längster Tag mit der Rikscha

Dieses Wochenende findet in Zürich das "Züri-Fäscht" statt und deshalb war klar, dass ich nach dem normalen Arbeitstag mit vorgebuchten Rundfahrten noch lange in der Stadt sein werde um Festbesucher mit Taxi-Fahrten vom Festgelände wegzubringen.

Natürlich ist es ein unglaubliches Gewusel, wenn sich 250'000 Menschen im Kernbereich und am Seebecken aufhalten und da muss man schon ziemlich aufpassen, dass man niemanden touchiert oder sonstwie in gefährliche Situationen gerät. Und auch klar, je später die Nacht, desto mehr Glasscherben gibt es auf den Strassen und das Risiko für einen Plattfuss steigt stetig.

Ich postierte mich in der Nähe des Paradeplatzes und musste jeweils nicht lange warten, bis ich Gäste fand. Es hilft natürlich, wenn keine Trams fahren... sehr gut. So muss es sein!

Morgens um vier Uhr war ich dann ziemlich erschöpft und die zunehmend betrunkeneren Fahrgäste mochte ich auch nicht mehr länger ertragen. Ich war nun an die 17 Stunden in der Stadt und der Tacho zeigte über 100 Kilometer. So weit bin ich mit der Rikscha an einem einzigen Tag noch gar nie gefahren. Das ist der absolute Rekord und wird der wird wohl sehr lange Bestand haben...

(58) Der Kreis schliesst sich

Bilder im Fotoalbum (Nr. 968-979)

Um sieben Uhr machte ich mich auf den Weg zum Frühstücksbuffet und traf dort auf eine grössere Gruppe Reisender, die schon fleissig am Teller füllen waren. Ich staune, dass die alle schon so früh raus müssen, doch pünktlich um acht Uhr fährt ein Reisebus vor und ein paar Minuten später sind alle schon weg. Nächster Halt nur fünf Minuten später: Via Mala Schlucht

Ich brauche eine Viertelstunde länger bis ich abfahrbereit war. Die noch nie gebrauchten Knielinge mussten jetzt her. Und eine Jacke. Draussen hängen noch letzte Wolken in den Bergen, doch es zeichnet sich ein schöner Tagesverlauf ab. Temperatur: 13 Grad. Brrr... Da bin ich mich wahrlich anderes gewohnt.

Die warmen Sachen waren richtig, denn die ersten 27 Kilometer bis nach Chur geht es oft leicht bergab und auf der schnellen Hauptstrasse fühlen sich 13 Grad schnell kalt und ungemütlich an. Deshalb machte ich in Chur auch keine Pause, sondern fuhr noch etwa 15 Kilometer bis Landquart weiter. Dort fuhr ich zum Bahnhof und verpflegte mich vor dem avec-Shop. Ich kaufte ein Sandwich aus dunklem Brot und Gruyerekäse, einem Salatblatt und einer Scheibe Tomate. Dazu einen Latte Macchiato zum sofort trinken und einen Erdbeermilchshake um alles runterzuspülen. Alles mir gewohnte Produkte, die ich ohne langes Suchen fand.

Von Landquart fuhr ich via Bad Ragaz, Sargans und Flums nach Walenstadt am östlichen Ende des Walensees. Dort kaufte ich an einem Kiosk eine weitere Zwischenmahlzeit und fuhr dann de super schönen Radweg dem Seeufer entlang bis nach Weesen. Dort setzte ich mich auf eine schöne Aussichtsbank und überblickte die Lage. Ich hatte jetzt 76 Kilometer auf dem Tacho. Und schätzte die Distanz bis nach Zürich noch einmal so lange ein. Plus 20 Kilometer bis nach Hause, macht an die 170 Kilometer Gesamtdistanz. Soweit bin ich bisher noch nie an nur einem Tag gefahren.

Aber: Ich komme nach etwa 50 verschiedenen Hotelbetten endlich wieder einmal ins EIGENE (Wasserbett). Es gibt da auch eine grosse Dusche, aus der richtig viel und gleichmässig warmes Wasser kommt. Und ich kann Karin und mir endlich wieder einmal etwas Leckeres kochen und dann können wir genau das essen, was wir wollen, respektive wonach ich mich am meisten sehne.

Das sind starke Argumente! Und zudem: So ist morgen ganz sicher ein Ruhetag! Na klar! Ich rufe Karin an und sage ihr, dass ich noch heute Abend nach Hause komme, was sie auch sehr freut. Das Wetter wird immer besser und es wird langsam auch immer wärmer.

Ich genoss die Fahrt durch die Linthebene und dem Zürichsee entlang, wo ich von diesem satten Grün der Landschaft schon fast geblendet wurde. Immer wieder Pützen. Hier muss es in den letzten 8 Wochen viel häufiger geregnet haben als ich Regen gesehen habe. Ich dachte nach... An insgesamt 5 Tagen gebrauchte ich die Regenjacke. An den übrigen 53 Tagen war es immer trocken. Wahrlich, Petrus war mir immer wohlgesinnt! Und auch heute! Ich sagte ja, ich bringe das gute Wetter mit und heute wurde es auch wirklich immer schöner.

Nach Zürich fuhr ich deshalb, weil ich auf der Quaibrücke ein Foto mit dem beladenen Kish und mir vor der Kulisse der Stadt haben wollte. Dort schloss sich der Kreis. Am Tag 1 fotografierte ich da die grosse Metallspinne, die in der Zwischenzeit wieder abgebaut wurde, und fuhr von da entlang des linken Seeufers in Richtung Süden. Und heute, am Tag 58, komme ich von der rechten Seeseite wieder zurück. Etwa 5´600 Kilometer liegen dazwischen. Eine ziemlich weite Runde um den Zürichsee...

Ich hatte es geschafft! Die Stunde Velofahrt von Zürich bis nach Hause war ein innerlicher Triumphzug! Hier bin ich zu Hause, hier gehöre ich auch hin! Radreisen, das kann ich jetzt... Rein physisch könnte ich noch wochenlang weiterfahren, das habe ich nun wirklich gelernt. Radfahren, essen/trinken und schlafen, das waren in den letzten 58 Tagen meine Hauptbeschäftigungen und das kann ich nun.

