alles nur Konzepte

Es fällt mir immer schwerer, mich zu artikulieren und hier Beiträge zu schreiben von denen ich denke, dass sie einen gewissen "Wert" haben. Worte sind totgeschlagene Gedanken und Gedanken sind abstrakte Objekte, die durch unser Bewusstsein streifen. Nichts kann je so beschrieben werden wie es ist. Es sind alles nur immer Geschichten, Nacherzählungen, Beschreibungen oder eben: Konzepte...

Es geht gar nicht anders.

Deshalb gehen mir Reise-Beiträge recht einfach von der Hand. Ich beschreibe was ich erlebt habe, nacherzähle den Tag und versuche dadurch Aussenstehenden einen Eindruck zu vermitteln. Da folge ich dem Konzept des Reistagebuchs. Es ist in etwa so aufgebaut, dass der Lesende den zeitlichen Ablauf nachvollziehen kann und durch Beschreibung des Gesehenen seine Fantasie angeregt wird. Persönliche Empfindungen und Empfindlichkeiten nuancieren das Ganze und machen daraus mehr als nur eine Auflistung von Zeit und Raum.

Das tägliche, "normale" Leben ist insofern uninteressant, da sich Äusserlichkeiten über längere Zeiträume gleich bleiben und Inneres eben nur sehr schwer (oder überhaupt nicht) beschrieben werden kann. Hinzu kommt eine ganz natürliche Unsicherheit die immer dann entsteht, wenn man ausserhalb des gängigen Rahmens oder der allgemein gültigen Konzepte zu denken beginnt. Man bewegt sich dann auf unbekanntem Terrain und tappt irgendwie hilflos im Dunkeln. Hinzu kommen anerzogene Konditionierungen was sogenannt "normal" ist und was nicht.

Wie auch immer...

Ich akzeptiere, dass ich "immer zu spät" bin. Meine Gedanken, Worte und Sätze beschreiben immer nur etwas, sind aber selbst nie wahr oder real. Wahrheit, Realität, Leben, Energie, Existenz, Bewusstsein, -wie man es auch nennen will-, geschieht einfach. Ohne Sinn und ohne Erklärung. Alles was ich darüber denke oder eben schreibe sind also höchstens Erklärungsversuche.

In letzter Zeit befreie ich mich von Vorstellungen, von Erwartungen, von Ideen, von geistigen Konzepten und betrete dadurch unbekanntes Land. Nach langem Suchen konnte ich kein "ich" finden. Das was ich dachte was ich bin, das gibt es gar nicht. Ich habe es nur gedacht. Zusammengebastelt aus Vorstellungen/Ideen/Erinnerungen/Erfahrungen und in Bezug gesetzt zu meiner Mitwelt und zu Anderen. Aber dieses "ich" entpuppt sich als ein reines Gedanken-Konzept. Um menschlich zu funktionieren braucht es das nicht - also weg damit!

Ein freier Wille? Wenn ich mich ganz ehrlich frage, wie viele wichtige Entscheidungen ich willentlich fällte und wie oft äussere oder innere Umstände eine Entscheidung trafen (ohne meine Meinung), dann sieht es ziemlich düster aus für den freien Willen. Natürlich rechtfertigt mein Geist (im Nachhinein) unzählige Entscheidungen und suggeriert mir damit, dass ich mich ganz bewusst und frei für oder gegen etwas entschieden habe, doch ehrlicherweise muss ich gestehen: ich bin immer zu spät! Es wurde schon entschieden, bevor dieses imaginäre "ich" alles abgewägt hat und eine Entscheidung getroffen hat. "ich" rechtfertigt sich nur noch, weil es sich ja für so wichtig hält... Das heisst nun absolut nicht, dass man sich keine Gedanken machen sollte und dass man sich nicht für praktische Dinge entscheiden kann oder soll. Es heisst nur, dass man sich bei sogenannt wichtigen Entscheidungen besser auf seinen Bauch verlässt (oder sein Herz) als auf seinen Verstand.

Raum und Zeit? Wie schon geschrieben... existieren nur relativ, in unserer Sinneswelt, die nur in Dualität erfahren werden kann. In Wirklichkeit gibt es beides nicht. Weder noch! Es sind beides menschliche Konzepte, die von der Wissenschaft nicht bewiesen werden können...

Und so stehe ich nun also mit leeren Händen da. Alles woran ich geglaubt habe, erscheint als Illusion. Mir wurden Dinge beigebracht, die absolut nicht stimmen... und ich habe sie geglaubt... nichts ist so, wie es scheint... es ist auch kein grosser Trost, dass (fast) alle an diese Konzepte glauben. Sie bleiben falsch...

Es sind also alle stützenden Ideen/Konzepte weggefallen. Es bleibt nur noch die Gewissheit, dass ich bin. Ich habe keine Ahnung was ich bin sondern nur, dass ich bin.

Natürlich ringe ich nach neuen Konzepten und Gewissheiten. Mein Geist kann nicht anders, er versucht ständig zu konzeptionieren, zu rationalisieren und zu verstehen. Aber hier läuft er gegen eine unsichtbare Wand, denn das ist unverstehbar und unerklärbar! Jedes Konzept würde auch nur wieder aus Gedanken und Worten bestehen und wäre deshalb auch wieder tot und falsch. "Ich bin" ist vor allen Gedanken, vor der Sprache, das Einzige, was ist.

Es ist (zumindest gegenwärtig) nicht sehr angenehm ohne Standpunkt/Zentrum/Fundament zu leben. Es ist so Vieles weggefallen, dass ich schon fast Phantomschmerzen verspüre. Doch: Wer spürt den Schmerz, wenn da kein "ich" ist? Fragen über Fragen... Und trotz dieser Unsicherheit fühle ich mich nicht verloren. Ich bin nicht allein sondern eher ALL-EIN. Überall ist dieses Leben, diese Energie, dieses Bewusstsein. Überall ist Existenz. Eben genau dieses "Etwas", welches sich nicht beschreiben lässt.

