Verdauung

Das war wirklich perfekte und ursprüngliche Küche, wie man sie kaum mehr kennt und kriegt. Nix mit Convenience-Food! Es war alles frisch, von Hand gemacht und mit Liebe zubereitet. Wirklich einzigartig (auch der Preis... 30 Euro für Alles).

Vielen, vielen Dank an Urs und Rita, dass sie mich so spontan mitgenommen haben und mir diesen wunderschönen Abend ermöglichten! Kurz vor Mitternacht waren wir dann wieder zurück und fielen satt und müde ins Bett. Was für ein schöner Tag! Das GPS sagt: 92 km., 6:11 Std., 630 Hm.