Im Kopf hatte ich Ferien, "tourist, per sempre!". Natürlich habe ich in den zwei Monaten viele neue Eindrücke gesammelt und man wird jetzt sehen, ob ich etwas Schlaues damit anfangen kann. An einem schönen Waldrand machte ich im Abendlicht dann noch eine Art Schlussfotos, bevor ich definitv nach Hause rollte. Ein schöner, langer Tag war´s! Das GPS sagt: 173 km., 7:38 Std., 530 Hm.

(57) Arrivederci bella Italia

Bilder im Fotoalbum (Nr. 944-969)

Strahlend blauer Himmel begrüsste mich für meine heutige Velotour in Richtung Berge. Ich folgte dem Ostufer des Comersees auf seiner ganzen Länge und geniesse immer wieder tolle Aussicht auf die gegenüberliegende Seeseite und die dahinterliegenden Berge. Nach dem Comersee folgt der kleine Lago di Mezzola und danach beginnt die Strasse bis nach Chiavenna leicht anzusteigen, wo ich ziemlich genau um zwölf Uhr nachmittags eintraf. Es war noch immer sehr schön und 25 Grad warm.

Ideal um am Nachmittag, nach einer feinen Portion Spagetti Carbonara, den Anstieg zum Splügenpass in Angriff zu nehmen. Gleich am Ortsausgang von Chiavenna wird klar, wie das Streckenprofil der nächsten drei Stunden aussieht, denn es geht gleichmässig und stetig nach oben. Ich fühlte mich gut und lernte in den letzten Wochen ziemlich konsequent nach Puls zu fahren. So entscheide ich mich Puls 140 als Obergrenze zu wählen und deshalb kommt auch das kleine Kettenblatt häufig zum Einsatz. Zudem mache ich alle 300 Höhenmeter eine kurze Pause, wo ich etwas esse und trinke. So klappte das ganz gut.

Bei Madesimo wollte ich entscheiden, ob ich dort ein Hotel suche oder ob ich ganz über den Splügen fahre. Madesimo liegt auf etwa 1´750 Meter über Meer und da ich mich noch immer fit fühlte, fuhr ich an der entsprechenden Abzweigung vorbei. Mein neues Ziel war nun das von Andre vor zwei Tagen empfohlene Hotel Weiss Kreuz in Thusis.

Je höher ich kam, desto stärker wurde der Wind, welcher von Norden über die Berge trieb und so musste ich auf den letzten 200 Höhenmetern doch ziemlich beissen. Auf über 2´100 Metern über Meer war es dann ziemlich kalt und deshalb musste ich für die Abfahrt eine Jacke hervorkramen, die ich nun fast zwei Monate nicht gebraucht hatte.

Die vielen Serpentinen bis runter nach Splügen machten richtig Spass und so freute ich mich auf die letzten Kilometer bis nach Thusis. Die Freude währte aber nicht lange, denn schon kurz nach Splügen kam ich in einen heftigen Regenschauer. Das gibt es doch nicht! Da fahre ich bei Regen aus der Schweiz, sehe in über sieben Wochen nur einmal eine Stunde Regen und kaum kehre ich in die Schweiz zurück, fahre ich wieder in den Regen. Dabei wollte ich doch die Sonne mitnehmen...

Doch auch dieser Regen war auch nur von kurzer Dauer und anfangs der Via Mala Schlucht war alles schon wieder vorbei. Gerade richtig um nicht tropfend nass das schöne Hotel WEISS KREUZ zu betreten. Leider war der Chef nicht anwesend, so konnte ich keine Grüsse ausrichten, doch seine Mitarbeiter bereiteten mir einen schönen Abend mit einem leckeren Vier Gänge Menü. So konnte ich diesen erlebnisreichen Tag wunderbar abschliessen. Das GPS sagt : 137 km., 7 :44 Std., 2´120 Hm.

(56) via Bergamo an den Comersee

Bilder im Fotoalbum (Nr. 924 - 943)

Ich wachte kurz vor sieben Uhr auf und machte mich gleich ans Frühstücksbuffet. Ich wollte zeitig losfahren, damit ich die Poebene noch möglichst ohne Wind hinter mich bringen konnte. Bis Bergamo waren es noch etwa 70 Kilometer und das wollte ich bis zum Mittag packen.

Soweit lief alles problemlos, bis ich etwa 30 Kilometer vor Bergamo durch das 2´437ste Schlagloch meiner Sommerreise durch Italien holperte und ein leichter Knall am Hinterrad zu hören war. Ich dachte an einen Plattfuss und schaute nach hinten unten. Die Luft war noch drin, doch das Rad eierte ziemlich. Sah verdächtig nach Speichenbruch aus. Als ich anhielt und nachschaute fand ich tatsächlich eine lose Speiche, doch nicht die Speiche an sich war gebrochen, sondern der Speichennippel war in zwei Stücke zerfallen.

Wie auch immer. Ich musste anhalten und die Sache reparieren. Als ich das Rad ausbaute, den Reifen samt Schlauch entfernte und das Felgenband aus der Felge hob, sah ich auch den Grund des Nippelbruchs. Die Felge ist auf der Innenseite auf etwa der halben Radlänge eingerissen. Das sieht ziemlich unschön aus (siehe Foto im Album). Gründe dafür kann es einige geben. Erstens bin ich die Räder nun bestimmt schon über 10´000 Kilometer gefahren. Zweitens ist das Gewicht auf meiner Reise sehr einseitig verteilt. Ich schätze, dass etwa 100 Kilo auf dem Hinterrad liegen und nur etwa 25 Kilo auf dem Vorderrad. Drittens fahre ich für die schmale Felge eher breite Reifen und die noch ziemlich prall gepumpt und viertens könnte auch die Speichenspannung etwas hoch gewesen sein.