Und wie im letzten Beitrag kurz beschrieben, so brauchen fundamentale Veränderungen halt auch Zeit, bis man sie leben kann. Immer wieder falle ich in alte Muster und Konzepte zurück. Doch ich erkenne das immer öfter und das ist doch schon auch ein Zeichen dafür, dass sich etwas ändert...

Ich bin immer zu spät...

Der Titel ist nicht im allgemeinen Sinn zu verstehen. Bei Verabredungen im realen Leben bin ich eigentlich immer zu früh und nur ganz selten zu spät (bezogen auf Uhrzeit). Der Satz bezieht sich auf die letzten zwei Beiträge, auf Gedanken und Worte.

Irgendwo habe ich von einem Experiment gelesen, das geht in etwa so: Suchen Sie sich eine Zahl zwischen 1 und 10 aus und beobachten Sie, was passiert. Das Ergebnis: Irgendwoher kam die Entscheidung z.B. 4 und darauf folgt der Gedanke "Vier". Das heisst, niemand dachte sich bewusst eine Zahl aus, sondern der Gedanke beschreibt die Entscheidung, kommt also nachher. Mit irgendwelchen Sensoren liess sich sogar bestimmen, wie viele Hunderstel- oder Zentelsekunden nach der Entscheidung der Gedanke folgte. Interessant...

Sprechen oder schreiben hat dann immer noch grössere Verzögerungen, weil es nachgelagert ist. Zuerst denke ich was ich sagen oder schreiben will und dann setze ich die entsprechenden Muskeln in Bewegung. Doch auch diese Handlungen geschehen vorwiegend unbewusst. Zu Glück. Es wäre viel zu kompliziert, wenn ich mir immer überlegen müsste, wie ich die Atmung, die Zunge und Lippen steuern muss, damit meine Stimmbänder die entsprechende Schwingung von sich geben, damit die entsprechenden Worte zu hören sind.

Worauf ich hinaus will: Gedanken und Worte hinken dem Leben immer hinterher. Sie vereinfachen und beschreiben immer etwas, was schon vorbei ist und was in Tat und Wahrheit gar nicht beschrieben werden kann. Das Leben ist viel zu kompliziert, chaotisch, nicht linear und unvorhersehbar. "Es" geschieht einfach... Gegenwart ist so gesehen undefinierbar, unbeschreiblich und gedanklich nicht erfassbar. Was Gedanken beschreiben ist bereits Vergangenheit und erst noch eine stark vereinfachte Vergangenheit. Und wenn wir über Zukünftiges nachdenken, so greifen wir auf diese Vergangenheit zurück, wenden das Konzept von Ursache und Wirkung an und konstruieren uns daraus ein zukünftiges Ergebnis (oder eine neue Version der Vergangenheit). Witzigerweise nehmen wir das alles sehr ernst und sind tief überzeugt davon, dass dem auch so sei.

Das alles klappt nur dank unserer Konditionierung. Wir glauben an "fundierte Entscheidungen" und daran, dass man nur genügend zu wissen brauche um die "richtigen" Entscheidungen zu treffen. Wir extrapolieren immer die Vergangenheit (oder das was wir wissen/kennen) und schliessen daraus auf die Zukunft... und verlieren dadurch die Gegenwart... (und wundern uns dann auch noch, dass sich so vieles in unserem Leben scheinbar wiederholt)...

Ein schönes Beispiel dazu aus der gegenwärtigen Internetwelt: Während meiner Winterradreise durch Deutschland buchte ich meine Hotels jeweils über booking.com. Nach etwa zwei Wochen hat der eingesetzte Algorithmus so viele Daten gesammelt, dass ich jeweils automatisch Vorschläge über nächstmögliche Hotels erhielt, die etwa im gleichen Abstand zum letzten Hotel lagen. Zusätzlich wurden mir auf anderen Seiten (Spiegel, Tagesanzeiger, Facebook, etc.) entsprechende Werbeanzeigen eingeblendet. Der Computer wusste also, dass ich etwa 80 Kilometer pro Tag reise, dass ich jeweils ein Einzelzimmer buche und dass ich dabei zwischen X und Y Euro ausgebe. Davon ausgehend errechnete er meine Zukunft und machte mir entsprechende Vorschläge. Selbst heute, fast drei Wochen nach meiner letzten Buchung, erhalte ich E-Mails mit "ihr nächstes Reiseziel". Doch die sind ja nicht doof. Sie erkennen, dass mein Internetzugang nun an meinem Heimatort erfolgt und machen mir deshalb Vorschläge für eine nächste, mögliche Reise nach dem Motto: "Menschen die ein ähnliches Verhalten wie Sie an den Tag gelegt haben, mögen auch noch diese Ziele, diese Produkte, etc."

Aber hey! So funktioniert das Leben nicht! So funktionieren Maschinen.

Das bringt uns auf die Idee oder das Konzept der Blase. Wir vermuten, dass wir abgetrennte Wesen mit einer eigenen Identität sind. Wir sind zwar ziemlich ähnlich wie die anderen acht Milliarden Menschen auf diesem Planeten, doch wir sind nicht gleich und schon gar nicht EINS. Denn ich sehe nur was ich sehe, erkenne nur was ich erkenne, fühle nur meinen Schmerz, weiss nur was ich weiss, etc. usw. Irgendwo im meinem Körper -vermutlich im Herzen (bei Idealisten) oder zwischen den Ohren (bei Materialisten)- befindet sich das Zentrum meines Universums und darum herum entwickelt sich meine Blase des Lebens.

In diese Blase ziehe ich alles, was ich erfahren, erleben und wissen kann. Ich versuche damit meine Datenbasis und mein Bewusstsein zu erweitern um zu immer besseren Entscheidungen und Ergebnissen zu kommen. Wir denken: "Je mehr, desto besser!" Es entwickelt sich daraus ein stetiges "mehr". Mehr Gesundheit, mehr Freunde, mehr Geld, mehr PS, mehr m2, mehr Ferien, mehr Gelassenheit, mehr im Moment leben, mehr Mitgefühl, mehr Achtsamkeit, mehr Göttlichkeit, mehr... was auch immer! Wo auch immer wir gerade stehen im Leben, es reicht nicht! Wir wollen mehr oder etwas anderes. Wir sind auch super gut im Vergleichen und Bewerten. Wir finden immer jemanden, der Besser oder Schlechter ist, wir finden immer einen Punkt in unserem Leben, den wir noch optimieren können. Wir haben nie genügend Daten...