Immerhin musste ich die Speiche nicht wechseln sondern konnte einfach einen neuen Nippel (von einer Notspeiche) einsetzen. Ich entschied mich zudem, alle Speichen um eine Viertelumdrehung zu lockern und zentrierte dann das Rad so gut ich konnte. Nachdem ich Schlauch und Reifen wieder montierte, pumpte ich zwar voll, doch nicht so hart wie zuvor. Zum Schluss richtete ich ein kurzes Stossgebet gen Himmel, dass das Rad die noch knapp 400 Kilometer bis nach Hause halten möge. Dann darf es in alle Einzelteile zerfallen.

Natürlich hatte ich danach ein leicht ungutes Gefühl und jedesmal, wenn es wieder kräftig holperte dachte ich an weiteren Schaden. Doch hey, think positive! Löcher am rechten Strassenrand gehören zu Italien wie Rotwein und Pizza und wenn das Rad nun über 5´000 Kilometer gehalten hat, wird es die restlichen paar Tage auch noch überstehen.

Kurz nach ein Uhr Mittag kam ich dann nach Bergamo und gönnte mir in einem Restaurant eine feine Portion Pasta. Danach fuhr ich in das alte Ortszentrum, welches auf einem kleinen Hügel liegt. Für Touristen stehen zwei Standseilbahnen zur Verfügung, die von der neuen Stadt in die alte Stadt hochführen. Radfahrer dürfen natürlich selbst hochfahren und auch im ganzen Altstadtbereich ist Velofahren erlaubt. Ich habe dort ein paar schöne Fotos gemacht.

Danach folgte ich etwa 30 Kilometer der Hauptstrasse bis nach Lecco, an das untere Ende des Comersees. Diese 30 Kilometer waren aber ziemlich harzig, weil es sehr viel Verkehr und immer wieder Lichtignale hatte, die zum anhalten zwangen. Mir ist dabei ein deutsches Wohnmobil aufgefallen, welches mich ausgangs Bergamo erstmals überholte und hinter dem ich den Ortseingang von Lecco passierte. Dazwischen hat mich dieses Wohnmobil bestimmt zehnmal überholt und an irgendeinem Lichtsignal fuhr ich seitlich wieder nach vorne. Im Auto ging es also kein bisschen schneller vorwärts.

In Lecco fackelte ich nicht lange und bezog ein Zimmer im erstbesten Hotel, welches ich sah. Leider verdichtete sich die Bewölkung im Laufe des Nachmittags und so fielen auf meinem Abendspaziergang durch Lecco dann tatsächlich ein paar scheue Regentropfen. Nach dem Spaziergang ging ich fein essen und als ich aus dem Restaurant kam, war der Himmel schon wieder mehrheitlich blau und machte einen bedeutend besseren Eindruck. Ich hoffe doch, dass mein bisheriges Wetterglück auch in den nächsten Tagen anhält. Das GPS sagt: 121 km., 5:40 Std., 240 Hm.

(55) arschflach = die Poebene

Bilder im Fotoalbum (Nr. 916 - 923)

Eigentlich war der heutige Tag langweilig, denn ich fuhr einfach sieben Stunden durch flaches Land. Fläche kann man nicht fotografieren und es bietet auch dem Auge wenig interessante Anhaltspunkte. Zudem sind die Strassen häufig schnurgerade und so strampelt man einfach stundenlang vor sich hin, wie der Hamster im Rad.

Ich merkte sehr rasch, dass ich nicht mit Puls 135 durch die Gegend pedalen kann, sonst fahre ich mich in drei oder vier Stunden so leer, dass nichts mehr geht. Deshalb hiess es Druck vom Pedal nehmen und immer schön nach Pulsuhr fahren. Während meinen nun fast acht Wochen lag der Pulsdurchschnitt der schönsten Tage so zwischen 113 und 118. Über 120 war richtig anstrengend und das büsste ich meist an den Folgetagen.

In hügeligem Gelände kann man ruhig mal Puls 150 fahren, denn bergrunter geht der Puls auch wieder unter 100 und man kann sich dabei etwas erholen. Wenn es aber immer nur flach vorwärts geht, bleibt der Puls konstant und eigentliche Erholungsphasen gibt es einfach nicht. Deshalb nahm ich mir vor, maximal einen Puls von 120 zu fahren. Steigt er höher, schalte ich runter.

Ich hatte stundenlang Zeit für irgendwelche Spielchen wie zum Beispiel: Wie lange kann ich genau Puls 115 halten oder, wie lange kann ich genau auf der weissen Seitenlinie fahren oder ich rechnete aus, wie viele Kurbelumdrehungen ich pro Minute, Stunde oder 100 Kilometer denn so mache. Oder ich versuchte einfach einmal nichts zu denken, was natürlich nicht geht...

Die Landschaft war auf der ganzen Strecke gleich. Landwirtschaft und Schweinemast. Von der Landwirtschaft sieht man derzeit eigentlich nur noch die Maisfelder, denn alles andere ist bereits abgemäht. Natürlich gibt es auch Birnen- und Äpfelkulturen, doch nur sehr wenige. Keine Reben und keine Olivenbäume. Die Schweinemast riecht man jeweils schon von weit her. Hier werden alle die Parma-Schinken gezüchtet und leider sieht man keine Schweine in der Natur, alle werden in grossen Ställen gemästet. Kühe oder Schafe habe ich überhaupt nicht gesehen.

Mittags machte ich im kleinen Ort "Guastalla" einen richtigen Verpflegungshalt in einem feinen Restaurant. Nach Schinken und Melone zur Vorspeise, genehmigte ich mir eine grosse Portion Ravioli, gefüllt mit Basilikum und Ricotta, an einer kalorienreichen Buttersauce. Das gab mir dann die nötige Kraft für die vielen Kilometer, die am Nachmittag noch folgten.

Schon bald entschied ich nämlich, dass ich bis "Cremona" durchfahren will, denn alle flachen Kilometer die ich heute fahre, brauche ich morgen nicht mehr zu fahren. Und mit Puls 115 könnte man tagelang fahren, das ist nicht das Problem. Zum Problem wird höchstens, dass man irgendwann kaum noch gut sitzen kann und auch die Hände, die Handgelenke und der Nacken würden sich mehr Abwechslung in der Position wünschen. Doch Wiegetritt in der Fläche geht kaum ohne dass der Puls hoch geht. Also fuhr ich zwischendurch kilometerlang freihändig und lockerte dabei etwas die Hände und den Nacken.

Abends gegen fünf Uhr war ich dann in "Cremona", der Stadt in der Stradivari seine weltberühmten und wohl unerreichten Geigen baute. Gleich am Stradivariplatz sah ich ein schönes Viersternhotel und für die vielen Kilometer wollte ich mich mit einem schönen Hotelzimmer belohnen. Die gute Frau an der Reception liess dann auch noch etwas über den Preis handeln und so wurden wir uns einig.

Nach der Dusche machte ich dann meinen obligaten Spaziergang durch den Ort, kaufte etwas Milchprodukte ein und ass danach fein Pizza. Morgen möchte ich bis an das untere Ende des Comersees fahren, was eigentlich möglich sein sollte. Ich will diese flache Gegend einfach hinter mich bringen und freue mich schon jetzt auf Berge und Seen. Das GPS sagt: 165 km., 7:09 Std., 80 Hm.

(54) quer über den Apennin

Bilder im Fotoalbum (Nr. 895 - 915)

Heute war ich gleich zur Eröffnung des Frühstücksbuffets anwesend um möglichst zeitig aufs Rad zu kommen. Bei der Abrechnung des Hotels musste ich etwas schmunzeln, als ich 2x 2 Euro für die Bike-Garage aufgelistet sah. Egal, bei 45 Euro pro Nacht ist das noch verschmerzbar.

Es war wieder sonnig und ein warmer bis heisser Tag stand bevor. Es konnte also nicht schaden, den Morgen gut zu nutzen. So quasi beim Ortsausgang von Florenz beginnt die Strasse ein erstes Mal anzusteigen und man hat immer wieder schöne Ausblicke nach Florenz, welches wie in einem Talkessel liegt. Der kleine Ort "Montorsoli" ist der höchste Punkt mit etwa 450 Metern über Meer, bevor es dann wieder auf etwa 150 Meter runter geht. In der Abfahrt machte ich in einer kleinen Bar eine erste Pause und trank wie gewöhnlich einen zweiten Morgen-Cappuccino.

Kurz vor "Barberino di Mugello" kam ich an einem grossen und verzweigten Stausse vorbei, wo auch einige Badestrände mit Boots- und Pedaloverleih zu sehen waren. In Kombination mit den Apenninbergen im Hintergrund sah das echt gut aus. Danach begann der Aufstieg zum Futa-Pass, über den ich am 15. Tag bereits gefahren bin. Damals von West nach Ost, heute kam ich aus dem Süden und wollte nach Norden. Das ist schon fast sechs Wochen her...

Vom Futapass geht es dann wellig bis zum zweiten Pass des Tages, dem "Passo della Raticosa", der nur wenig höher ist. Es besteht überdies kein Zweifel, dass es ein Samstag oder Sonntag sein muss, denn über diese beiden Pässe fahren heute dutzende, wenn nicht hunderte von Motorradfahrern. Viele in voller Rennmontur, mit offenen Auspuffanlagen, dass wohl viele mit Gehörschutz fahren müssen, sonst wären sie abends taub. Manchmal habe ich fast etwas Angst, dass mich eine dieser Raketen abschiesst.

Auf dem "Passo della Raticosa" checke ich das GPS. Bis Bologna fehlen noch knapp 50 Kilometer und 600 Höhenmeter. Weit und breit ist keine höhere Erhebung zu sehen. Woher sollen nun noch die 600 Höhenmeter kommen? Es steigt die Befürchtung auf, dass es wieder so wellig wird wie vor zwei Tagen, zwischen "San Gimignano" und "Florenz". Deshalb beginne ich die Abfahrt vorsichtig und bei der kleinsten Gegensteigung schalte ich runter und halte den Puls konsequent unter 140 Schlägen pro Minute. Wenn ich in sieben Tagen nach Hause will, darf ich mich nicht gleich am ersten Tag überanstrengen.

Meine Vorsicht ist zwar richtig, doch unbegründet. Es folgen nämlich keine wirklichen Steigungen mehr, sondern es geht schön gleichmässig und gemächlich bergrunter, bis man Bologna auf etwa 30 Metern über Meer erreicht. Sehr schön. Da hat sich GPSies.com bei der Berechnung der Höhenmeter etwas vertan. Doch lieber so, als andersherum.

Weil ich nie lange Pausen gemacht habe, treffe ich schon kurz nach drei Uhr mittags im Standzentrum von Bologna ein. Das ist "tote-Hose-Zeit". Die Einkaufsgeschäfte sind bis vier Uhr geschlossen und deshalb sind die Strassen wie leergefegt, was ich doch sehr schätze. Ich bin zudem froh, dass ich meine GPS-Route bis direkt vor das vorreservierte Hotel "Il Guercino" gezeichnet habe, denn sonst hätte ich das garantiert nicht gefunden. Bologna ist eine völlig flache Stadt, ohne See und ohne Fluss. In der Innenstadt sind alle Häuser vier- oder fünfstöckig und für Fremde wie mich, sieht fast alles gleich aus. Ich dankte mir meinen gestrigen Planungsaufwand.

Nach dem Zimmerbezug hatte ich noch genügend Zeit um etwas durch Bologna zu bummeln und mir einen kleinen Eindruck zu verschaffen. Ähnlich wie in Turin gibt es hier sehr viele Arkadengänge. So kann man im Sommer schön im Schatten schaufensterln und ist bei Regen geschützt. Bologna scheint in Sachen Mode auch ein Zentrum zu sein, denn ich habe noch selten so viele Kleidergeschäfte gesehen. Schade ist halt einfach, dass auch hier die Grossfirmen-Monokultur Einzug hält. Wie in jeder Grossstadt Europas gibt es hier Mc Donnalds, H+M, Zara, Swatch, Foot Lockers und all den übrigen Mainstream-Kram. In Zukunft braucht man nicht mehr in andere Städte zu reisen, denn da gibt es nichts, was es in der nächstgelegenen Grossstadt nicht auch gibt.