Diese Muster erkennen wir Alle. Ganz egal ob Mann oder Frau, jung oder alt, welcher Herkunft oder Prägung. Wir sind so konditioniert (was nur eine Feststellung und keine Wertung sein soll). So wird es uns von klein auf beigebracht.

Und genauso wie booking.com davon ausgeht, dass ich immer weiterreisen werde, gehen wir davon aus, dass wir immer weiterleben werden. Wir wissen, dass wir eines Tages sterben werden, doch wir verleugnen und ignorieren es. Es ist paradox. Ich glaube, eine Midlifecrysis ist der Moment im Leben an dem man sich eingesteht, dass es eben nicht immer aufwärts und vorwärts geht, dass das Leben keine Linearität besitzt, sondern eine Kurve beschreibt, die nach dem Höhepunkt dem Nullpunkt entgegenschwingt. Meist verschieben sich dann ein paar Wertvorstellungen, was aber nichts anderes heisst, als dass wir unsere Blase in anderen Bereichen zu vergrössern versuchen.

Weil die ganze Welt um uns herum genau gleich tickt, kommen wir nicht auf die Idee, dass an diesem Lebenskonstrukt, an dieser Haltung und Vorgehensweise ganz fundamental etwas falsch sein könnte. Wer den Kopf nicht in den Sand steckt kommt irgendwann auf die ganz prinzipiellen Fragen wie: Was ist Materie? Was ist Raum? Was ist Zeit? Wer oder was bin ich wirklich?

Und was ist das Interessante an diesen Fragen? -> es gibt keine schlüssigen, wissenschaftlich bewiesenen Antworten. Materie besteht zu 99,x% aus Nichts. Raum ist grenzenlos und undefinierbar. Zeit existiert nur als gedankliches Konstrukt. Und zu guter Letzt: Ein ICH gibt es nicht. Unauffindbar!

Ist das nicht unglaublich? Alles was wir glaubten erweist sich als unhaltbar! Fake-News! Gedanken und Worte beschreiben immer nur das, was NICHT ist, denn das was IST, lässt sich nicht beschreiben. Es ist uns immer einen Schritt voraus. Jeder Gedanke darüber kommt zu spät und hat deshalb den Kern verpasst.

Um auf das Blasen-Modell zurückzukommen. Solange wir uns als Individuum verstehen, als getrenntes, eigenes Wesen, mit eigenem Zentrum, mit der Idee von "ICH - und alles Andere", so lange fühlen wir uns unvollständig und sind auf der Suche nach Vervollkommenheit.

Gibt es denn dazu eine Alternative? Ein Gegenkonzept? -> Nein. Es ist hoffnungslos.

Wenn das "ICH" wegfällt, bleibt nur noch Leben, SEIN.

Es ist völlig hoffnungslos, denn Vollkommenheit, Einheit braucht keine Hoffung. Es gibt keine Alternative dazu. Es ist voll/leer, gut/schlecht, real/unreal, weiss/schwarz, hell/dunkel, positiv/negativ, lebendig/tot -> es ist eben nur EINS, ohne ein Zweites. Es ist sowohl als auch. Das Zentrum von Gegensätzen. Undenkbar, unbeschreiblich.

Die Blase ist Teil dieses EINEN. Wieviel auch in diese Blase gezogen wird, wie gross sie auch immer werden mag, sie ist immer nur Teil des Ganzen, denn das Ganze ist unendlich, ist alles in Allem. Die Blase, das Zentrum der Blase, eine Persönlichkeit/Identität wird also immer unvollständig bleiben weil es sich (scheinbar) abgrenzt. Es bedeutet aber auch: Jeder Mensch, jedes Individuum ist Teil des Ganzen. Ob er/sie es nun erkennt oder nicht ist dabei völlig egal. Ob man nun an seiner Ich-heit festhält oder nicht ist auch völlig egal. Das Leben ist alles was IST. Immer, an jedem Ort und zu jeder Zeit, vollständig. Schwingende Energie...

Will man aber Vollkommenheit erreichen, muss ICH sterben. Die Identifikation mit einem ICH muss wegfallen. Es gibt kein ICH, das denkt und fühlt und bewertet und wünscht und hofft. Nichts persönliches. Kein ICH, kein DU - niemand. Keine Materie, kein Raum, keine Zeit, keine Ursache, keine Wirkung - nur Lebendigkeit. Nur spielende, lebendige Energie, immer jetzt, nie gleich.

Das klingt jetzt alles ziemlich abgedreht, weil eben Worte nicht in der Lage sind Unbeschreibbares zu beschreiben. Das alles hat nichts mit Selbstmord, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit im allgemeinen Verständnis zu tun. Ich werde mich nicht umbringen ;-) Das Leben geht ja weiter, ich werde auch weiterhin jeden Morgen aufstehen, mich waschen, essen und arbeiten. Daran ändert sich -soweit man das abschätzen kann- gar nichts. Ich werde auch weiterhin nachdenken, abwägen und Verstandesentscheidungen treffen, denn das ist Teil dieses Erdenlebens, dieser Geschichte. Man muss nicht vorsätzlich Dummheiten begehen. :-)

Es fühlt sich also ziemlich undramatisch an, wie das Ausziehen eines alten Mantels, der einem nicht mehr passt.

Hamsterrad - Ich bin

Ich denke von mir irgendwie, dass ich sein Suchender bin, der nach Erfüllung, Erleuchtung, Verschmelzung, Vereinigung sucht. Bei genauerem Betrachten sieht es auch wie ein dauerndes Vergessen-wollen seiner Selbst aus, einer Auflösung des "Ich"-Konzepts. Dies vor allem deshalb, weil man sich Selbst immer als getrennt von anderem und von anderen erfährt. Als Grundproblem erkenne ich, dass sobald ich "Ich" denke/sage, trenne ich mich ab von allem anderen. Ich und alles Andere.