An sich hat aber Bologna schon noch Charme. Die alten Bauwerke bestehen fast alle aus roten Ziegelsteinen und sind nur ganz wenig geschmückt. Es ist bei weitem nicht so pompös wie Florenz aber doch irgendwie charmant. Derzeit kriegt man etwas den Eindruck dass alles renoviert wird, denn an vielen historischen Bauten stehen Baugerüste und Abschrankungen.

Den heutigen Tag habe ich sehr genossen. Die Überquerung des Apennin war sehr schön und hat mir landschaftlich wieder ausgezeichnet gefallen. Die nächsten zwei Tage führen mich durch die Poebene und das wird dann ein ganz anderes Thema. Ich wünsche mir einfach einmal: "Wenig Gegenwind!" Das GPS sagt: 115 km., 5:33 Std., 1´500 Hm.

(52) touristische Toskana

Der heutige Tag begann so gut wie der gestrige geendet hat, nämlich mit einem feinen Essen im Agriturismo. Weil es erst ab halb neun Uhr Frühstück gab, dauerte es etwas bis ich in den Sattel kam. Ah ja, noch was zum Agriturismo. Für alles, was ich seit meiner Ankunft gestern Abend konsumierte, inklusive Übernachtung, musste ich total nur 65 Euro bezahlen. Das war echt super und ehrlich gesagt hätte ich für dieses tolle Erlebnis ohne zu zucken auch mehr bezahlt.

Die heutige Strecke führte vom Start auf 350 Metern über Meer erst einmal runter auf etwa 60 Meter um kurz danach bis ins Ortszentrum von "Volterra" wieder auf 450 Meter über Meer anzusteigen. Heute war es zudem richtig warm um nicht zu sagen heiss. "Volterra" hat eine schöne Altstadt und wird von vielen Touristen angefahren.

Das ist aber noch gar nichts im Vergleich zu "San Gimignano" welches nach ein paar Hügeln, etwa 27 Kilometer später folgt. Auf den Anfahrtsstrassen sind 8 von 10 Autos ausländischer Herkunft und vor den grossen Parkplätzen staute sich um die Mittagszeit der Verkehr. Da hat man dann als Velofahrer die Vorteile auf seiner Seite, denn man kann direkt ins Zentrum des Geschehens vordringen. San Gimignano ist bekannt für die vielen hohen Türme, die im Mittelalter von verschiedenen Familien als Zeichen ihres Reichtums gebaut wurden.

Der Altstadtbereich ist vollständig verkehrsfrei und tausende Touristen bescheren den Läden gute Umsätze. Da ich Hunger hatte und noch kaum die Hälfte meiner heutigen Strecke gefahren war dachte ich, dass es eine gute Idee sei, nun etwas zu essen. Die Idee war auch gut, nur waren die Preise doppelt so hoh, wie ich es mir gewohnt war. Na ja, Davos ist auch teurer als Landquart...

Auch wenn ich diesen Touristenrummel nicht wirklich mag so muss ich doch sagen, dass San Gimignano wirklich sehr, sehr schön ist. Fast unwirklich schön. Ähnlich, wie ich letztes Jahr Venedig empfand. Man kriegt fast den Eindruck, als sei das alles nur für die Touristen gebaut worden und alle Shop- und Restaurantbetreiber seien Angestellte einer Freizeitpark-AG.

Als ich gegen halb zwei Uhr mittags losfuhr, war es dann richtig heiss und ich lernte die Toskana nocheinmal von der hügeligen Seite kennen. Es war ein stetes auf und ab, zwar nie mehr als etwa 200 Höhenmeter, doch mehrere solche Hügel hintereinander zerren doch ganz schön an den Beinen. Der Abstand zwischen meinen Coca-Cola-Pausen wurde immer kürzer und ich sehnte mir Florenz richtig herbei.

Zum Glück liegt Florenz nur etwa 20 Meter über Meer und so war ich froh, dass wenigstens die letzten zehn Kilometer ziemlich flach waren. Karin hatte mir gestern per Internet ein Zimmer reserviert und trotz hartnäckigem Suchen konnte ich das Hotel Bodoni nicht finden. Ich nutzte dann die modernen Kommunikationsmittel, rief Karin an, welche am PC den Stadtplan vor sich hatte und liess mich von ihr durch die Strassen navigieren. Velofahren und gleichzeitig telefonieren ist hier völlig normal und so kam ich mir schon fast etwas italienisch vor...

Das Hotel Bodoni ist ein klassisches Stadthotel. In einem grossen Stadthaus belegt es die obersten zwei Etagen, weshalb es von der Strasse her auch kaum ersichtlich ist. Ich habe da ein relativ kleines Zimmer, doch es soll ein grosses Frühstücksbuffet geben, dazu bietet es eine grosse Dachterrasse und WLAN-Internet auch im Zimmer. Für 45 Euro pro Nacht kann man durchaus nicht meckern. Mein Velo konnte ich auch in einen abschliessbaren Kellerraum stellen. Soweit ist also alles gut.

Der erlebnisreiche und heisse Tag, in Kombination mit den über 110 Kilometern hat mich müde gemacht. Zudem bin ich jetzt ja so quasi am Ziel. Fast einen Monat zu früh, doch ich bin wirklich bis nach Florenz gekommen. Nach 52 Tagen und 4´970 Kilometern. Ohne eine Panne, ohne grössere Probleme, es lief wirklich alles wie am Schnürchen. Doch war jetzt?

Ich fühlte mich nur noch leer. So leer wie das GPS, auf dem es nun keine Routen mehr gibt, die ich noch abfahren könnte oder müsste. Ich bin zwar da, doch weil Karin ja noch in der Schweiz ist, blieb die Freude des Wiedersehens aus. Ich war einfach nur müde...