Über die Jahre verflüchtigten sich zunehmend die Gedanken der Ich-Identifikation mit meinem Körper, meinem Geist, meine Emotionen, Gedanken, Empfindungen und Erfahrungen. Zeitweise. Wenn ich im vorletzten Beitrag vom dauernden Versuch mit "dem Flow" zu gehen spreche, dann ist auch dies ein Ausdruck für das Vergessen meiner selbst, für den Versuch der totalen Akzeptanz dessen, was ist, ohne den Versuch etwas ändern zu wollen. Aber dennoch erlebe ich mich höchstens als Teil von Etwas, also immer noch getrennt.

Das alles ist ein geistiges Hamsterrad... und die Achse dieses Rads heisst "Ich". Darum dreht sich alles...

Das verrückte an der Sache ist, dass es bei genauem Betrachten und bei vertiefter Selbsterkenntnis dieses "Ich" gar nicht gibt. Es hat keine echte Realität sondern schafft sich seine eigene Traumwelt, die immer irgendwie anders sein sollte als das, was wirklich ist. Und das treibt mich dann vorwärts und hält meine Suche in Gang. Damit meine ich Ideen wie: "das müsste etwas anders sein", "das gibt es noch zu erreichen", "das muss ich noch loslassen", "diesbezüglich muss ich mich noch verbessern", "das muss ich noch tun oder nicht tun", "da kommt noch was".

Man kann auch sagen, das "Ich" ist relativ. Bezogen auf diesen Körper, auf dieses Leben in Dualität, in einer sich in dauernder Veränderung befindlichen Welt. Genau deshalb sucht es einen Fixpunkt der Ruhe verspricht. Relativität braucht einen Fixpunkt zu dem es halt eben relativ ist. Es wird diesen aber nie finden. Wo es auch hinschaut, wo es auch sucht, es wird diesen Fixpunkt nicht finden, da der Fixpunkt nicht Teil dieser "Ich-bin"-Welt ist. Es scheint eher umgekehrt zu sein. Erst ein "Ich-bin" kreiert diese, sich dauernd verändernde Welt. Erst das "Ich" kreiert Zeit und Raum. Erst dieses "Ich" kreiert diese Trennung zwischen "Ich und Nicht-Ich". Erst das "Ich" kreiert diesen Traum des "eigenen", abgetrennten Lebens.

So gesehen ist es also hoffnungslos. "Ich" komme nie aus diesem Hamsterrad heraus. Solange ich mich mit dieser Welt, diesem Leben, diesem Körper, diesen Gedanken und eben dieser "Ich-Geschichte" identifiziere, solange geht die Suche weiter. Nichts was ich finden werde wird mich je befriedigen, weil es in diesem Ich-Lebenstraum keinen Fixpunkt gibt.

Das ist alles Illusion, Lebenstraum...

Die Realität IST ganz einfach so wie sie ist. Sie ist vollkommen, ungetrennt, es gibt kein Bewusstsein hierzu, es ist niemand da, es gibt kein gut und schlecht, es macht keinen Sinn, es ist für niemand, es ist frei und es ist satt und wild... es IST einfach so... -> für ein "Ich" unbegreiflich, unverständlich und unerreichbar...

5 Jahre Bike Butler

Aktuell feiere ich gerade das 5 jährige Jubiläum als Bike Butler (ganz im Stillen). Ich blätterte in diesem Blog auf März 2012 zurück und las mir die damaligen Beiträge nocheinmal durch. Ich muss zugeben, es hat sich -so rein äusserlich- nicht viel verändert in der Zwischenzeit. Noch immer ist es schwer an Kunden zu kommen und noch immer habe ich viel leere Zeit tagsüber.

Geändert hat sich, dass ich 5 Jahre älter wurde und natürlich nun über 5 Jahre Erfahrung verfüge. In diesem Geschäft wird immer sehr viel vom Wetter und vom Zufall abhängig sein. Das muss man akzeptieren und damit umgehen können. Das heisst, es braucht Geduld, Gelassenheit und Vertrauen. Und natürlich die Fähigkeit, mit wenig zufrieden zu sein. Es ist kein gutes Geschäft sondern ein Lebensstil, der gerade so zum materiellen Überleben reicht.

Man darf diese Aussagen nicht falsch verstehen. Es soll kein Jammern oder Beschweren sein. Die Vorzüge dieses unsicheren Lebens sind gross, aber nur schwierig zu beschreiben. Es ist ein grosses, offenes Feld voller Freiheiten und Möglichkeiten. Nur sehr wenige Grenzen oder Regeln sind gesetzt. Es ist so vieles mir selbst überlassen, wie vermutlich noch nie zuvor in meinem Leben.

Nun ist es natürlich Typ-abhängig, wie man damit umgeht. Ich bin nicht der Eroberer, der dieser Stadt seinen Stempel aufdrücken und seinen Erfolg erzwingen will. Ich bin eher der stille, der integrative und harmonische Typ, der nach Gleichklang, Vereinigung und Verschmelzung sucht. "Go with the Flow" ist sozusagen zu meinem Lebensmotto geworden. Die Stimmung und Schwingung in dieser Stadt aufzunehmen und mitzuschwingen, das versuche ich immer wieder. Dazu braucht es Hingabe und ein Stück Selbstvergessenheit. Demut. Sensibilität. Und eben dieses Grundvertrauen, dass alles richtig ist, so wie es ist. Dass ich nichts anzufügen oder zu ändern brauche...

Ich bin zu einem Teil dieser schönen Stadt geworden und versuche dem natürlichen Lauf der Dinge (die keine Dinge sind) zu folgen. Es startet langsam im März, nimmt Fahrt auf im Frühling, kulminiert im Sommer, geniesst im Herbst, und freut sich auf die Weihnachtszeit. Dann folgen zwei Monate der Ruhe und danach beginnt es erneut. Ähnlich wie im Vorjahr, jedoch immer nur ähnlich und nie gleich. Es ist kein Müssen sondern ein natürliches Fliessen, ein stetes Loslassen, ein Mitspielen und Mitfeiern... und ist nicht das das Wichtigste überhaupt? Dass man dieses Leben feiert? Dass man sich nicht gesondert und getrennt fühlt sondern als Teil des Ganzen, welches genau so wichtig ist wie jedes andere Teil? Dabei ist der Audruck "wichtig oder unwichtig" nur eine menschliche Beschreibung/Bewertung, die real gar nicht existiert... innen und aussen nähern sich an, gehen fliessend ineinander über und werden irgendwann deckungsgleich oder EINS...

Ja, das alles ist ein grossartiges Lern- oder/und Spielfeld. Es geht darum, Widerstände (Ansichten, Meinungen, Konzepte, Glauben, etc.) abzubauen, Schleier zu lüften, klarer zu sehen und zu erkennen: Das ist das Leben! Das bin ich! Unglaublich - Wundervoll!... also lass uns weiterspielen "Go with the Flow"...

kurz vor Monatsende

Es ist wieder viel Zeit vergangen seit dem letzten Eintrag und wenn der November nicht ganz leer ausgehen soll, so ist heute die letzte Chance für einen Blogbeitrag.

Am 31. Oktober sind Karin und ich nach Bangkok geflogen. Da trieben wir uns eine Woche in der Stadt rum, bevor wir dann nach Ko Phangan weiterreisten um zwei Wochen Insel- und Strandferien zu geniessen. Das waren sehr schöne Ferien und wir kamen dann auch entspannt und top erholt wieder zurück in die Schweiz. Natürlich könnte ich nun ein paar Ferienanekdoten erzählen oder in Erinnerungen schwelgen. Aber was bringt's? Die eindrücklisten Erlebnisse speichert man im Hirn und das ist auch gut so...

Wir sind auch sehr gerne wieder nach Hause gekommen. Ferien sind eine Auszeit aus dem "normalen Leben" und gerade dieser Kontrast ist bereichernd. Unser "normales Leben" ist ja recht stimmig und angenehm und so kehrt man auch wieder gerne wieder zurück. Unsere zwei Wollknäuel-Katzen haben uns natürlich auch gefehlt...

Seit knapp zwei Wochen sind wir also wieder da und in der Zeit bin ich natürlich häufig diesem Blog begegnet und habe mir überlegt, ob ich etwas schreiben soll und wenn ja, was. Es wird zunehmend schwierig. Ich habe immer weniger Lust, mich mitzuteilen. Oder, ich habe immer mehr das Gefühl, dass ich gar nichts zu sagen habe. Das nichts so wichtig wäre, um es hier festzuhalten. Ist noch schwierig zu erklären. Ich versuche es mal andersherum: Wenn jemand einen Blog schreibt der öffentlich zugänglich ist, dann glaubt er irgendwo im Hinterkopf entweder, dass er etwas (besonderes) zu erzählen hat oder, dass er durch diese Tätigkeit Bestätigung und Anerkennung findet. Wäre dem nicht so, so könnte er ja auch ein privates Word-Dokument oder ein Papier-Tagebuch führen.

Wenn ich also in der Vergangenheit erzählte/schrieb, dass ich diesen Blog vorwiegend für mich selbst, als eine Art elektronische Gedächtnisstütze, mache, so war das wohl nicht ganz falsch, doch eher ein vorgeschobenes Motiv. Der Hintergedanke "ich bin etwas Besonderes" und habe deshalb auch etwas zu erzählen, ist wohl genauso wahr. Genau gleich, wie das Heischen nach Aufmerksamkeit und Anerkennung. Beides hat in den letzten Jahren jedoch an Bedeutung verloren. Ich lerne mich selbst besser kennen und das stabilisiert mich. Ich bin deshalb nicht mehr so stark auf Feedback von aussen angewiesen. Der Glaube "ich bin etwas Besonderes" hat sich fast vollständig verflüchtigt.

Das soll nun gar nichts Enttäuschtes ausdrücken, im Gegenteil. Es ist eher eine Beruhigung, eine Entspannung, ein Loslassen von falschen eigenen Erwartungen und Vorstellungen. Es ist gar nicht notwendig "etwas" oder "jemand" zu sein, es reicht vollkommen, zu sein. Und dieses "sein" läuft immer im jetzt, von Moment zu Moment ab. Das verlangt Offenheit, Achtsamkeit und Unvoreingenommenheit. Das hat so gar nichts zu tun mit dem Nacherzählen von Erlebnissen oder Erfahrungen. Der Fokus verschob und verschiebt sich immer mehr auf das was ist und nicht auf das, was war. Ich verliere an Vorstellungen wie etwas sein sollte und an persönlichen Meinungen darüber, wie etwas ist. Es ist, wie es ist. Und das ist gut so...

wieder Sonntag

Wieder ist eine Woche um, der Juli 2015 ist nun Geschichte und der August beginnt sich abzurollen. Das liest sich komisch und es fühlt sich auch komisch an. Rollt, oder wickelt, sich Zeit ab? Ist Zeit wirklich oder ist es nichts als ein geistiges Konstrukt? Irgendwo las ich: Das Produkt unserer Gedanken ist Zeit und das Produkt unserer Empfindungen und sinnlichen Erfahrungen ist Raum. Raum und Zeit gibt es als Solches gar nicht. Es sind gedankliche Konstruktionen die man nur benötigt, solange man sich als getrenntes Wesen wahrnimmt. Dann gibt es ein ich und ein Du, zwei getrennte Objekte. Dann gibt es ein gestern und ein morgen, ein zeitlicher Ablauf.

Ist das nun "die Realität" oder nur ein geistiges Konzept? Durch Umwelt und Erziehung werden wir dahingehend geprägt, dass wir uns als getrennte Wesen, als Individuen begreifen. Du und ich sind verschieden, wir sind getrennte Wesen, mit ganz eigenen Fähigkeiten und eigenständigen Erfahrungen. Mit den meisten anderen Individuen stehen wir in Konkurrenz, mit Wenigen (Freunden) schliessen wir Frieden. Doch stimmt das wirklich? Was ist das, was in mir "Ich" sagt? Und ist dieses "Ich" etwas anderes als das "Ich" meiner Freunde oder meiner Feinde? Wer bin "Ich"? -> Die Frage aller Fragen...