Deshalb entschloss ich mich, das Hotel für zwei Nächte zu buchen. So kann ich mich morgen etwas erholen, etwas die Stadt ansehen und die Reststrecke bis nach Haus planen. Das GPS sagt: 112 km., 6:01 Std., 1´810 Hm.

(51) Ein letzter Abstecher ans Meer

Bilder im Fotoalbum (Nr. 830 - 855)

Heute gab es bereits ab sieben Uhr ein gutes Frühstücksbuffet und so war ich schon kurz nach acht Uhr startklar. Geplant war mein letzter Abstecher an die Mittelmeerküste und danach die Fahrt nach "Massa Marittima". Je nach Zeit und Lust würde ich entweder da ein Hotel suchen oder noch etwas weiterfahren.

Die Fahrt an die Küste, nach "Castiglione della Pescaia" war einfach, sehr flach und vermutlich vom Rückenwind begünstigt, denn für die etwa 45 Kilometer brauchte ich kaum zwei Stunden. An der Küste war dann schon einiges los und wie geplant machte ich einen ersten Verpflegungshalt in einer schönen Bar, direkt am Strand. Hier spricht man deutsch, denn die Autos haben vorwiegend Nummernschilder aus Deutschland, Holland und der Schweiz.

Während des Kaffeetrinkens überprüfte ich meine Route am GPS und stellte fest, dass ich wieder einmal einen nur gepunkteten Weg der Küste entlang bis nach "Punta Ala" eingeplant hatte und da am Strand feinster Sand lag, liess ich diese Variante aus. Es hatte sowieso nur wenig Verkehr, so folgte ich lieber der breiten Hauptstrasse bis nach "Puntone", welches nur noch fünf Kilometer von der grösseren Ortschaft "Follonica" entfernt ist.

Von da ging es weiterhin flach ins Landesinnere, wo es ab "Gavorrano" dann langsam anzusteigen begann, bis ich "Massa Marittima" auf 350 Metern über Meer erreichte. Früh losfahren, wenige Pausen und wenige Höhenmeter bedeuten, dass man früh am Ziel ankommt. Es war gerade halb ein Uhr mittags, ideal um auf der Hauptpiazza eine Portion Spagetti zu essen. In Massa Marittima findet ab heute, bis und mit Sonntag, ein Freilicht-Opernfestival statt, weshalb die ganze Piazza bestuhlt war und gerade die Bühne aufgebaut wurde. Es hatte dementsprechend viele Leute und im Touristen-Informationsbüro wurde mir dann auch gesagt, dass alle Hotels ausgebucht seien. Es hiess also weiterfahren.

Zuerst ging es etwa 100 Höhenmeter runter, bevor die Strasse kontinuierlich anzusteigen begann. Die Hügel werden grösser und sind alle fast vollständig bewaldet. So bot die Fahrt zwar viel Schatten, doch auch nur wenig Aussicht. Auf etwa 650 Metern über Meer war dann ein erster Höhepunkt erreicht und ich freute mich schon auf eine schöne Abfahrt, was dann jedoch einer Täuschung entsprach. Die Strasse führte nämlich von Hügel zu Hügel, das heisst, es ging immer wieder etwas runter und dann wieder etwas hoch. Nicht viel, doch stetig und das zerrt dann schon etwas an den Muskeln, die mittlerweile ja auch nicht mehr ganz frisch waren. So machte ich mal mitten im Wald eine Pause und ass etwas halbflüssige Schokolade aus der Seitentasche um mich wieder aufzuzuckern. Das tut auch der Seele gut.

Bei "Larderello" traute ich dann kaum meinen Augen. Ich zählte acht grosse Kühltürme, die ziemlich nach Atomkraftwerken aussahen. Ich machte davon ein Foto und SMS´te es Marcello, der im Vorfeld meiner Tour gesagt hatte, dass Italien keine Atomkraftwerke betreibe. Er überprüfte die Sache im Internet und schrieb mir zurück, dass es sich hier um eines der grössten Wärmekraftwerke Europas handle und dass Italien nach dem Unglück in Tschernobyl in einer Volksabstimmung 1990 den Ausstieg aus der Atomenergie beschloss. Interessant.

Die 100 Kilometermarke lag schon einiges hinter mir und ich wollte mir in einem der folgenden Orte ein Hotel suchen. Der Ort "Pomarance" (lustiger Name), schien mir dazu geeignet. Bei einem Coca-Cola-Halt auf dem Hauptplatz sah ich, dass gleich auf der gegenüberliegenden Seite die Touristeninformation ihr Büro hat. Ausgezeichnet. Nachdem ich leergetrunken und bezahlt hatte, betrat ich das Büro und fragte nach einem Hotelzimmer. Zu Beginn sah es nicht gut aus. Es gibt nur zwei Hotels im Ort, wobei eines Anfang des Jahres geschlossen wurde. Nach einem Telefonanruf beim Übriggebliebenen stellte sich heraus, dass es ausgebucht war.

Zum Glück war die nette Frau ziemlich ehrgeizig und begann Agriturismo-Angebote in der nahen Umgebung abzutelefonieren. Beim dritten Anruf klappte es dann. Sie reservierte mir ein Zimmer im wirklich sehr schönen Haus "Bella Vista".Wie man es sich wünscht, wird das Haus von einer äusserst liebenswerten, vollschlanken Mamma betrieben, welche sich mir sehr nett vorstellte und mir ein wirklich schönes Zimmer inklusive Frühstück für 45 Euro anbot. Aus der Küche duftete es schon sehr gut und ich war froh, dass mich mich auch fragte, ob ich hier zu Abend essen wolle. "Ja, sehr gerne!"

Nun sitze ich auf der sonnigen Aussichtsterrasse, geniesse den Abend bei einem feinen Bierchen und freue mich auf das kommende Essen. Ein weiterer, sehr schöner Tag neigt sich dem Ende zu. Das GPS sagt: 120 km., 5:50 Std., 1´310 Hm.