Die naheliegendste Antwort auf diese Frage ist: "Ich" bin die Summe meiner körperlichen Wahrnehmung, meiner Sinnesempfindungen und meines Geistes (Gedanken und Gefühle). Wenn man dann aber versucht die einzelnen Teilaspekte zu hinterfagen, so wird die Sache immer nebulöser und unerklärbar. Das liegt vor allem daran, dass einem das "Ich" als kontinuierliche, gleichbleibende Grösse erscheint, während Sinneserfahrungen, Gefühle und Gedanken sehr flüchtig sind, stets kommen und gehen, meist ohne dass wir das bewusst steuern können. Doch "Ich" dachten wir schon als kleines Kind und "Ich" erlebte die erste grosse Liebe und deren Verschmelzen mit einen anderen "Ich". "Ich" schreibe heute diese Zeilen und "Ich" werde alt, schrumplig und eines Tages sterben... Wobei halt, das kann ich so nicht mit Sicherheit sagen. Dies würde bedeuten, dass "Ich" mein Körper bin... ist dem wirklich so?

Dem widerspricht, dass ich im Traum durchaus körperliche Empfindungen wahrnehme, obwohl mein Körper unbeteiligt im Bett liegt. Oder auch, dass sich mein "Ich" heute nicht wirklich älter anfühlt als mit 10, 20, 30 oder 40 Jahren. "Ich" bleibt gleich. Nicht der Zeit unterworfen, weder jung noch alt. Vielleicht ist die Aussage "Ein Mensch wird geboren, wächst auf, wird alt und stirbt" gar nicht wahr, sondern ein Glaube, wie früher die Menschen glaubten, dass die Erde eine Scheibe ist.

Auf meiner Suche bin ich immer wieder abgeprallt. Ich kam zu der Einsicht, dass ich nicht meine Gadanken bin, denn die kommen und gehen, ohne dass ich das allzu sehr beeinflussen kann. Genau gleich verhält es sich mit meinen Gefühlen. Gefühle der Trauer, Freude, Enttäuschung, Liebe, Hoffnung, etc. werden sehr oft durch äussere Umstände ausgelöst. Ich erfahre Gefühle, doch ich bin sie nicht. Und nun noch die Körpergeschichte. Natürlich spüre ich meinen Körper, nehme Schmerz wahr und merke wie der Körper altert, doch bin "ich" deshalb mein Körper? Eher nein... Was oder wer bin "Ich" also?

Ich weiss es nicht.

Von der anfänglichen Identifikation mit Körper, Seele und Geist ist nichts mehr übrig geblieben. Ich erkenne, dass ich in der Welt als Individuum wahrgenommen werde, dass ich mich sehr häufig auch mit dieser Individualität identifiziere, doch die Zweifel, dass "Ich" das wirklich bin werden grösser und grösser. Das erinnert mich an einen Spruch, den ich irgendwo gelesen habe: "Zuerst war ich jemand, dann war ich niemand und dann war ich alles in allem." Ich bin beim "niemand" angelangt. Weder dieses, noch jenes...

An dieser Stelle will ich klarstellen, dass dies kein negativer Zustand ist. Sich mit "nichts" zu identifizieren ist eher neutral als negativ. Es erzeugt eine gewisse Distanz, aus der man das eigene Leben, das eigene Denken und Handeln betrachtet und hinterfragt. Man fühlt sich dabei etwas weniger stark involviert und kriegt Zeit um die Reaktion auf aktuelle Ereignisse zu überprüfen. Dadurch fällt einem auf, dass man bis anhin meist mechanisch reagierte, nach altbekannten Mustern funktionierte und dass man sich dadurch bessere Resultate verbaut. Wer auf ein gleiches Ereignis gleich reagiert, wird auch das gleiche Resultat erhalten. Lernfähig ist anders...

Schwierig an der "Nicht-Identifikation" ist, dass viel innere Sicherheit wegfällt. Das Bild, welches ich von mir hatte ist dahin. Ich weiss nicht mehr genau was ich bin oder was ich will. Es braucht sehr viel Vertrauen. Vertrauen worauf oder worin? Ich weiss es nicht. Auf "das Leben" auf "Gott" auf "unendliche Bewusstsein" auf "das Gute". Das ist schwierig zu sagen. Meine bisherigen Erfahrungen zeigen mir jedoch, dass dieser Weg nicht gefährlich ist, dass ich keine Angst haben muss, eines Tages in der Irrenanstalt zu landen. Ich werde weder schizophren noch drifte ich sonstwie entscheidend ab. Ich will das Leben, mein Leben, verstehen lernen. Das ist alles. Ich funktioniere jedoch nach wie vor als Mitglied dieser Gesellschaft. Ich verdiene mein eigenes Geld und falle auch sonst niemandem zur Last. Vieles hat sich in der Vergangenheit sogar zum Positiven entwickelt. Dass ich nun seit 4 Monaten nicht mehr rauche ist nur ein kleines, letztes Beispiel dafür. Ja, es kommt schon gut.

Ich sehe der Zukunft auch durchaus positiv entgegen. So wie aus "jemand" nun "niemand" wurde, so wird daraus wohl irgendwann "alles in allem". Das wäre dann die wohl endgültige Antwort auf die Frage "Wer bin ich?"

loslassen

Seit ich im Frühling 2011 die konventionelle Arbeitswelt verlassen habe, hat mein Leben deutlich an Intensität gewonnen. Dies hat einerseits einen zeitlichen Grund -> ich habe heute mehr freie Zeit als früher und andererseits auch einen finanziellen Grund -> ich habe heute weniger Geld als früher. Diese zwei Hauptpunkte ergänzen sich (für mich) sehr gut. So kann ich besser über mein Leben nachdenken und die knappen Finanzen zwingen mich auch genauer zu überlegen, was ich an Materie wirklich brauche und wofür ich mein Geld ausgebe.