(50) Vom Latium in die Toskana

Bilder im Fotoalbum (Nr. 809 - 829)

Nachdem gestern Abend noch ein heftiges Gewitter niederging, war heute Morgen wieder strahlend blauer Himmel und auch die Temperatur lag schon kurz um halb neun Uhr auf über 25° Grad. Ich hatte viel vor, denn wenn ich wie geplant bis nach "Grosseto" kommen will, wird es deutlich über 100 Kilometer geben.

Zuerst fuhr ich über einen Hügel nach "Pitigliano", einer wunderbar schönen alten Stadt, die auf einem grossen Tuffsteinfels erbaut wurde. Als ich vor zwei Jahren mit Karin da war, war es über 35° Grad heiss. Als ich heute Morgen um zehn Uhr da eintraf, zeigte ein Schild vor einer Apotheke 27° Grad, was doch viel angenehmer ist. Um diese Uhrzeit hatte es auch noch sehr wenige Touristen und ich genoss in aller Ruhe etwas Süssgebäck und einen Cappuccino vor einer schönen Caffetteria.

Auf dem nächsten Hügel, nur etwa sieben Kilometer weiter folgt schon der nächste Märchenort, nämlich "Sovana". Ein kleiner Weiler, von höchstens fünfzig Häusern, ebenfalls von den Etruskern erbaut und ganz liebevoll restauriert.

Schon von Bolsena weg zeigen immer wieder Wegweiser die Richtung nach "Saturnia" an, wo eine natürliche Thermalquelle 37° Grad warmes, leicht schwefelhaltiges Wasser an die Oberfläche spült, welches über eine Reihe von Badewannen (Sinterbecken) etwa 20 Meter weit nach unten führt. Man kann da kostenlos baden, was natürlich von Vielen auch genutzt wird. Das habe ich mir natürlich von Nahe angesehen und dabei auch den ultimativen Schönheitstipp entdeckt. Kurz nach den Sinterbecken fliesst das Wasser wie ein normaler Bach weiter und an dessen Ufer lagert sich ziemlich schwarzer Schlamm ab. Diesen Schlamm reibt man sich am ganzen Körper ein, sitzt auf einen Stein in der Sonne und lässt den Schlamm trocknen. Danach setzt man sich in eine der Badewannen und wäscht sich das natürliche Peeling wieder ab. Und wie gesagt, alles gratis. Wo gibt es denn noch sowas?

Kurz nach diesem Naturschauspiel traf ich am Strassenrand zwei junge Schweizerinnen, die mit dem Velo auf dem Weg nach Siena waren. Die Eine versuchte mühsam ihren reparierten Vorderreifen mit einer billigen Plastikpumpe wieder zu füllen. Ich half ihr mit meiner guten Pumpe aus und so kamen wir kurz ins Gespräch. Sie wollten mir kaum glauben, dass ich in den 50 Tagen meiner Reise erst drei Tage mit Regen erlebte, denn sie erzählten, dass sie in den zweieinhalb Wochen seit ihrem Start mehr Regentage als trockene Tage erlebt hätten. Ups! Da hatte ich doch deutlich mehr Glück. Beim Verabschieden wünschte ich ihnen natürlich vor allem gutes Wetter (und wenig Pannen).

Meine Route nach "Grosseto" war, wie es in der Toskana halt üblich ist, ziemlich hügelig. Es geht immer mal wieder 100 oder 200 Höhenmeter rauf und runter und im Laufe des Nachmittags wurde es auch deutlich über 30° Grad warm. Ich musste meine Kräfte also gut einteilen um nicht völlig platt anzukommen. In "Scansano", auf etwa 500 Metern über Meer, machte ich nochmals einen Verpflegungshalt.

Ein Schild zeigte an, dass es noch 28 Kilometer bis "Grosseto" ist und weil ich wusste dass der Ort nur wenig über Meer liegt, machte ich mir keine grossen Sorgen. Es ging dann auch tatsächlich 18 Kilometer lang vorwiegend bergab, bis mein Höhenmeter nur noch 30 m.ü.m. anzeigte. Die letzten 10 Kilometer waren dann zwar so wie ich sie nicht mag, nämlich endlos lange Geraden in flachem Gelände, mit dauerndem Wind, doch ich liess mir die gute Laune nicht mehr verderben und schaltete halt runter, bis die Belastung wieder in den grünen Bereich kam.

In "Grosseto" hatte ich etwas Mühe das Stadtzentrum zu finden, denn die "Centro"-Schilder führen einem beharrlich um das Zentrum herum. Als ich dann aber eine grössere Fussgängerzone sah wusste ich, dass ich nahe dran war. Um nicht lange suchen zu müssen betrat ich eine Bar, kaufte mir eine Cola und fragte nach einem Hotel. In der Altstadt gäbe es nur deren zwei, wobei das Dreisternhotel "Maremma" wohl das Günstigere sei. Ich verstand auch die Wegbeschreibung und nur zehn Minuten später hielt ich auch schon einen Zimmerschlüssel in der Hand. Übernachtung mit Frühstück, 50 Euro, das passt.

Da ich schon kurz nach fünf Uhr mein Zimmer bezogen hatte und geduscht war, nutzte ich die noch schönen Abendstunden für einen Bummel durch die hübsche Altstadt. Hier unten in der Stadt war es nun 35° Grad und so war ich doch froh, dass mein Hotelzimmer nicht nur WLAN und Internet bietet, sondern auch eine Klimaanlage. Das war ein sehr schöner und erlebnisreicher Tag. Das GPS sagt: 126 km., 6:09 Std., 1´560 Hm.