Rückblickend würde ich sagen, dass ich fast ein Jahr brauchte um geistig aus diesem Hamsterrad der Leistungsgesellschaft heraus zu finden. Ich brauchte wirklich lange um zu merken, dass gesellschaftliche Ansichten und Gepflogenheiten sehr wenig mit mir selbst zu tun haben und dass so abstrakte Begriffe wie Erfolg, Sicherheit oder Status nur dazu da sind um uns zu konditionieren, um uns zu perfekt funktionierenden Konsum-Robotern zu machen. Mit einem selbst, mit dem ganz persönlichen Empfinden von Zufriedenheit und Glück hat das alles rein gar nichts zu tun.

Die Entscheidung zukünftig meinen Lebensunterhalt als Rikschafahrer zu verdienen fiel eher blauäugig und leichtfertig. Mir war damals nicht bewusst, dass ich mich mit so einer Entscheidung wirklich vom gesellschaftsfähigen Geschäftsleben verabschiede. Heute weiss ich, dass ich mit über 50 Jahren und mit meinen letzten 4 Jahren wohl nie mehr einen "normalen" Job als Angestellter finden werde. Da bin ich draussen. Erledigt. Das soll jetzt als eine wertfreie Beobachtung verstanden werden. Wie auch immer, dieser Entscheid hat mir viele neue Erfahrungsfelder eröffnet und ist bestimmt ein Hauptgrund dafür dass ich heute sage: Mein Leben hat an Intensität gewonnen.

Wichtig war auch die Erkenntnis, dass das Geld nun hart verdient werden muss und dass am Monatsende rein gar nichts auf dem Bankkonto passiert. Arbeit gegen Geld erlebe ich jetzt wirklich ganz direkt. Keine Arbeit, kein Geld. Und da Rikschafahren naturgemäss eine Schönwetterangelegenheit ist heisst das auch, dass in den Sommermonaten Geld zur Seite gelegt werden muss, damit man die Wintermonate übersteht. Manchmal komme ich mir vor wie ein Eichhörnchen. Ich sammle im Sommer Nüsse, damit ich im Winter etwas zu futtern habe.

Eine Begleiterscheinung von diesem neuen Umgang mit Geld ist die Erkenntnis: Je weniger Geld ich ausgebe, desto weniger muss ich verdienen. Diese Überlegung passt sehr gut zu der Konsumunlust, die ich in den letzten Jahren zunehmend verspührte. Dies kam vor allem daher weil ich merkte, dass ich Dinge zur Kompensation kaufte (neue Mountainbikes um vom Arbeitsfrust abzulenken), oder aus Status-Überlegungen (die "richtigen" Kleider, etc.) oder aus Langeweile, weil das Leben so gleichmässig an einem vorüber zieht. Davon bin ich echt geheilt. Ich definiere mich nicht mehr über Dinge die ich besitze. Davon habe ich echt losgelassen.

Machmal verkehrt sich das Ganze schon fast ins Gegenteil, in Konsumverweigerung. Mich kotzen diese globalisierten Billigangebote derart an, dass ich mich immer mehr davon enthalten will. Das ist meine einzige Macht als Konsument. Ich kaufe nicht oder eben nur sehr gezielt.

Der Umgang mit Zeit und der Umgang mit Geld sind eindeutig die zwei Bereiche, in denen sich bei mir in den letzten Jahren am meisten geändert hat. Zumindest äusserlich. Als Mensch an sich lernte ich in diesen Jahren verstärkt, Unwesentliches von Wesentlichem zu trennen und davon loszulassen. Fragen wie "was brauche ich wirklich?", "bringt mich das weiter?", "entspricht mir das?", "macht mich das glücklich?" stehen zunehmend im Vordergrund. Den Wunsch, mein Leben zu vereinfachen, den habe ich ja schon lange und schon öfters auch in diesem Blog erwähnt. Seit 2011 versuche ich das nun zunehmend konsequenter umzusetzen. Niemand anders kann das für mich tun und "die Gesellschaft" will das schon gar nicht unterstützen oder honorieren, denn es widerspricht dem gängigen Konzept.

So ist es nur logisch, dass ich irgendwann auf die offene Wunde "rauchen" blicken musste. Wer in seinem Leben immer mehr Eigenverantwortung übernehmen will, der widerspricht sich, wenn er seiner Gesundheit so offensichtlich wie durch Rauchen schadet. Ich trage ja auch Verantwortung meinem Körper gegenüber. Das ist mein Raumschiff durch die Zeit und diese dreidimensionale Welt. Das sollte ich nicht leichtfertig zerstören.

So habe ich in den letzten Jahren also von vielen Sachen losgelassen. Dadurch spüre ich mich selbst besser und klarer. Das ist ein wichtiger Punkt auf dem Weg der Selbsterkenntnis. Man muss möglichst alle Hindernisse aus dem Weg räumen, man muss loslassen und verabschieden, alles was nicht mit dem eigenen Selbst zu tun hat oder ihm gar zuwider läuft. Loslassen ist eine grosse Aufgabe und man würde zu Beginn gar nie vermuten, von was man alles loslassen kann. Materielle Dinge oder schlechte Angewohnheiten sind dabei vermutlich die einfacheren Dinge um loszulassen. Zweifel oder falsche Glaubenssätze sind schwieriger.

Wie bei allem im Leben stärkt Übung die Fähigkeit. Beim ersten Loslassen ist man voller Angst und Zweifel. Bein nächsten Loslassen ist es etwas einfacher und man beginnt etwas Vertrauen zu spüren und mit jedem weiteren Loslassen wächst das Vertrauen. Man spürt instinktiv, dass es "richtig" ist. Ich habe in den letzten vier Jahren etliche Male losgelassen und so ist das Vertrauen gewachsen, dass ich auch von den Zigaretten loslassen kann. Ich bin auf gutem Weg...

“Wenn du etwas loslässt, bist du etwas glücklicher. Wenn du viel loslässt, bist du viel glücklicher. Wenn du ganz loslässt, bist du frei.”, sagte der theravada-buddhistische Mönch Ajahn Chah.

bin ich eine Maschine?

In den letzten Tagen sind einige mir bekannte und populäre Leute gestorben. Udo Jürgens, Joe Cocker, Beny Rehmann und andere. Da macht man sich natürlich ein paar Gedanken. Ist unsere körperliche Existenz nicht vergleichbar mit einer Maschine, zum Beispiel einem Auto?