(47) Annäherung an Rom

Bilder im Fotoalbum (Nr. 744 - 754)

Die ersten zehn Kilometer des Tages führen mich wieder entlang der Küste bis nach "Nettuno" und interessanterweise ist es morgens fast windstill. Während ich so dahinradle versuche ich mir diese Windgeschichte zusammen zu reimen und komme auf folgende Idee:

Morgens ist es windstill. Im Laufe des Tages heizt die Sonne die Luft über dem flachen Festland auf, so dass diese aufsteigt und kühle Luft vom Meer quasi nachsaugt. Deshalb windet es nachmittags immer vom Meer landeinwärts. An heissen Tagen mehr als an kühlen Tagen. Deshalb hatte ich morgens nie Probleme mit dem Wind, je später aber der Nachmittag, desto ärger wurde die Windsituation. Ich weiss nicht, ob diese These stimmt, doch für mich war es zumindest eine halbwegs logische Erklärung.

Heute hätte es ruhig schon morgens landeinwärts winden können, dann hätte ich von Nettuno bis nach "Velletri" eigentlich dauernd Rückenwind gehabt. Es war aber, wie schon gesagt, nahezu windstill. Die Gegend ist flach und langweilig, die Strassen meist gerade, es gibt viel Ackerland und ein paar kleine Bauerndörfer, sonst nichts, was sich gelohnt hätte zu fotografieren.

Nach Velletri stieg dann die Strasse bis auf etwas über 600 Metern über Meer an und ich sah zwar die aufkommende Bewölkung, machte mir aber keinerlei Sorgen. Denn Hügel machen alles interessanter und abwechslungsreicher. Mir war zwar nicht klar, weshalb ich meine Strecke hier entlang geplant hatte, doch schon nach wenigen Kilometern bergab wurde es mir dann bewusst. Ich war nun im "Parco Regionale die Castelli Romani".

Zuerst kam ich in das kleine malerische Dorf "Nemi"und sah erst auf den zweiten Blick, dass dieses wie am Rand eines Vulkankraters lag und etwa 100 Höhenmeter weiter unten ein See war. Die Gegend ist sehr grün und stark bewaldet. Fast direkt auf der Gegenseite dieses Dorf lan der Ort "Genzano di Roma", ebenfalls am Kraterrand und mit einem gut sichtbaren Castello.

Meine Route wollte dann runter an den See, halb herum und dann hoch nach Genzano, doch das war eine Privatstrasse, die mit einem grossen Eisentor abgesperrt war. Also fuhr ich entlang des Kraterrands auf der normalen Strasse und nach zwei drei Kurven kam ich an ein Lichtsignal und vor mir steht eine übergrosse, pinkfarbene Stretchlimousine. Schnell stellte ich das Velo hinter das Auto, zückte den Fotoapparat und machte zwei Fotos vom Pink-Cadillac, der in Wahrheit ein Lincoln war. Dieser fuhr bestimmt an ein Hochzeit.

Nur wenige Kilometer nach Genzano folgt der etwas grössere Ort "Castel Gandolfo" und auch der liegt an einem Kratersee, nämlich am "Lago di Albano". Da war interessant, dass ein Löschflugzeug Übungsflüge machte. Es wasserte kurz, füllte die Löschtanks, startete, flog eine Runde um den See und liess das Wasser wieder ab. Während ich der Sache zusah, fielen dann die ersten Regentropfen. Ich setzte mich in einer Bar unter ein Vordach, trank einen Cappuccino und wollte mal sehen, wie sich die Sache entwickelt. Der Cappuccino war leer und es fielen immer noch nur vereinzelte Tropfen, obwohl es mittlerweile ziemlich düster war. Ich bezahlte, stieg wieder aufs Rad, doch keine zwei Kilometer später kam ich in ein heftiges Gewitter.

Rasch suchte ich Schutz unter einem grossen Pinienbaum und dachte eigentlich, dass die Sache in fünf Minuten erledigt ist, doch dem war nicht so. Es regnete immer heftiger und so packte ich halt die Regenkleider aus. Diese habe ich nun genau 42 Tage lang nicht mehr gebraucht. In "Sapri" regnete es zwar fünf Minuten über Mittag, doch da machte ich ja sowieso gerade Pause, sonst hatte ich wirklich immer trockenes Wetter.

Hey! Was soll´s? Es war noch immer um die 25° Grad warm, ich habe wasserdichte Taschen am Rad und die Fetzen von blauem Himmel die ich immer noch sah sagten mir, dass dieser Regen nicht lange dauern wird. Also nicht aufregen, sondern Spass haben! Auf meinen löchrigen Schuhen steht ja auch "waterproof"...

Leider sah ich dann den Ort "Frascati" nur im Regen und konnte nur ein einziges Bild machen. Dieser hübsche Ort hätte wirklich mehr Beachtung verdient. Danach folgte eine lange Abfahrt und schon bald hörte der Regen auf. Keine zehn Kilometer später waren die Strassen trocken und es schien wieder die Sonne. Da schien es überhaupt nicht geregnet zu haben. Das gefiel mir natürlich und ich hielt gerne an um die Regenkleider wieder auszuziehen und in der Tasche zu verstauen.

Mittlerweile war ich ziemlich nahe an Rom und kam nun durch viele Agglomerationsorte. Mal etwas reichere, mit vielen Einfamilienhäusern und Villen, mal etwas ärmere, mit grossen Wohnsilos, Mac Donnalds und dem üblichen Zivilisationsmüll. Es wurde Zeit, dass ich mir langsam eine Unterkunft suchte, doch in solchen Schlafsiedlungen gibt es kaum Hotels. Und doch, entlang einer dieser nichtssagenden Strassen sah ich ein Hotelschild, das zwischen zwei Häusern zu einem kleinen Hotel abseits des Strassenlärms führte. Ich war im kleinen Ort "Fontenuova". Ein gelangweiltes, älteres Ehepaar sass vor dem Fernseher und vermietete mir ein Zimmer für 35 Euro. Das passt. Frühstück wollen sie lieber keines machen, was mich aber auch nicht störte.

Ich kaufte in einem kleinen Mercato die nötige Verpflegung und genehmigte mir danach ein feines Essen in einer Pizzeria. Nun freue ich mich auf morgen, denn dann werde ich bis zum "Lago di Bracciano" fahren, den ich von unseren Ferien vor zwei Jahren in sehr guter Erinnerung habe. Das GPS sagt: 114 km., 5:53 Std., 1´030 Hm.