Meine Existenz startet mit 9 Monaten Aufbauarbeit im Bauch meiner Mutter und bei Geburt rolle ich als neues Auto vom Band. Kilometer 0. Nun erhalte ich einen Besitzer, mit dem ich mich durch diese dreidimensionale Welt bewegen werde. Dieser Besitzer heisst Geist. Mich, das Auto, nennen Sie Körper. Zusammen sollen wir eine Seele bilden und werden als Identität wahrgenommen.

In den Kinderjahren wird das Auto eingefahren. Die Gene legten schon fest, ob ich eher zu den sprintstarken Sportwagen zähle oder ob mein Chassis eher gemütlich bewegt werden will. In der Jugend wird man dann möglichst aufgebrezelt und getunt, bis das Auto zwischen 20 und 40 die Blüte erreicht. Alle körperlichen Systeme spielen hervorragend zusammen und es läuft für das Auto wie geschmiert. Vielleicht erleiden wir in den Jahren des täglichen Gebrauchs ein paar Blechschäden doch meist kommen wir wieder in Schuss. Man muss auch ab und zu mal Glück haben, um grösseren Blessuren oder gar einem Totalschaden ausweichen zu können.

Dann beginnt langsam das Alter. Die Wartungsarbeiten nehmen zu. Gewisse Ersatzteile werden zunehmend schwieriger zu beschaffen. Und unser Besitzer merkt das lange nicht. Er drückt noch immer wie ein Wilder aufs Gaspedal und hält die Drehzahl hoch. Das kann nicht lange gut gehen. Herzinfarkt ist gleich Kolbenklemmer, doch auch das lässt sich heute halbwegs gut reparieren. Nichts desto trotz, der Zahn der Zeit beginnt zu nagen. An der Karosserie, am Motor, an den anderen Subsystemen. überall kumulieren sich die Sünden der Vergangenheit.

Der technische Fortschritt hat Autos immer langlebiger gemacht. Das Durchschnittsauto Mensch fährt in der Schweiz derzeit schon fast 80 Jahre. Wenn eine Frau am Steuer sitzt, hält es sogar noch 3 oder 4 Jahre länger. Über 100jährige Autos sind selten und jedes, noch so langlebige, Fahrzeug findet vor 120 Jahren sein Ende. So ist das.

Jedes Auto wünscht sich einen sanften Tod. Am besten, wenn eines Morgens ganz einfach der Starter streikt und nichts mehr geht. Oder wenn während der Fahrt plötzlich ein wichtiges System zusammenbricht und das ganze Auto mit in den Tod reisst. Möglichst schmerzlos oder wenn schon schmerzhaft, dann wenigstens schnell und ohne langes Leiden.

Meist ist es aber anders und weniger spektakulär. Man bekundet Mühe im Verkehr. Alles wird immer schneller und es hat auch immer mehr Autos, die einem den Weg versperren oder einem anrempeln. So nehmen die kleinen Pannen immer mehr zu und es kommen vielleicht noch ein paar grössere Probleme dazu. Immer wieder muss man in die Garage und den Fachmann zum besten sehen lassen. Es braucht immer mehr Rostschutz und Schmiermittel. Die Pechvögel unter den Autos sterben in der Garage. Mit teuren Reparaturen hat man zwar das Leben noch verlängert, doch die Strassen unter den Reifen hat man schon lange nicht mehr gespürt. Es bleibt einem nur noch, von früheren, schöneren Zeiten zu träumen, bis dann endlich das Licht ausgeht.

Was mit dem Besitzer (dem Geist) passiert, weiss ich nicht. Ob da vorher schon etwas war oder ob da nach dem Tod noch etwas anderes kommt, das enzieht sich meinem Wissen. Hier geht es auch mehr um die mechanische Betrachtung oder Interpretation meines Körpers und somit meiner physischen Basis, die mich durch diese Art von Leben begleitet. Denn soviel ist klar. Ich manifestiere mich in dieser dreidimensionalen Welt mit einem Körper. Ohne materiellen Körper, keine Teilnahme am menschlichen, sozialen Leben.

Was also dieses, unser allgegenwärtig bekanntes Leben anbelangt, sind wir zwingend auf einen Körper angewiesen (ein Auto, ein Raumschiff, welches unseren Geist durch Raum und Zeit begleitet). Und mit dem Tod und der Verschrottung des Autos endet diese Reise. Es führt somit zu der Frage, ob Körper und Geist eins oder zwei sind. Stirbt auch der Geist, wenn der Körper stirbt? Fragen, auf die ich keine Antwort weiss. Fragen, die Religionen zu beantworten versuchen.

Um diesen Beitrag abzuschliessen. Natürlich ist mein Körper KEINE Maschine und somit auch nicht mit einem Auto zu vergleichen. Mich dünkt aber, dass diese Denkauffassung immer mehr Anhänger findet. Man beobachte die neuen Trends zu Fitness-Apps, Biofeedback-Uhren und dergleichen. All dem liegt ein mechanisches Verständins unseres Körpers zugrunde. Wer weiss, vielleicht wird in 10 Jahren meine Krankenversicherung auf Grund von gesammelten Biofeedbackdaten mein ganz persönliches Risikopotential und so meine Prämie kalkulieren. Denkbar, aber auch etwas erschreckend. Erschreckend deshalb, weil es zum Vergleich und zur Beurteilung ein Idealbeispiel geben muss, welches als erstrebenswertes Durchschnittsziel vorgegeben wird. Da kommen Gedanken an Zucht und Monokultur auf. Wer erinnert sich nicht an solche Ideal-Mensch-Vorstellungen. Davon gab es in der Geschichte der Menschheit schon mehrere und zum Glück scheiterten alle. 

Vielleicht kann man sagen, ein toter Körper sei eine Maschine. Eine kaputte Maschine, nicht mehr reparierbar ist. Solange aber Leben in einem Körper ist, solange ist ein Körper mehr als eine Maschine oder eine mathematisch belegbare Funktion.